Geprägt von der Nähe zu Frankreich

Gaggenau (ans) – Der Sester im Gaggenauer Wappen war ein badisches Hohlmaß zum Abmessen von Getreide.

„Badischer Sester“: Zu sehen im Mannheimer Landesmuseum für Technik und Arbeit. Foto: Klaus Luginsland/Technomuseum

„Badischer Sester“: Zu sehen im Mannheimer Landesmuseum für Technik und Arbeit. Foto: Klaus Luginsland/Technomuseum

2022 feiert die Stadt Gaggenau ihren 100. Geburtstag, denn im Jahr 1922 bekam der damalige Industrieort das Stadtrecht verliehen. Seit 1901 zierten ein Zahnrad und ein Glasbecher das Wappen. Das Emblem in seiner heutigen Erscheinungsform gibt es erst seit 1970. Viel älter ist jedoch der darauf abgebildete Sester, ein altes Hohlmaß für Getreide.

Dieser findet sich bereits in einem Siegelabdruck auf einer Vergleichsurkunde von 1787. „Das Siegel zeigt den Sester mit der Vierteilung des Kreises“, heißt es in Unterlagen des Gaggenauer Stadtarchivs. Zuvor wurden Urkunden mit dem Gerichtssiegel von Rotenfels versehen. Auch in einem Prägesiegel des 19. Jahrhunderts findet sich der Sester im Abzeichen wieder.

Wie die Wappenexpertin Gabriele Wüst vom Landesarchiv Baden-Württemberg erläuterte, war das ein gängiges Vorgehen: „Die im Generallandesarchiv Karlsruhe ab 1895 für viele badische Orte entworfenen Wappen orientieren sich in der Darstellung oft an älteren Siegel der Ortsgerichte oder Gemeinden, soweit diese ermittelt werden konnten.“ Darunter finden sich Symbole aus den Wappen der Ortsherrschaft oder eine Darstellung des jeweiligen Kirchenpatrons oder dessen Attributs. Auch Symbole aus dem täglichen Gebrauch in der Landwirtschaft kommen häufig vor. Als Beispiele führt Wüst die Pflugschar, das Rebmesser und den Sester als Kreis mit Querverbindung an.

Das Stadtwappen von Gaggenau. Foto: Archiv

© red

Das Stadtwappen von Gaggenau. Foto: Archiv

„Sester war ein badisches Maß für sackfähige Dinge zum Abmessen von Getreide“, erklärt Wüst. Nachdem das Gebiet des Großherzogtums Baden durch die napoleonischen Reorganisationen viermal so groß war wie einst die Markgrafschaft Baden, wurde in einer Verordnung 1810 festgelegt, dass im Großherzogtum Baden ein Sester 15 Litern entsprechen sollen.

„Der badische Sester ist ein Getreidehohlmaß und entspricht etwa 15 Litern. Das Maß darüber ist der Malter mit Arica 150 Litern, das darunter das Messlein, das knapp 1,5 Liter fasst“, erläuter Kreisarchivar Martin Walter. Den Sester könne man sich „als oben offenes, rundes Gefäß vorstellen, eher breit wie tief“, führt er weiter aus. An der Oberkante führt ein durchgehender Metallsteg zum Festhalten, beziehungsweise Schöpfen in der Mitte bis zum Boden.

„Die Bedeutung der Farbe kommt auf den Zusammenhang an“, dabei habe eine Farbe nicht unbedingt eine „spezielle Bedeutung“. Die Farben Gelb und Rot im Selbacher Wappen könnten auf Baden hindeuten. Zur Farbwahl geht aus den Wappenakten des Generallandesarchivs jedoch nichts Genaues hervor. „Möglicherweise war man ursprünglich bestrebt, sich von ähnlichen Wappen mit Sester in den badischen Farben Rot-Gold (Gelb) durch Silber-Rot (Weiß-Rot) bestmöglich zu unterscheiden, um Verwechslungen zu vermeiden“, vermutet Wüst.

Nach der Eingemeindung von Bad Rotenfels wurde das neue Wappen eingeführt

Nach der Eingemeindung von Rotenfels beschloss der Gemeinderat die Einführung eines neuen Wappens für die Gesamtstadt. Es sollte möglichst neutral sein. 1970 am 21. Dezember fiel die Entscheidung im Gemeinderat. Das Protokoll der Sitzung beschreibt das Wappen: „Auf rotem Schild einen silbernen (weißen) Sester, und zwar ohne Bord, jedoch mit schwarzem Rand sowie die Flagge und Hängefahne in den Farben Silber (weiß) – Rot.“

Die in der Wikipedia nachzulesende Interpretation einiger „Sesterdarstellungen als Übernahme der von zwei russischen Wissenschaftlern im 18. Jahrhundert entwickelten Zeichen für Elemente ist interessant“, meint Gabriele Wüst.

Dass diese Zeichen in den Dörfern der badischen Markgrafschaft des 18. Jahrhunderts bekannt waren, erscheint der Wappenexpertin als unwahrscheinlich. Denn das Symbol im Wappen von Plittersdorf, das dort als ein Beispiel aufgeführt wird, ist bereits in einem Siegel von 1558 zu finden.

Ihr Autor

BT-Volontärin Anna Strobel

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Erstellt:
17. Januar 2022, 07:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 44sec

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