Gernsbacher Bio-Winzer blickt nach vorn

Gernsbach (ham) – Biowinzer Rainer Iselin hadert mit der Witterung und ist trotzdem zuversichtlich.

So gut wie auf diesem Bild wird Rainer Iselin in diesem Jahr beim Herbsten nicht abschneiden. Aber die Betriebsübergabe ist auf einem guten Weg. Foto: Hartmut Metz/Archiv

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So gut wie auf diesem Bild wird Rainer Iselin in diesem Jahr beim Herbsten nicht abschneiden. Aber die Betriebsübergabe ist auf einem guten Weg. Foto: Hartmut Metz/Archiv

Ein Teil seines Wunsches hat sich für Rainer Iselin erfüllt: dass er 2021 auf den Hängen über Staufenberg nicht mehr schuften muss. Doch liegt das keineswegs daran, dass der 65-Jährige sein Weingut – wie erhofft – in jüngere Hände hätte übergeben können. Sondern es lag an der diesjährigen Ernte. „Der Ertrag ist mau“, sieht der Gernsbacher Biowinzer wenig Anlass, sich bei der Lese engagieren zu müssen. Beim „sensiblen Burgunder“ erwartet Iselin kein einziges Tröpfchen, beim robusteren einheimischen Riesling gebe es bestenfalls eine „symbolische Mini-Ernte“.

Der Klimawandel lässt den Murgtäler künftig „öfters Ausfälle“ wie diese erwarten. Frost, Regen und Hitze setzten dem ohnehin „schwachen Fruchtholz“ zu. Eine vierwöchige Blütezeit mit Pilzbefall von Peronospora und Mehltau (durch Niederschlag hervorgerufen) sorgte für eine ungleichmäßige Reife der Früchte, die sich Vögel, Mäuse und anderes Getier schmecken ließen. „Wenn du Biowinzer bist, kannst du dich nicht gegen die Natur wehren“, unterstreicht Iselin – und nimmt das karge Jahr 2021 wie anno 2016 halt gelassen. „Wir haben ja noch sehr guten Wein“, verweist Iselin auf die Rekordlese 2020, die wegen Corona und der dadurch in Gernsbach ausbleibenden Touristen „viel übrig ließ“.

Und für 2022 sehen die „Bioniere“ aus dem Murgtal, wie ihn und seine Frau Sara Iselin die Zeitschrift „Heimat“ unlängst wegen seiner Konzentration auf Biowein nannte, optimistisch in die Zukunft: „Die Chancen sind vom Ansatz des Fruchtholzes weit besser. Jetzt muss nur noch das Wetter mitmachen.“

Winzer zu sein, ist ein harter Job

Das wäre für seine potenzielle Nachfolgerin eine ideale Ausgangslage. Beide Kinder der Iselins, Sara und Adrian, leben in Berlin und verspüren wenig Hang zur Fortsetzung der Familientradition, die schon auf Großvater Alfred als Weinbauberater zurückgeht. Die Winzer favorisieren daher eine junge Bad Herrenalberin, die derzeit ihre Ausbildung abschließt, und die deren Lebenswerk nach 44 Jahren in Gernsbach fortführen soll.

Für den ausgeschriebenen „Biologischen Weinberg – 5,23 Hektar mit Baugrundstück. Lage Baden-Baden/Gernsbach, Staufenberger Grossenberg ...“ gab es mehr als ein Dutzend Interessenten. „Darunter waren viele Träumer, deren Pläne nicht nur am Geldbeutel, sondern am Fachwissen scheiterten“, erzählt Iselin und erinnert sich mit Gattin Sara vor allem an die erste Offerte eines Pärchens, das seine schöne Aussicht auf den Weinberg erhalten wollte. Die Vorstellungen der meisten Weingenießer seien eben eher von „romantischer“, verklärender Natur.

Aber: „Winzer zu sein, ist ein harter Job. Und reich wird man nicht“, betont der gebürtige Emmendinger nach exakt einem halben Jahrhundert in dem Metier. „Einfacher Millionär wird man mit Wein nur, wenn man vorher drei Millionen Euro auf dem Konto hatte“, scherzt das Gernsbacher Urgestein.

Der „Bionier“ setzt auf gute Nachfolger

Letzteres hätten womöglich russische Investoren verkraftet, die sich für das Weingut des Biowinzers interessierten. Doch der Verkauf war Sara und Rainer Iselin nicht geheuer. Das galt auch letztlich für einen Argentinier aus Mendoza. Der erwies sich zwar als Fachmann, „aber alles lief über London und Amsterdam – das wollten wir nicht“, begründet der 65-Jährige seine Ablehnung.

Ein gutes Gefühl hat Iselin nur bei der Bad Herrenalberin und einem „jungen Deutschen, der in Italien im Weinbau arbeitet und mit seiner Familie zurück nach Deutschland will“. Bei beiden „kommt eine Pacht ebenso in Betracht“, hatte der Eigentümer schon im Vorjahr auch diese Möglichkeit nicht ausgeschlossen. Denkbar wäre für ihn zudem eine Aufteilung der Aufgaben: „Der Nachfolger bringt seinen Arbeitseinsatz ein – und Sara und ich kümmern uns um Gebäude und den Verkauf“ – denn den Iselins liegt neben ihren Reben das märchenhafte Ambiente im Alten Rathaus am Herzen. Dieses „Kleinod und Schatzkämmerle“ hält Sara Iselin für eine „einmalige Kulisse“. Sie bringe „Frequenz durch Menschen aus aller Welt“, und „Heiratswillige“, die die Spendierhosen anhaben.

Für Rainer Iselin wäre es ein später Triumph, „wenn es mit meiner Idee und Philosophie des Bioweinguts weitergeht“. Anzeichen, als einer der ersten „Bioniere“ die Zeichen der Zeit erkannt zu haben, sieht der 65-Jährige mittlerweile bei der Europäischen Union (EU). „Früher wurden wir milde belächelt. Jetzt bin ich davon überzeugt, dass die EU die ökologischen Weinprojekte fördert!“ Gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Nachfolge in seinem Sinne.

Ihr Autor

BT-Redakteur Hartmut Metz

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Erstellt:
1. Oktober 2021, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 09sec

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