Gernsbacher Bürgermeister zieht Halbzeit-Bilanz

Gernsbach (stj) – Am 1. Oktober ist Bürgermeister Julian Christ seit vier Jahren im Amt: Das BT zieht Bilanz und gibt einen Ausblick auf die „zweite Halbzeit“.

Das „Mega-Projekt“ seiner ersten Amtszeit: Julian Christ beim ersten Baggerbiss zum Abbruch der Gebäude auf dem ehemaligen Pfleiderer-Areal am 29. Januar 2020. Foto: Petra Rheinschmidt-Bender (Stadt Gernsbach)

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Das „Mega-Projekt“ seiner ersten Amtszeit: Julian Christ beim ersten Baggerbiss zum Abbruch der Gebäude auf dem ehemaligen Pfleiderer-Areal am 29. Januar 2020. Foto: Petra Rheinschmidt-Bender (Stadt Gernsbach)

Es war zweifellos eine Genugtuung zur rechten Zeit: Mit dem am Montag gefassten Satzungsbeschluss für den „Wörthgarten“ hat Bürgermeister Julian Christ zusammen mit einer Gemeinderatsmehrheit und der Krause-Gruppe als Investor den Weg frei gemacht für die Entwicklung des ehemaligen Pfleiderer-Areals. Dass der kontaminierte Schandfleck eingangs der Papiermacherstadt nun verschwindet, ist wohl der größte Erfolg seines bisherigen Wirkens. Christs erste Amtszeit hat am 1. Oktober Halbzeit.

In den vier Jahren seit seiner Wahl 2017 war die kommunalpolitische Auseinandersetzung um das kontaminierte Grundstück prägend. Die Gemengelage (Altlasten, Gewässer erster Ordnung, FFH-Gebiet, Verkehr, Bürgerinitiative, starker Gegenwind von Teilen des Gemeinderats) war sehr schwierig und das Gesamtprojekt für eine Stadt wie Gernsbach eigentlich eine Nummer zu groß. Das gibt Christ im BT-Gespräch zu, umso mehr sei er stolz darauf, es so weit geschafft und die mehr als 15 Jahre dauernde Ungewissheit, was aus dem Gelände werden wird, beendet zu haben. Verschnaufpausen gibt es freilich keine: „Die Umsetzung wird die Verwaltung und das Bauamt weiter beschäftigen“, blickt Christ voraus. Nicht zuletzt die Frage des innerstädtischen Verkehrs gilt es nun zu lösen – und das vor dem Hintergrund einer stark angespannten Finanzlage.

„Einige beachtliche Erfolge“

In Geld geschwommen ist Gernsbach noch nie. Trotzdem blickt der junge Schultes „auf einige beachtliche Erfolge“ zurück: 140 neue Kinderbetreuungsplätze sind unter Christ geschaffen worden, lange Wartelisten konnten somit abgearbeitet werden. Die millionenschwere Sanierung der Realschule, die in vollem Gange ist, sowie Investitionen in Fachräume an Gymnasium und Gemeinschaftsschule zeigten den großen Fokus, den der Sozialdemokrat auf den Bereich Bildung lege: „Kurze Beine, kurze Wege“, nennt er sein Ziel. Um das zu erreichen, ist die ungeklärte Frage des künftigen Standorts einer Ganztagsgrundschule in der Kernstadt eine der zentralen Aufgaben für die nächsten vier Jahre: „Wir prüfen einen Neubau und die Sanierung im Bestand“, sagt Christ zur aktuellen Situation. Es gebe in Gernsbach durchaus Grundstücke, die für eine neue Grundschule in Frage kämen. Wo diese sind und wie die Stadt das bei all dem Sanierungsstau (Rathaus, Hallen) bezahlen will, konnte der Bürgermeister gestern nicht verraten.

Ehrgeizige Ziele trotz finanzieller Nöte

Als wichtigen Erfolg wertet Christ die Einrichtung des Eigenbetriebs Stadtwerke Gernsbach, die sich als eigenständige Institution um die Themen erneuerbare Energien, Breitbandausbau und Schwimmbäder kümmert. Letztere dürften nach schwierigen Jahren demnächst erst mal keine große Rolle mehr spielen: Die Stadt hat zuletzt in alle Freizeiteinrichtungen investiert und leistet sich weiterhin vier Freibäder. Das belastet natürlich den Haushalt, der in Gernsbach auch durch Corona in eine veritable Krise gerutscht ist. Dennoch setzt sich Christ ehrgeizige Ziele und sagt: „Es ist für mich tatsächlich nicht vorstellbar, sich von zentralen Infrastruktureinrichtungen zu trennen.“ Man müsse in Gernsbach aber damit leben, „dass nicht immer alles auf dem neuesten Stand ist“, mahnt Christ etwa mit Blick auf die Turn- und Festhallen.

Vorausschauend auf die nächsten Jahre zählt er vor allem die Umsetzung des Hochwasserschutzes (auch in der Schlossstraße), die Aufwertung der Altstadt, die Schaffung weiteren Wohnraums und neuer Spielplätze sowie den Umbau des Jugendhauses und den Ausbau der Verkehrs- und Radwege als Ziele auf. Für sich privat hofft der junge Vater einer Tochter, mit der Familie Ende des Jahres in sein Haus in der Altstadt einziehen zu können. „Wir fühlen uns hier zu Hause und sehr wohl in Gernsbach“, betont Christ, im Murgtal sein berufliches und privates Glück gefunden zu haben. Deshalb könne er jetzt schon sagen, dass er in vier Jahren zur Wiederwahl antritt.

„Traurige und schmerzhafte Erkenntnis“

In den ersten vier Jahren seiner Amtszeit war das vom Rastatter Kreistag besiegelte Aus der Handelslehranstalt (HLA) in Gernsbach die bitterste Erfahrung für Bürgermeister Julian Christ. Beim Halbzeitgespräch mit dem BT bezeichnete er seine letztlich gescheiterten Bemühungen, die an sich erfolgreiche Bildungseinrichtung am Färbertorplatz zu erhalten, als „traurige und schmerzhafte Erkenntnis“. Vorwerfen könne er sich diesbezüglich nichts, er habe im Kreistag schließlich nur eine Stimme, so Christ. Dass die Mehrheit anders entschied, „tut uns als Stadt schon weh“. Auch die Art und Weise, wie man in der Papiermacherstadt von der angestrebten Folgenutzung des Gebäudes erfahren habe, sei kein guter Stil gewesen. Bevor das Landratsamt bekannt gegeben hat, dass die Schule für Pflegefachberufe ins HLA-Gebäude einziehen werde, habe es keine Kommunikation mit der Stadt gegeben. Auch deshalb habe Gernsbach die aus den 1970er-Jahren stammende Vereinbarung mit dem Landkreis aufgekündigt, kostenlos bis zu 60 Stellplätze auf dem Färbertorplatz zur Verfügung zu stellen. Diese Vereinbarung war an die Nutzung des Gebäudes als HLA geknüpft. Sollte der Landkreis dort auch künftig Parkplätze benötigen, ginge dies nur über finanzielle Kompensation, machte Christ gestern deutlich.

Zielstrebig mit Luft nach oben: Ein Kommentar von Stephan Juch

Die Bilanz kann sich sehen lassen, die Julian Christ nach vier Jahren vorzuweisen hat. Neben dem Mammutprojekt auf dem Pfleiderer-Areal, das durch die Schenkung des Katz’schen Gartens einen erfreulichen Nebeneffekt hat, sind besonders die Kinderbetreuung und die Einrichtung des Eigenbetriebs Stadtwerke zu nennen. Die Brückenmühle scheint nun eine sinnvolle Renaissance zu feiern. In Reichental und Hilpertsau freut man sich über neue Bauplätze; Staufenberg soll folgen. Es wird eifrig geschafft in der Stadt – Baugebiete in Scheuern, neue Märkte in der Schwarzwaldstraße, Modernisierung der Realschule. An sich gäbe es kaum was zu meckern, wären da nicht einige Kratzer in der Amtsführung von Christ. Nach seiner Omnipräsenz im Wahlkampf hat er sich bei den Vereinen rar gemacht, bei Veranstaltungen geht er gerne mal früher oder schickt einen Stellvertreter. Das sehen die geselligen Gernsbacher nicht so gerne. Auch die versprochene Transparenz lässt man im Rathaus gelegentlich vermissen. Geschadet hat dem Bürgermeister das kommunalpolitische Scharmützel um das Freibad in Lautenbach, dessen längst beschlossene Sanierung Christ erst nicht-öffentlich in Frage stellte, ehe die SPD dann die AfD für einen entsprechenden Antrag instrumentalisierte. Auch wenn das Schwimmbad inzwischen saniert ist, dürften ihm die Lautenbacher das so schnell nicht vergessen. Christ hat angekündigt, künftig wieder vermehrt mit Bürgern und Vereinen ins Gespräch kommen zu wollen. Das ist sicher der richtige Weg, um die paar Kratzer verheilen zu lassen.


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