Gernsbacher Spedition geht neue Wege

Gernsbach (mo) – Ein Knochenjob und noch dazu schlecht bezahlt: Der Beruf des Lkw-Fahrers hat nicht das beste Image. Eine Gernsbacher Spedition musste deshalb neue Wege gehen.

Auf dem Bock: Florian Nahrgang fühlt sich am Steuer seines Lkws wohl. Trotz der schlechten Arbeitsbedingungen liebt der Fernfahrer seinen Beruf. Foto: Cheyenne Nahrgang

Auf dem Bock: Florian Nahrgang fühlt sich am Steuer seines Lkws wohl. Trotz der schlechten Arbeitsbedingungen liebt der Fernfahrer seinen Beruf. Foto: Cheyenne Nahrgang

Constantin Gils liebt Herausforderungen. „Mit kleinen 18-Tonnern langweile ich mich“, sagt der 29-Jährige. Am liebsten steuert er schwere Sattelzüge über die Straße: „Je größer, desto besser.“ Schon als Kind klebte Gils bei Autofahrten an der Fensterscheibe, wenn auf der Autobahn die Lastwagen vorbeirauschten.

Die Faszination für die altbekannte „Trucker-Romantik“ ist geblieben. Vor einem knappen Jahr hat Gils die Ausbildung zum Berufskraftfahrer abgeschlossen. Den Lkw-Führerschein hat er bei einer Fahrschule in Muggensturm gemacht.

Gils ist eine Ausnahme. Nur wenige junge Menschen streben eine Laufbahn als Lkw-Fahrer an. Die Speditionen stellt das vor Herausforderungen. „Das ist ein Riesenproblem“, sagt Alexander Schamne. Er ist Geschäftsführer der Spedition IAS-Logistik GmbH in Gernsbach.

Branchenübliche Bezahlung ist miserabel

„Eine Stelle zu inserieren war für mich persönlich rausgeschmissenes Geld“, sagt Schamne: „Es hat sich niemand gemeldet.“ Deshalb hat der Spediteur vor zwei Jahren umgesattelt: Er beschäftigt kein eigenes Personal mehr, sondern wickelt seine Aufträge überwiegend über ausländische Subunternehmen ab. Dass niemand mehr den Job machen wolle, sei kein Wunder, sagt Schamne.

Die Bezahlung in der Branche sei miserabel, die Speditionen aus Osteuropa drückten die Löhne. Deutsche Speditionen könnten ihren Fahrern aber nur dann mehr Lohn zahlen, wenn ihre Auftraggeber mitziehen. Noch dazu schreckten die Kosten für den Lkw-Führerschein viele ab: Rund 7.000 Euro müssten Berufsanfänger dafür hinblättern. „Die Politik sollte den Beruf lukrativer gestalten – zum Beispiel, indem sie einen Teil des Führerscheins bezahlt“, findet Schamne.

Björn Lommatzsch sieht das ähnlich. Er leitet die Fahrschule Lommatzsch in Muggensturm. Zwischen 50 und 60 Menschen machten bei ihm im Jahr den Lkw-Führerschein – darunter nicht nur angehende Berufskraftfahrer, sondern auch Mitglieder von Feuerwehr oder Technischem Hilfswerk (THW). Früher, erzählt Lommatzsch, seien viele Ruheständler zu ihm in die Fahrschule gekommen, die ihre Rente mit Lkw-Touren aufstocken wollten.

2009 wurde für den Führerschein eine Grundqualifikation Pflicht. Heißt: 140 Stunden zusätzlich, drei- bis viertausend Euro obendrauf. Das habe die Rentner ausgebremst. „Wer zahlt so viel Geld, wenn er sich nur etwas dazu verdienen will?“, fragt Lommatzsch.

Fahrschulen benötigen spezielles Zertifikat

Noch dazu benötigen Fahrschulen ein spezielles Zertifikat, um den Lkw-Führerschein anzubieten. „Reine Geldmacherei“, findet Lommatzsch. Das habe dazu geführt, dass immer weniger Fahrschulen Kraftfahrer ausbilden – und die Schüler weite Wege auf sich nehmen müssen.

Bei Constantin Gils hat der Ausbildungsbetrieb den Führerschein bezahlt. Der schlechte Ruf der Branche hat ihn nicht abgeschreckt. „Ich habe vorher in der Gastronomie gearbeitet“, erzählt Gils: „Da ist es auch stressig.“

Und trotzdem: Bei den Schauergeschichten, die Kollegen aus anderen Betrieben ihm erzählen, „schlage ich die Hände über dem Kopf zusammen“. Arbeitszeiten zwischen 14 und 16 Stunden am Tag seien nicht ungewöhnlich. Einige stellten die Fahrerkarte, die das Arbeitspensum erfasst, beim Be- und Entladen des Fahrzeugs auf Pause: „Da wird getrickst, wo es nur geht.“ Die Abbruchquote während der Ausbildung sei hoch gewesen: „Anfangs waren wir noch 60 Leute in der Berufsschule“, erinnert sich Gils: „Bei der Prüfung am Ende waren es nur noch 18.“

Tagelange Fahrten nach England und Spanien

Gils selbst will sich nicht beschweren. Der 29-Jährige arbeitet im Schichtdienst und beliefert Edeka-Märkte in der Umgebung mit Fleisch, Fisch oder Pizzateig. Er fährt Strecken bis in die Pfalz, in den Stuttgarter Raum oder die Rheinschiene entlang bis nach Basel. 200 bis 300 Kilometer ist er pro Schicht unterwegs.

Florian Nahrgang ist mit seinem Lkw oft tagelang unterwegs – bis nach Frankreich, England oder Spanien und wieder zurück. Seinen Führerschein hat der 33-Jährige genau wie Gils bei der Muggensturmer Fahrschule Lommatzsch gemacht, danach bei einer Spedition in Kuppenheim angefangen.

Heute leitet er ein Transport-Unternehmen in Waldbronn. „Die Branche ist verrufen“, bedauert Nahrgang. Viele Kunden seien unfreundlich. Die Fahrer warteten teils im Regen vor dem Büro darauf, hereingelassen zu werden. Teilweise dürften sie noch nicht einmal die Toilette benutzen. „Je größer die Bude, desto schlimmer“, sagt Nahrgang.

Rastplätze sind oft überfüllt

Von der Parkplatzsituation ganz zu schweigen. Die Rastplätze seien überfüllt, die nächtliche Stellplatzsuche eine Odyssee. Auf den Parkplätzen in Gewerbegebieten fehle es an Mülleimern oder Toiletten. Einige Fahrer pinkelten notgedrungen ins Gebüsch.

Trotz der „bescheidenen Umstände“ hadert Nahrgang nicht mit seinem Job: „Die Leidenschaft zum Lkw ist größer.“ Auch Constantin Gils bereut seine Berufswahl nicht. Er plant zwar, seinen Meister zu machen, um in den Innendienst zu wechseln. Aktuell sei das aber keine Option: „Noch macht das Fahren Spaß.“

Zuhause wartet die nächste Herausforderung: In der Garageneinfahrt steht ein alter Feuerwehrwagen, den er zum Wohnmobil umbauen will.

Ihr Autor

Marie Orphal

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Erstellt:
19. Januar 2022, 20:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 20sec

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