Gesamtkunstwerk: Kunsthalle Karlsruhe wird 175

Karlsruhe (cl) – Bestens erhaltenes Gesamtkunstwerk: Die Kunsthalle Karlsruhe ist am 1. Mai vor 175 Jahren eröffnet worden. Heinrich Hübsch plante sie für die Gemäldesammlung des Großherzogtums Baden.

Vorzeigearchitektur: Die Kunsthalle Karlsruhe mit dem von Heinrich Hübsch erbauten Trakt gehört zu den großen deutschen Museumsbauten des 19. Jahrhunderts.  Foto: Bruno Kelzer/Kunsthalle

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Vorzeigearchitektur: Die Kunsthalle Karlsruhe mit dem von Heinrich Hübsch erbauten Trakt gehört zu den großen deutschen Museumsbauten des 19. Jahrhunderts. Foto: Bruno Kelzer/Kunsthalle

Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe ist nicht nur in der gleichen Zeit entstanden wie die großen deutschen Museumsbauten in München, Berlin und Dresden, sie steht auch in der Reihe dieser Vorzeigearchitekturen des 19. Jahrhunderts, vor allem mit ihrem ältesten, dem 1837 bis 1846 erbauten Trakt von Heinrich Hübsch. Schon der aus Weinheim stammende Hübsch, in der Nachfolge seines Lehrers Friedrich Weinbrenner später selbst der oberste Baubeamte und führende Architekt des Großherzogtums Baden, entwarf die Kunsthalle als Vierflügelanlage (damals allerdings noch nicht verwirklicht). Bis ins 20. Jahrhundert hinein ist die heutige Kunsthalle des Landes Baden-Württemberg von vier Architekten, neben Hübsch, von Josef Durm, Heinrich Amersbach und Heinz Mohl vervollständigt worden. Sie gehört mit ihrer hochkarätigen Gemäldesammlung zu den wichtigsten Museen Deutschlands.

Nun soll das Hauptgebäude von dem Berliner Büro Staab Architekten modernisiert werden und eine gläserne Kuppel sowie neue Zugänge in die einzelnen Abteilungen in einer tiefergelegten Eingangshalle erhalten. Ab Ende des Jahres geht sie deshalb in eine mehrjährige Schließzeit und wird zur Großbaustelle. Doch zunächst einmal steht ein Jubiläum an, das allerdings derzeit nicht gefeiert werden kann.

Vor 175 Jahren – am 1. Mai 1846 – wurde der historische Bau für die Gemäldesammlung des Hauses Baden eröffnet. Seitdem heißt das von Großherzog Leopold von Baden bestellte neue Akademiegebäude „Kunsthalle“. In dem Neubau sollte Hübsch, der Verfechter des Rundbogenstils, einen von ihm propagierten, neuen Baustil realisieren – in einem klar definierten, unverputzten Kubus mit horizontaler Ausdehnung im Erdgeschoss und einer aufstrebenden architektonischen Leichtigkeit im Stockwerk darüber: als eine modernere Antwort auf die klassizistische Architektur seines Vorgängers Weinbrenner.

Als Vorbild dienten Hübsch die Bauten Leo von Klenzes, des Hofarchitekten von König Ludwig I. von Bayern; jener folgte in seinem Baustil einer im 19. Jahrhundert geführten Debatte um die farbige Fassung antiker Architektur. Hübsch konzipierte in diesem Sinne farbige Wände und die Dekoration der Decken in der Kunsthalle Karlsruhe – die, zwar durch den Krieg beschädigt, im Wesentlichen aber original erhalten sind und in den 1980er Jahren restauriert wurden. Vor allem aber wollte Hübsch in der Kunsthalle ein Gesamtkunstwerk realisieren – die Einheit der schönen Künste feiern.

Heutiger Rundgang 1982 angelegt

Hübschs bautechnisch innovative Architektur ist gekennzeichnet durch die Abfolge verschieden großer kuppelüberwölbter Räume im Unter- und Obergeschoss. Das doppelläufige Treppenhaus mit einem Fresko von Moritz von Schwind vermittelt beim Eintreten in die zweigeschossige Eingangshalle mit den drei Achsen einen Eindruck sakraler Würde. Auf seinem vielfigurigen Historienbild, in dessen Zentrum ein Rundbogen-Portal des Freiburger Münsters platziert ist, formuliert Schwind ein politisches Programm: die pompöse Einweihung des Gotteshauses, als eine 700 Jahre badische Geschichte repräsentierende Fiktion des historischen Ereignisses. Inmitten der Prozession befinden sich Hübsch und Weinbrenner. Auch im Vorlegesaal der Kunsthalle, dem heutigen Kupferstichkabinett, hat der Wiener Maler von Schwind Fresken hinterlassen: einfarbige Figuren in einem Terrakotta-Ton vor dunklem Hintergrund: Die „Philostratischen Bilder“ entstanden nach einer neapolitanischen Sammlung, die auch Goethe in einem Aufsatz aufgriff.

1896 wurde der Neubau von Joseph Durm eröffnet. Der Durm-Flügel ist Ende des 20. Jahrhunderts grundlegend modernisiert worden. Auf Anregung des Schwarzwälder Malers Hans Thoma, des damaligen Kunsthallendirektors, waren bis 1910 schließlich der dritte Flügel von Amersbach und die „Thoma-Kapelle“ realisiert worden. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kunsthalle durch Brandbomben stark beschädigt, vieles musste abgerissen werden, die Ausstattung der Obergeschoss-Säle ging verloren. Ab 1982 hat der Karlsruher Architekt Heinz Mohl die Kunsthalle mit ihren historischen Schauräumen und der „Thoma-Kapelle“ umfassend saniert und durch einen Ergänzungstrakt erweitert, in diesem Zuge entstand auch der heutige Rundgang für die Kunst im Obergeschoss.

Den Grundstein für die reiche Sammlung der Kunsthalle Karlsruhe legten die Markgrafen von Baden. Einen Schlüsselmoment in der Familien- und Sammlungsgeschichte der Herrscher besitzt das Haus mit Hans Baldung Griens sogenannter Markgrafentafel (um 1509/12): Das panoramaartige Gemälde zeigt Christoph I. von Baden-Baden mit seiner Familie in Anbetung der Heiligen Anna Selbdritt, als er zum Alleinerben der badischen Stammlande bestimmt wurde.

„ Markgräfin Karoline Luise mit ihren beiden ältesten Söhnen“ von Joseph Melling aus dem Jahr 1757: Die Meister-Sammlerin aus dem Hause Baden legte Grundstock der Gemäldesammlung der heutigen Kunsthalle Karlsruhe an.  Foto: Uli Deck/dpa

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„ Markgräfin Karoline Luise mit ihren beiden ältesten Söhnen“ von Joseph Melling aus dem Jahr 1757: Die Meister-Sammlerin aus dem Hause Baden legte Grundstock der Gemäldesammlung der heutigen Kunsthalle Karlsruhe an. Foto: Uli Deck/dpa

Vor allem Markgräfin Karoline Luise von Baden (1723-1783) erwies sich mit Geschick, Geschmack und guten Verbindungen als Meistersammlerin. Sie sammelte ab 1759 für ihr „Mahlerey-Cabinet“ in der damals neuen Karlsruher Residenz. Von Karoline Luises Bilderschatz mit rund 200 Werken werden heute 151 in der Kunsthalle verwahrt. Auf einem Gemälde des französischen Meisters Jean-Etienne Liotard ist die kunstsinnige Prinzessin Caroline Luise von Hessen-Darmstadt (1745) als versierte Amateurmalerin verewigt. Die der französischen Kultur zugeneigte Markgräfin legte den Grundstock für eine reiche Sammlung französischer Meister des 17. und 18. Jahrhunderts – von Poussin, Chardin bis Boucher, dem gerade eine Retrospektive gewidmet ist. „Bis heute gilt die Karlsruher Sammlung selbst in Frankreich als schönste und ausgewählteste Franzosensammlung des 18. Jahrhunderts“, sagte der zuständige Abteilungsleiter Holger Jacob-Friesen anlässlich der Großen Landesausstellung 2015 zu Ehren der Markgräfin.

Aber vor allem die Altdeutsche Malerei der Spätgotik und der Renaissance bilden den Ausgangspunkt der Karlsruher Sammlung. Werke von Dürer, Holbein, Cranach gehören dazu. Die „Karlsruher Passion“, eines der bedeutendsten Werke des Spätmittelalters aus Straßburg, ist seit einem spektakulären Erwerb der sechsten Tafel („Geißelung Christi“) 1999 wieder fast vollständig. Vier Werke von Grünewald und Baldung Griens „Geburt Christi“ gehören zu den Höhepunkten. Spitzenstücke der niederländischen Genremalerei von Teniers etwa, Stillleben und Porträts von Rembrandt, Rubens, Anthonis van Dyck sind normalerweise zu sehen.

Deutsche Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts wie Caspar David Friedrich und Wilhelm Schirmer kamen hinzu, die französischen Impressionisten ebenfalls. Bis in die deutsche Gegenwartskunst reicht der Bestand. Großteils wandern die rund 100.000 Werke, darunter 3.600 Gemälde, in der Sammlung ab Herbst in Depots. Eine Auswahl wird ab 2022 im ZKM einen Interimsstandort finden.

Derzeit harrt die bis 30. Mai verlängerte Boucher-Ausstellung ihrer erneuten Öffnung.


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