„Gesicht und soziales Gefüge in Gefahr“

Gernsbach (stj) – Anwohner in Hilpertsau machen gegen Pläne der Stadt Gernsbach mobil, das Bahnhofsareal mit mehr als 40 neuen Wohneinheiten zu bebauen.

In Hilpertsau (hier ein Blick in die Gartenstraße) formiert sich Widerstand gegen die Pläne für das Bahngelände. Foto: Veronika Gareus-Kugel

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In Hilpertsau (hier ein Blick in die Gartenstraße) formiert sich Widerstand gegen die Pläne für das Bahngelände. Foto: Veronika Gareus-Kugel

Nach der Ablehnung des Ortschaftsrats dachten einige Hilpertsauer, die Pläne für das Bahnhofsareal wären vom Tisch. Dem ist aber nicht so, denn das Gremium hat bei städtebaulichen Fragen nur empfehlenden Charakter. Die Entscheidung trifft der Gemeinderat. Dort sollte der Planentwurf „Bahngelände Hilpertsau“ am Montagabend für die Offenlage gebilligt werden. Auf Antrag des Ortschaftsrats wurde das Thema aber kurzfristig von der Tagesordnung abgesetzt.

Unterdessen formiert sich bei den direkt betroffenen Anliegern breiter Widerstand. Für sie steht fest, dass „durch diese sechs klotzartigen Flachdachbauten mit einer Höhe von bis zu 13,5 Metern das Gesicht und wohl auch das soziale Gefüge von Hilpertsau sich nachhaltig verändern werden. Immobilien- und Wohnwert der direkt angrenzenden, aber auch der umliegenden Bebauung werden teils massiv beeinträchtigt werden.“ Deshalb gehe das Thema alle an. Mit über 40 neuen Wohneinheiten kämen auf die Einwohnerzahl von rund 1.100 etwa hundert neue hinzu – und schon jetzt seien Schule, Kindergarten und Spielplatz ausgelastet, mahnen die besorgten Hilpertsauer.

Mehrere von ihnen haben sich schon im Rahmen der frühzeitigen Bürgerbeteiligung zu Wort gemeldet und das umstrittene Vorhaben der Stadt einhellig abgelehnt. Die zahlreichen Einsprüche reichten von der Stellplatzproblematik, fehlenden Gehsteigen bis hin zu Bedenken hinsichtlich Verkehr, Lärmschutz und Schadstoffbelastung. Ortsvorsteher Walter Schmeiser nannte das Vorhaben „drei Nummern zu groß für das Gelände“.

„Die meisten Leute waren schockiert – kaum jemand hat das Ausmaß vor Augen“

Am Wochenende waren zwei Anwohner zur Aufklärung mit einem aktuellen Ausdruck der Pläne der Stadt im Dorf unterwegs. „Die meisten Leute waren schockiert – kaum jemand hat das Ausmaß vor Augen, überall herrscht Verwunderung und Ablehnung“, lautete deren Fazit nach ihrem Gang durch Hilpertsau. Bei Neubauten in der Gartenstraße habe die Stadt noch vor wenigen Jahren die Häuslebauer mit Vorschriften bezüglich Dachneigung und Höhe, die sich „in die Umgebungsbebauung einfügen müssen“, gegängelt. Und diese sollen nun direkt nebenan 10,5 bis 13,5 Meter hohe Flachdachklötze einfach so hinnehmen? Im Abwägungsvorschlag der Stadt wurden praktisch alle Einwendungen der Anwohner vom Tisch gewischt; die Anregungen aus dem Ortschaftsrat hinsichtlich einer modifizierten und weniger massiven Bebauung haben ebenfalls keinerlei Berücksichtigung gefunden.

Auch juristisch ist die Vorgehensweise der Stadt Gernsbach umstritten. Weil rund die Hälfte des zu bebauenden Bereichs in Privatbesitz ist und der Eigentümer keine Flächen verkaufen möchte, stellt die aktuell vorgelegte Planung einen weitgehenden Eingriff in die Eigentumsrechte dar – insbesondere weil dann die Zulassung neuer gewerblicher Nutzungen nicht mehr möglich wäre. Zudem drohen dem Besitzer aufgrund vertraglicher Regelungen, die beim Kauf des Areals von der DB Netz AG getroffen wurden, plötzlich Nachzahlungen in Höhe von mehreren hunderttausend Euro.

Problematisch dürfte bei den Plänen der Stadt Gernsbach auch das Erreichen der Zielvorgabe „sozialer Wohnungsbau“ sein. Denn eine Wohnnutzung, die den Immissionsgrenzwerten durchgängig entspricht, macht wohl umfangreiche Schallschutzmaßnahmen erforderlich – und das ist teuer. Zweifelhaft erscheint zudem, ob die Fläche für die geplante neue Erschließungsstraße überall ausreichend breit dimensioniert ist; in Teilen könnten massive Stützmauern erforderlich werden.

Scheuern lässt grüßen: Ein Kommentar von Stephan Juch

Es wäre das einzig Richtige, den Bebauungsplan „Bahngelände Hilpertsau“ einzustampfen oder ihn drei, vier Nummern kleiner auszugestalten. Das Verfahren war schon vor Beginn in weiten Teilen hinfällig, weil nahezu die Hälfte der bebaubaren Fläche weder für den Verkauf noch für Wohnbau zur Verfügung steht. Man kann hier den Eindruck gewinnen, es geht eher darum, ein Privatvorhaben zu torpedieren, als bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Städtebaulich mögen die „Klötze“ ins Konzept der Stadt passen, aber sicher nicht nach Hilpertsau. Auf dem Schwesternheim-Areal in Scheuern sieht man, wie eine viel zu massive Bebauung das Ortsbild nachteilig verändert. Dass die Stadt ihre Pläne mit öffentlichen Belangen begründet, dürfte für die Anlieger wie Hohn klingen. Schließlich sind auch sie Bürger der Stadt, denen die Verwaltung in erster Linie zu dienen hat – und nicht irgendwelchen Investoren, die vermeintlich bezahlbaren Wohnraum (was auch immer das genau heißt) nach Gernsbach bringen.

Ihr Autor

BT-Redakteur Stephan Juch

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Erstellt:
26. April 2021, 17:04 Uhr
Lesedauer:
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