Gespanntes Warten auf psychiatrisches Gutachten

Rastatt/Baden-Baden (up) – Im Rastatter Mordfall wird sich am Dienstag voraussichtlich ein Gutachter zur Schuldfähigkeit des Angeklagten äußern, der offenbar an schweren seelischen Störungen leidet.

Haft im Gefängnis oder Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus? Der fünfte Verhandlungstag am Landgericht Baden-Baden könnte für den 37-jährigen syrischen Angeklagten entscheidend sein. Foto: Sarah Reith

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Haft im Gefängnis oder Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus? Der fünfte Verhandlungstag am Landgericht Baden-Baden könnte für den 37-jährigen syrischen Angeklagten entscheidend sein. Foto: Sarah Reith

Der am Dienstag stattfindende fünfte Verhandlungstag im Prozess gegen einen 37 Jahre alten Mann aus Syrien könnte für den Angeklagten von entscheidender Bedeutung sein. Es ist zu erwarten, dass der psychiatrische Gutachter Frank-Stefan Müller sich zur Schuldfähigkeit des Angeklagten äußert, der im vergangenen September seine von ihm getrennt lebende Ehefrau getötet haben soll. Sowohl die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus als auch Haft im Gefängnis ist denkbar.

Dass der Beschuldigte offenbar mit gravierenden psychischen Problemen zu tun hat, zeichnete sich bereits bei den ersten Ausführungen Müllers am vergangenen Dienstag ab. Prozessbeobachtern konnte bis dahin auffallen, dass der Mann auf der Anklagebank einerseits einen eher niedergeschlagenen Eindruck machte, andererseits jedoch vollkommene Gewissheit darüber ausstrahlte, mit dem Mord an der Mutter seines fünfjährigen Sohnes richtig und im „Sinne Gottes“ gehandelt zu haben.

Bei der Vernehmung des Liebhabers der Frau zum nach dem Rechtsverständnis des Angeklagten vollzogenen Ehebruch hatte er diesem im Gerichtssaal lautstark und mit fester Stimme zugerufen: „Wer Gott fürchtet, tut so etwas nicht“, so die Übersetzung des Dolmetschers.

Gescheiterter Versuch der Selbsttötung

Gutachter Müller beschrieb den langen Weg des Angeklagten in seine jetzige Situation anhand von schwierigen Erfahrungen, die der Mann in Syrien gemacht hat. Er wurde als ältestes von sieben Kindern in Idlib nahe der syrisch-türkischen Grenze geboren. Dort wurde er als Kind bei einem Autounfall schwer verletzt. Das Verhältnis zum Vater, einem Polizeibeamten, sei schwierig geworden, als er im Alter von 14 Jahren seine Mutter bei einem Konflikt vor ihm beschützen wollte. Der Vater habe ihn damals so heftig geschlagen, dass er 15 Tage lang auf der Intensivstation eines Krankenhauses gelegen habe.

Seither sei er sehr dünnhäutig gewesen und habe immer wieder Nervenzusammenbrüche gehabt. Außerdem begann er, wenn er großen inneren Druck verspürte, sich selbst mit einem Messer zu schneiden. Das habe ihn innerlich entlastet, so der Angeklagte. Diese Entlastung könne er auch dadurch erreichen, dass er andere verletze. Zu schaffen machten dem Angeklagten zudem Panikattacken, die vermutlich ihre Ursache unter anderem in den Kriegshandlungen haben, die in Syrien nach wie vor stattfinden. Drei seiner Geschwister hätten durch den Krieg ihr Leben verloren.

2010 sei er in Damaskus psychiatrisch behandelt worden. 2012 heiratete er seine Frau, das spätere Opfer. Sie war zu diesem Zeitpunkt bereits einmal geschieden und hatte zwei Kinder, die heute im Teenager-Alter sind. Als der Angeklagte 2016 nach Deutschland kam, habe sich seine psychische Verfassung deutlich verbessert. Die „Krise“, wie er den großen inneren Druck bezeichnet, stellte sich nicht mehr ein und zeigte sich erst wieder, als er vom neuen Freund seiner Frau erfuhr, die nach islamischer Rechtsvorstellung bereits von ihm geschieden war.

Daraufhin hatte er etwa 14 Tage vor der Tat einen Selbsttötungsversuch unternommen, indem er Tabletten einnahm. Damals konnte er jedoch rechtzeitig medizinisch versorgt werden. Auch nachdem er sich am Morgen des 20. September Zutritt zu der Wohnung seiner Frau verschafft hatte, sei die „Krise“ wieder gekommen. Er habe sich in Gegenwart der Frau zunächst selbst töten wollen und schnitt sich mehrfach in den rechten Unterarm. Wie Rechtsmediziner Markus Große Perdekamp festgestellt hatte, verletzte der Angeklagte jedoch keine größeren Gefäße. Die Frau soll ihn in dieser Situation noch provoziert haben, worauf sich seine Wut wieder auf sie richtete und er mit großer Wucht auf sie einstach. Sie zu töten, sei sein Recht gewesen, auch wenn sie nach islamischer Tradition geschieden waren.

Syrer beruft sich auf „Willen Gottes“

„In Syrien hätten das ihre Brüder getan“, so der Angeklagte. Er gibt damit ein widersprüchliches Bild ab. Charakteristisch ist einerseits seine vermeintliche Gewissheit, den „Willen Gottes“ zu kennen, andererseits ist er in seinem Handeln offenkundig getrieben von den Folgen schwerer körperlicher und psychischer Verletzungen.

Während der Tat trug er ein T-Shirt, das mit einem Bild aus dem US-amerikanischen Gangsterfilm „Pulp Fiction“ (1994, übersetzt: „Trivial- oder Schundliteratur“) bedruckt war, wie auf Polizeifotos zu sehen ist. In dem oscarprämierten Film werden zahlreiche Mordszenen grotesk alltäglich dargestellt. Kritiker streiten sich bis heute darüber, ob der Film gewaltverherrlichend oder eine Komödie ist.


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