Gespenstische Stimmung beim Geisterritt

Iffezheim (fk) – Sportlich hält das Iffezheimer Frühjahrsmeeting, was es verspricht – doch letztlich bleibt es nur ein Schatten seiner selbst.

Vor leeren Rängen, auf denen sich nur ein paar Helfer versprengen, donnern die Galopper über die Zielgerade. Foto: Tuchel

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Vor leeren Rängen, auf denen sich nur ein paar Helfer versprengen, donnern die Galopper über die Zielgerade. Foto: Tuchel

Sportreportagen beginnen für gewöhnlich mit dramatischen Schilderungen der Szenerie auf den Feldern der Gladiatoren, schwingen sich rhetorisch empor in martialisch kriegerische Phrasen und ringen um metaphorische Bilder, die dem Unfassbaren, die der Spannung Ausdruck verleihen. Und eigentlich hätte das auch dieser Text verdient, denn die Entscheidung im Großen Preis der Badischen Wirtschaft auf dem Iffezheimer Turf beim Frühjahrsmeeting, sie war eng, sie war spektakulär, sie war dramatisch. Und sie war gespenstisch.
Kein Jubel, kein vor Ärger weggeworfener Wettzettel, keine Siegerpose. Nur Spinnweben, die sich an den Haltegriffen des Tribünengeländers im sanften Wind wiegen und ein Rauschen aus den Deckenlautsprechern. Das war alles.

Die Corona-Pandemie hat dem Meeting seinen Glanz genommen, sie hat die Galoppprüfungen zu einem Schatten ihrer selbst gemacht. Noch nie schien die Formulierung Geisterrennen so angebracht, denn was da auf dem Turfgelände stattfand, es war nicht mehr als ein Tribut an den Galoppsport. Und dennoch war es ein wichtiger Zoll. Denn sportlich hielten die Rennen das, was sie versprachen. Spannungsgeladenen, packenden Sport. Nachzufragen als aller erstem bei Rene Piechulek. Der hatte nach seinem Siegritt auf Quest the Moon im Großen Preis der Badischen Wirtschaft, dem mit 35000 Euro dotierten Hauptrennen des Tages (zugleich ein Gruppe-II-Rennen) überhaupt keinen Nerv dafür, festzustellen, dass der Jubel der Zuschauer fehlte und auch sich kaum jemand dafür interessierte, ob er jubelte und die Siegerehrung gänzlich ausfiel. Viel zu groß war die Anspannung, da die Rennleitung das Ergebnis und den äußerst knappen Zieleinlauf überprüfte: „Der Sport steht für mich im Moment im Vordergrund, da spielt es keine Rolle, ob es Jubel und eine Siegerehrung gibt“, so Piechulek. Ähnliche Töne schlug Jockey-Veteran Adrie de Vries an: „Für uns ändert sich nicht viel. Klar fehlt die Atomsphäre ein wenig, aber unsere Arbeit bleibt davon unberührt“, so der 50-Jährige. Viel störender empfanden die Profireiter die Maskenpflicht, von der sie auch auf dem Rücken der Pferde nicht entbunden wurden. Das Atmen falle schwer, besonders wenn es regne, beschwerte sich Filip Minarik schon am Samstag. „Aber besser Rennen als nicht.“

Baden-Racing: Sportlich und für Pferde wichtig

So sehen das auch die Verantwortlichen des deutschen Galoppsports und bei Baden-Racing. Der Iffezheimer Rennverein selbst vergrößert durch die Ausrichtung des Meetings zwar sein Minus, „aber letztlich hängen in Deutschland zwischen 2500 und 3000 Jobs vom Galoppsport ab“, erinnerte Baden-Racing-Pressesprecher Peter Mühlfeit. Die verdienten zumindest etwas Geld. Und nicht zuletzt geht es, wie die Iffezheimer Geschäftsführerin Jutta Hofmeister im BT-Interview sagte, auch um die Pferde: „Um das deutsche Vollblut zu züchten, müssen regelmäßig Leistungsprüfungen durchgeführt werden.“ Die Galopprennen seien nicht nur ein gesellschaftliches Ereignis.

Dennoch: Letzteres fehlte am Sonntag. An dieser Erkenntnis führt kein Weg vorbei. „Bei so einem guten Wetter hätten wir heute 10000 bis 12000 Zuschauer gehabt“, sagt Pressesprecher Mühlfeit mit Blick auf die leeren Ränge, auf deren Bänken sich Blütenstaub sammelte. Stattdessen verteilen sich auf dem riesigen Bahngelände gerade einmal knapp 100 Menschen. Trainer, Betreuer, Offizielle, ein paar Leute von Baden-Racing und kein Dutzend Pressevertreter – mehr sind nicht erlaubt: Selbst die Besitzer der Pferde müssen zuhause bleiben.

„Iffezheim ohne Publikum ist wie Ascot ohne Königin“

Auf den Punkt gebracht hat es Trainerin Carmen Bocskai: „Iffezheim ohne Publikum ist wie Ascot ohne Königin“. Es fehle das Flair, das gesellschaftliche Ereignis: Die sportliche Arbeit bleibe zwar gleich, statt mit den Besitzern im Führring zu stehen – in dem die Pferde übrigens trotz Mangels an Publikum vorgestellt werden – telefoniere man mit ihnen. Spaß mache das alles aber deutlich weniger als unter normalen Bedingungen.

Das Ritual des Führrings ist unter anderem auch dem medialen Ereignis geschuldet. Der Galoppdachverband hat sich zum Multimedia-Unternehmen aufgeschwungen. Die Rennen in Iffezheim – medial ohnehin immer schon gut ausgestattet und verbreitet – werden durchgehend kommentiert von einem Moderator, der sich mit einem Experten und dem Rennbahnmoderator kommentartorisch abwechselt. Auf der Bahn hallt allerdings nur der Ton des Letzteren über die Lautsprecher – das ergibt ein surreales Stückwerk aus reportageartigen Elementen, kurzen Lachern und rauschenden Lautsprechern. Für die Anwesenden ist das allenfalls während der Rennen interessant, dann wenn die Galopper auf der anderen Bahnseite, vor dem von der Polizei für Publikum gesperrten Kappellenbuckel, außer Sichtweite sind.

Aber immerhin: Die medialen Anstrengungen lohnen sich. „Die Beiträge sind qualitativ hochwertig – und zugegebenermaßen ist das übrige Sportangebot auch deutlich geringer als sonst –, sodass es Übertragungen von Rennbahnen schon die dritte Woche in Folge in die ARD schaffen“, freute sich Jan Pommer, Geschäftsführer des Galoppdachverbands zusammen mit den mittelbadischen Verantwortlichen. Auch ein Beitrag aus Iffezheim flimmerte am Sonntag über den Sportschaubildschirm – ein weiterer folgt am Montag im Morgenmagazin.


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