Gestalterische Aufbruchstimmung in den Städten weltweit

Karlsruhe/Berlin (cl) – Weltweit werden die Städte umgebaut: Die internationalen Metropolen, genauso wie die Großstädte Stuttgart und Karlsruhe wollen den Autoverkehr reduzieren, die City begrünen.

 Karlsruher Hauptverkehrsachse Kriegsstraße wird fußgängergerecht: Das Computerbild zeigt die Untertunnelung für den Autoverkehr sowie die überirdische Verkehrsführung für die Straßenbahnen.  Foto: Kasig/picture alliance/dpa

© dpa

Karlsruher Hauptverkehrsachse Kriegsstraße wird fußgängergerecht: Das Computerbild zeigt die Untertunnelung für den Autoverkehr sowie die überirdische Verkehrsführung für die Straßenbahnen. Foto: Kasig/picture alliance/dpa

Der Vorrang des Straßenverkehrs wird mit dem ausgehenden Zeitalter der fossilen Energieträger mehr denn je infragegestellt, der Rückzug in die Schlafstätten der Vororte und der Rückzug ins Private, in die Villenviertel und in die Biedermeierlichkeit der Einfamilienhaus-Idyllen, bei gleichzeitiger Verödung der Innenstädte nach Feierabend werden kritisch hinterfragt. Ob Mobilität der Zukunft, dicke Luft und schlechte Aufenthaltsqualitäten auf den Plätzen, ob Wohnungsnot und Klimawandel oder Digitalisierung: Notgedrungen herrscht eine gestalterische Aufbruchstimmung in den Städten weltweit.

Es geht dabei weniger um einzelne Prestigeprojekte, sondern ums Ganze. Der aus Karlsruhe stammende Stararchitekt Ole Scheeren hat es in Singapur mit einem Gesamtkonzept für ein Viertel vorgemacht. Statt mehrerer Wohntürme in immer neue rekordverdächtige Höhen zu schrauben, hat er die Hochhäuser horizontal geplant und übereinander verschachtelt. So wurde ein Wohnkomplex innerhalb einer Millionenmetropole zum sozialen Viertel. Sein quergelegtes Hochhaus „Interlace“ schafft freie Fläche; zwischen den Wohnebenen sind Parks und Plätze geschaffen worden, auf denen die Bewohner unterschiedlicher sozialer Schichten und Altersgruppen sich begegnen müssen. Sein Wohnkomplex wurde als weltweit bestes Hochhausprojekt für städtischen Lebensraum ausgezeichnet. Was sich hier verdichtet, sucht Antworten auf die große Frage: Wie wollen wir in Zukunft zusammenleben?

Auch die 17. Architekturbiennale in Venedig widmet sich derzeit intensiv der Frage nach utopischen Stadtkonzepten – weniger die Missstände stehen im Vordergrund, die Kuratoren machen vielmehr Angebote für ein auf Gemeinschaft fußendes Zusammenleben.

Es gibt viele globale wie lokale Initiativen und Vorzeigeprojekte zur Stadtentwicklung, um die Aufenthaltsqualität für die Menschen zu verbessern, oberstes Prinzip dabei, die Autos, rollend wie ruhend, sollen in den Innenstädten stark reduziert werden. London, Paris, Wien sperren ihre innersten Zentren für den Verkehr komplett. New York legt mehr Wert auf Begrünung, hat eine ehemalige S-Bahn-Trasse in einen 52 Kilometer langen Spazierweg rund um Manhattan angelegt, der an vielen Stellen durch eine Parklandschaft führt, die der niederländische Vorzeige-Gartenarchitekt Piet Oudolf gestaltet hat.

Vorbildlicher städtischer Lebensraum: Der Wohnkomplex „Interlace“ des aus Karlsruhe stammenden Architekten Ole Scheeren für Singapur mit großzügigen Parks.  Foto: The Interlace by OMA /Ole Scheeren/Iwan Baan/dpa

© dpa

Vorbildlicher städtischer Lebensraum: Der Wohnkomplex „Interlace“ des aus Karlsruhe stammenden Architekten Ole Scheeren für Singapur mit großzügigen Parks. Foto: The Interlace by OMA /Ole Scheeren/Iwan Baan/dpa

Bürgermeisterin Anne Hidalgo möchte die Pariser Innenstadt nicht nur verkehrsfrei machen, sondern auch komplett umgestalten. Es soll eine sogenannte 15-Minuten-Stadt entstehen, in der alle wichtigen Anlaufstellen für die Bürger innerhalb von zirka 15 Minuten fußläufig erreichbar sind. Montpellier im Süden Frankreichs beispielsweise gilt als Vorzeigeprojekt in Sachen Verschönerung, hat ein an die historische Altstadt angrenzendes Erweiterungsgebiet attraktiver und fußläufig erreichbar gemacht, damit die Stadt touristisch aufgewertet. In Wien entstanden die Donauterrassen neu als Ausflugsziel und die Smart City Ideen, bei denen Bürger auf einstigen Parkzonen am Straßenrand großzügige Gemeinschaftsräume entwickelt haben, als eine Art „urbanes Wohnzimmer“.

Berlin ist seit der Wende ein riesiges Stadtentwicklungsgebiet, ein Sonderfall, bedingt durch zwei einst getrennte Metropolen Ost- und Westberlin, die immer noch nicht ganz zusammengewachsen sind: Auf der Brache neben der Philharmonie entsteht gerade das neue Museum der Moderne der Basler Architekten Herzog & De Meuron (Allianz Arena, München), die neue Platzgestaltung soll das Konzerthaus ans Kunstviertel anbinden. Mit dem wiederaufgebauten Stadtschloss, dem gerade neu eröffneten Humboldt Forum, sollen die Wunden des Zweiten Weltkriegs in einer neuen Mitte endgültig geschlossen werden. Die Museumsinsel hat mit der James-Simon-Galerie einen neuen Dreh- und Angelpunkt mit Café erhalten. Auch in Deutschland werden Plätze geschaffen, um den Menschen mehr Stadtraum zu geben.

Noch in den 1970er Jahren, als die ersten Fußgängerzonen, entstanden, hat man, auch in Baden-Baden, befürchtet, die Geschäfte in den Innenstädten würden durch die Verbannung des Autos sterben. Inzwischen kommt die nächste Stufe. Mit Stuttgart 21 werden oberirdische, den Stadtraum durchtrennende Gleisstrukturen entfernt, wird die Infrastruktur unter die Erde verlegt, um Wohnraum in Bestlage zu generieren. Die Bundesstraße 14 soll innerstädtisch in Stuttgart bestenfalls unter die Erde verlegt werden. Über eine so geschaffenen Anbindung der Kulturmeile – Staatsgalerie, Musikhochschule und Haus der Geschichte – an Schlossgarten und Fußgängerzone ohne trennende Bundesstraße wird gerade gerungen.

Neue Berliner Mitte mit dem Humboldt Forum

Auch Karlsruhe denkt die Stadt neu und überplant sie im großen Stil. Die am Reißbrett als Fächer geplante Residenzstadt des badischen Markgrafen Karl Wilhelm hat sich zu einer verkehrsreichen Großstadt entwickelt, die ebenfalls mit ihren Kriegszerstörungen – und einem schnellen Wiederaufbau, ohne viele architektonische Allüren – zu kämpfen hat. Voraussetzungen für die Umsetzung des neuen „Räumlichen Leitbildes“ ist die „Kombilösung“ mit neuer U-Strab, die bereits ab Ende des Jahres durch ihre neuen Tunnel rauschen soll. Die große Verkehrsachse Kriegsstraße soll ab 2023 unter der Erde durchgehen, damit wird sie von einer autogerechten Straße zu einem Stadtboulevard mit ganz neuer Aufenthaltsqualität. Die Umgestaltung der Kaiserstraße – Schienen raus – ist ebenfalls das Ziel für eine neue Flaniermeile.

„Grundsätzlich ist klar, der Verkehr ist eine Belastung. In den 1960er Jahren war es schick, mit dem Auto direkt in die Stadt hinzufahren, da war der Marktplatz noch ein Parkplatz“, sagt der Karlsruher Bürgermeister Daniel Fluhrer im BT-Gespräch – der Bauingenieur und Stadtplaner agiert nach dem Grundsatz: „Dann lieber mehr Gastronomie oder mal eine Grünzone, als ein Parkplatz.“

Der Marktplatz ist als erster Baustein des Gesamtprojekts bereits fertig geworden, jetzt gehen es auf den Berliner Platz rüber nach Osten. Das Großprojekt Umgestaltung der Kaiserstraße geht erst richtig los, wenn ab 2022 die Gleise in Richtung Kaiserstraße zwischen Europaplatz und Kronenplatz stillgelegt werden. Damit könne schließlich ab 2023 die Kaiserstraße selbst umgebaut werden, so der Plan.

Daneben ist ein weiteres Großprojekt in Karlsruhe mit städtischer Beteiligung bereits angegangen worden: die anstehende Erweiterung und Generalsanierung des Badischen Staatstheaters. Dies geht einher mit einer Neugestaltung des Ettlinger-Tor-Platzes. Den „Bauchnabel der Stadt“, nennt ihn Bürgermeister Fluhrer, wenn man das Schloss als Kopf betrachtet, die Kriegsstraße als Ost-West-Achse wäre dann das Gelenk der Stadt. „Wenn man als Fremder an dieser Nahtstelle ist, versteht man nicht, dass dahinter eigentlich der Marktplatz, das ,Herz der Stadt‘, kommt.“

Städtebaulich eine ungeklärte Situation, die im Zuge der Umgestaltung bereinigt werden soll. Denn am Ettlinger-Tor-Platz ist eine Dichte von bemerkenswerten Bauten – wie das Landratsamt oder das Staatstheater aus den 1980er Jahren – entstanden, für sich stehende Kubaturen an einer riesigen Kreuzung, die mehr einem Autobahnkreuz ähnelt als einer einladenden Innenstadt. Die Gebäude zwischen Ettlinger Tor und Marktplatz mit Pyramide präsentieren dem flanierenden Bürger hin zur Straße lauter Rückenfronten. Fluhrer plädiert deshalb für eine Öffnung der bestehenden Gebäude: ein Café mit ein paar Schirmen draußen, ein Blumenladen oder ein Restaurant. Damit erhält der Stadtraum eine ganz neue Qualität. „Am Ende des Tages muss es eine Perlenkette ergeben vom Schloss, Marktplatz, Rondellplatz, Staatstheater bis zum Festplatz,“ meint Stadtplaner Fluhrer.

Karlsruhe plant Konzept für Höhenentwicklung

Der Hans-Thoma-Platz vor der Staatlichen Kunsthalle (am Rande des Botanischen Gartens) soll im Zuge der Neugestaltung der badischen Staatsgemäldegalerie – mit Landesmitteln – auch ein neues Gesicht erhalten. Man sieht das in Zukunft als einen großen Platzbereich, über den man dann in Schrittgeschwindigkeit den Verkehr (Fußgänger, Fahrrad, E-Bike, Lieferwagen, Pkw) in mehreren nebeneinander führenden Spuren organisiert, ähnlich wie für die Kreuzung Ettlinger Tor. Das Auto soll dabei untergeordnet sein.

Gerade an diesen Eingangssituationen der Innenstadt ist die Raumqualität höher wertig als die Mobilitätsstruktur. Karlsruhe will das Auto aber nicht ganz aus der Stadt verbannen: In den Hauptachsen außerhalb des Stadtkerns und im Außenbereich soll der Verkehr dann wieder schneller abfließen können. Dieses Prinzip könnte sich in den Stadtquartieren fortsetzen, damit auch dort der Verkehr in zentralen Bereichen langsamer fließt, der Fußgänger Vorrang hat.

Fluhrer befürwortet eine individuelle Großstadtstruktur, unterschiedlich durchdacht. Dazu gehört für ihn auch ein Höhenentwicklungskonzept, weil man nicht mehr in die Fläche wachsen kann, die Landschaft zu wertvoll ist und eine zu große Nachverdichtung große Schäden anrichten kann – wie die jüngste Hochwasserkatastrophe vor Augen führte. Im Herbst sollen dazu erste Konzepte entwickelt werden, wie selbst an sensiblen Stellen höhere Gebäude erlaubt sein könnten – für neue Stadtquartierslösungen, aber auch für die Innenstadt. Berücksichtigt werden müsse dabei natürlich die Entlüftung der Stadt, Baumpflanzung und Parkgestaltung hätten Vorrang: „Allein entlang der Kriegsstraße werden über 100 Bäume in mehreren Reihen als Baumallee gepflanzt. Das ist ein Gebot der Stunde, überall Vegetation nachzurüsten.“

Grün nicht nur unten, sondern auch oben bevorzugt. „Ich habe mal ausgerechnet: Wenn wir alle Satteldachflächen in Karlsruhe – und ich rechne 80 Prozent – gedanklich kappen würden, und das Geschoss entfällt im Dach, dann einfach ein Flachdach draufsetzen würden und das als Urban Gardening nutzen würden, dann hätten wir 500 Hektar neue Vegetations- und Gartenfläche, zum einen als natürliche Aufenthaltsqualität, zum anderen zur Kühlung der Stadt. Das ist natürlich ganz anders als ein Dach, das sich im Sommer aufheizt.“

Bürgermeister Fluhrer: „Der Stadtumbau ist ein Jahrhundertprojekt“

Die Kosten für die „Kombilösung“ werden momentan auf rund 1,5 Milliarden Euro geschätzt, inkludiert ist dabei laut Bürgermeister Fluhrer auch die Kaiserstraßen-Neugestaltung. Selbst die Staatstheater-Sanierung und Erweiterung sei in weiten Teilen vorab in der Haushaltsplanung vorgesehen. Jüngst hat der Karlsruher Gemeinderat mit deutlicher Mehrheit für das Millionen-Projekt gestimmt, geschätzte Kosten knapp 600 Millionen Euro, die zur Hälfte das Land als zweiter Träger des Mehrspartenhauses mitfinanziert. Keine Kleinigkeit, aber zum Vergleich: Die ebenfalls anstehende Opernsanierung in Stuttgart wird auf fast das Doppelte geschätzt. Der Kostenrahmen für die Karlsruher Kunsthallen-Sanierung mit Glaskuppel über dem Innenhof ist vom Land noch nicht kommuniziert worden.

„Der Stadtumbau ist ein Jahrhundertprojekt, den kann man jetzt nicht stoppen“, resümiert Fluhrer. All die Großprojekte, die aktuell diskutiert würden, kämen aus der Vergangenheit und seien im Haushalt hinterlegt. „Die Projekte, die wir angefangen haben, muss man faktisch zu Ende führen“, so Fluhrer.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

Zum Artikel

Erstellt:
21. Juli 2021, 22:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 5min 57sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.