Gesundheitsamt Rastatt arbeitet am Limit

Rastatt (for) – Die Nachverfolgung der engsten Kontakte von Covid-19-Infizierten bringt das Gesundheitsamt Rastatt, das auch für den Stadtkreis Baden-Baden zuständig ist, zunehmend an seine Grenzen.

Die Corona-Pandemie bringt das Gesundheitsamt Rastatt an seine Grenzen: Pro Neuinfiziertem müssen die Mitarbeiter im Schnitt 20 Kontaktpersonen anrufen. Foto: Janina Fortenbacher

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Die Corona-Pandemie bringt das Gesundheitsamt Rastatt an seine Grenzen: Pro Neuinfiziertem müssen die Mitarbeiter im Schnitt 20 Kontaktpersonen anrufen. Foto: Janina Fortenbacher

Die Telefone beim Rastatter Gesundheitsamt stehen in diesen Zeiten kaum still. Zwischen 10.000 und 15.000 Kontaktpersonen von Covid-19-Infizierten mussten die Mitarbeiter alleine innerhalb der vergangenen drei Wochen ausfindig machen, berichtet Stefan Biehl, Sozialdezernent und Dezernent für das Gesundheitsamt am Landratsamt Rastatt. „Das ist eine riesige Zahl und ein ebenso riesiges Arbeitsaufkommen, das wir bewältigen müssen.“

Unterstützung durch 13 Bundeswehrsoldaten

Unterstützung erhält das 90-köpfige Team seit vergangenem Dienstag von 13 Bundeswehrsoldaten. Außerdem haben sich Mitarbeiter des Landratsamts aus nahezu allen Ämtern zur Aushilfe bereit erklärt, wie Biehl berichtet. Weitere Kräfte seien befristet eingestellt worden. „Und auch die Stadt Baden-Baden wird uns Mitte November mit fünf Mitarbeitern unter die Arme greifen.“

Dennoch könne es wegen des enormen Arbeitsanfalls nach wie vor zu Verzögerungen bei der Kontaktaufnahme mit möglicherweise Infizierten kommen, merkt Biehl an. Grund dafür sei die rasante Entwicklung von steigenden Corona-Fallzahlen.

Rund 20 Kontakte pro Neuinfiziertem

„Alleine in den vergangenen drei Wochen hatten wir rund 700 Neuinfektionen zu verzeichnen“, sagt er. „Im Schnitt sei bei jedem einzelnen Fall mit etwa 20 Kontaktpersonen zu rechnen, die schnellstmöglich informiert werden müssten.“ Das sei oftmals aber leichter gesagt, als getan. Da auch die Labore am Limit arbeiteten, könne es durchaus bis zu zwei Tage dauern, bis das Gesundheitsamt vom Labor über einen positiven Befund informiert werde. „Dann müssen wir als Erstes die betroffene Person anrufen. Im besten Fall wurde diese im Vorfeld schon vom Hausarzt über das positive Testergebnis informiert und hat sich vorsorglich schon einmal in Selbstisolation begeben. Das ist aber leider nicht immer so“, schildert Dr. Eva Schultz, Leiterin des Sachgebiets Infektionsschutz im Gesundheitsamt, den Arbeitsablauf.

Manchmal dauere es einen weiteren Tag, bis das Gesundheitsamt Betroffene erreiche. Geschultes Personal, etwa Ärzte und Krankenschwestern, informieren Neuinfizierte dann über die Quarantänepflicht und geben Ratschläge, etwa wie Personen, die mit dem Infizierten zusammenleben, bestmöglich geschützt werden können.

Erste Symptome ausschlaggebend

„Außerdem werden Symptome abgefragt und der Zeitpunkt ausgemacht, an dem erste Symptome aufgetreten sind.“ Dieser Zeitpunkt sei ausschlaggebend für die Kontaktnachverfolgung: Alle Personen, mit denen der Infizierte ab zwei Tage vor dem Beginn der ersten Symptome bis zum aktuellen Zeitpunkt engeren Kontakt hatte, werden von den Mitarbeitern des Gesundheitsamts kontaktiert. Außerdem werden etwa Arbeitgeber oder Schulleiter informiert.

Kontakttagebuch führen

Für Menschen mit einem positiven Testergebnis gilt die Regel: Mindestens zehn Tage Quarantäne. Wer danach nicht mindestens 48 Stunden symptomfrei ist, muss seine Quarantäne noch einmal verlängern. Enge Kontaktpersonen müssen sich aufgrund der hohen Inkubationszeit 14 Tage in Quarantäne begeben – „daran ändert auch ein negatives Testergebnis nichts“, sagt Biehl.

„Das Schwierige an der Kontaktnachverfolgung ist oftmals, dass sich viele nicht mehr genau daran erinnern, was sie vor sieben oder zehn Tagen gemacht haben und wen sie dabei womöglich angesteckt haben könnten“, weiß Schultz aus Erfahrung. Deshalb empfiehlt sie – ähnlich wie das Robert-Koch-Institut (RKI) – ein sogenanntes Kontakttagebuch zu führen.

Bis Infizierte dem Gesundheitsamt die Liste mit all ihren Kontakten zukommen lassen, könnten manchmal ein bis zwei weitere Tage vergehen. „Aber erst, wenn wir die Listen haben, können unsere Kontaktverfolger aktiv werden“, so Biehl. Sind alle Kontaktpersonen ermittelt, folge der nächste Schritt: Es geht eine Mitteilung an die Gemeinde und die örtliche Ordnungsbehörde raus, welche wiederum für die schriftliche Quarantänegrundlage zuständig sind.

„Lockdown light kommt uns entgegen“

Im Vergleich zu der ersten Corona-Hochphase im Frühjahr, bei der das Gesundheitsamt pro Infiziertem im Schnitt nur drei bis fünf Kontakte nachverfolgen musste, habe sich die Anzahl inzwischen stark erhöht, blickt Schultz zurück. „Damals hatten wir das Glück, dass sich die Menschen durch den harten Lockdown meist nur im engsten Kreis untereinander getroffen haben.“ Mit der Wiedereröffnung von Gastronomie, Sportkursen und Schulen hätte sich das natürlich verändert.

„Deshalb muss man ganz klar sagen, dass uns der ,Lockdown light‘, der ab Montag gilt, entgegenkommt“, merkt Biehl an. Je kleiner die Gruppengrößen seien, in denen Menschen zusammenkommen, umso mehr entlaste das die Gesundheitsämter, betont Schultz.


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