Getarnte Montags-Demo: Der letzte Rest spaziert noch immer

Rastatt (sie) – Obwohl die Pandemie nicht mehr den Alltag dominiert, gehen Kritiker der Corona-Maßnahmen weiter auf die Straße. Doch das Interesse sinkt drastisch.

Am Ziel angekommen: Nach rund einer Stunde erreichen die rund 40 Teilnehmer der unangemeldeten Demonstration wieder den Marktplatz. Vor einigen Wochen gingen noch bis zu 300 Personen auf die Straße. Foto: Holger Siebnich

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Am Ziel angekommen: Nach rund einer Stunde erreichen die rund 40 Teilnehmer der unangemeldeten Demonstration wieder den Marktplatz. Vor einigen Wochen gingen noch bis zu 300 Personen auf die Straße. Foto: Holger Siebnich

Die Frau begrüßt ein Paar, das vor dem Rastatter Rathaus steht. „Ist das heute alles?“, fragt sie und blickt sich um. Außer dem Trio warten rund 40 Menschen auf dem Marktplatz auf das stille Startsignal ihres Protestzugs durch die Innenstadt. Sie sind das Überbleibsel der unangemeldeten Demos gegen die Anti-Corona-Maßnahmen. Obwohl es fast keine Beschränkungen im Alltag mehr gibt und die Impfpflicht im Bundestag gescheitert ist, spazieren sie weiter.
Anfang des Jahres umfasste der Protestzug noch rund 300 Teilnehmer. An diesem Montag ist nicht einmal ein Streifenwagen vor Ort. Für die Beamten des Reviers Rastatt war die als Spaziergang getarnte Demonstration in den vergangenen Wochen ein ebenso eingeübtes Ritual wie für die Teilnehmer. Doch offenbar ist selbst bei der Staatsmacht das Interesse erlahmt. „Keine Polizei heute?“, fragt ein Mann seine Bekannten, als er kurz vor 18 Uhr auf dem Marktplatz eintrifft. „Die waren schon das letzte Mal nicht mehr da“, lautet die Antwort. Zehn Minuten später setzt sich die Gruppe in Bewegung. Nach wenigen Metern passieren die Teilnehmer ein Straßencafé, dessen Tische im Sonnenschein des frühen Abends voll besetzt sind. Einen Impfnachweis oder Test braucht keiner der Gäste mehr, um dort Platz zu nehmen. Aus einem Ladengeschäft tritt eine Kundin auf die Kaiserstraße, die keine Maske trägt.

Obwohl die Pandemie nicht mehr den Alltag dominiert, bleibt sie auf den ersten Metern das Hauptgesprächsthema der Teilnehmer. Wie in den vergangenen Wochen gibt es keine Sprechchöre oder Redebeiträge. Die Teilnehmer unterhalten sich auf ihrem Marsch in kleinen Gruppen. Eine Frau erzählt einer anderen Demonstrantin, dass die meisten Mitglieder ihrer Familie geimpft seien, auch Kinder: „Die Eltern wissen gar nicht, was sie ihnen damit antun.“

Niemand huscht über eine rote Ampel

Ein älterer Herr schildert dem Mann neben ihm, dass sein Genesenen-Zertifikat abgelaufen sei, weil die Infektion zu lange zurückliegt: „Wenn das im Restaurant gescannt wird, ist es nicht mehr grün.“ Der Gesprächspartner entgegnet angesichts der weitreichenden Lockerungen: „Das hat sich ja ohnehin erledigt.“ Ein Mann äußert Mutmaßungen darüber, dass nach der gescheiterten Impfpflicht im Bundestag jetzt eine EU-Impfpflicht kommen könnte. Er sei fast geneigt, sich das zu wünschen, weil dann die Bevölkerung in anderen Nationen wie Frankreich auf die Straße gehen würde. Dort sei der Widerstand viel ausgeprägter als in Deutschland.

Die vermeintlich uninformierten Mitbürger im eigenen Land sind eines der Leitmotive, das sich in den Äußerungen vieler Teilnehmer wiederfindet. Während die Gruppe über die Poststraße in Richtung Schloss-Galerie zieht, bewegen sich die Gespräche zum Teil weg von Corona und erklimmen ein abstrakteres Niveau. Es ist Kritik an Politik und Medien im Allgemeinen zu hören. „Die machen doch, was sie wollen“, schimpft ein Mann.

Der Marsch führt entlang der viel befahrenen Bahnhofstraße. Passanten und Autofahrer nehmen von ihm kaum Notiz. Am Bahnhof steigen die Teilnehmer die Treppe zur Unterführung hinunter und wechseln die Straßenseite. Als im Januar deutlich mehr Demonstranten dabei waren, wurde es in dieser Passage auf einmal eng. Die Teilnehmer trafen im Untergrund auf zahlreiche Reisende, die gerade mit dem Zug angekommen waren. Diesmal gibt es keine Platzprobleme. Die Demonstranten legen zwar nicht bewusst wert auf Hygiene-Abstände, die Gruppe zieht sich auf dem Weg aber wie von selbst in die Länge.

Bleibt der hintere Teil an einer Kreuzung zurück, warten die anderen. Auch ohne den kontrollierenden Blick der Polizei hält sich jeder an Recht und Gesetz. Niemand huscht über eine rote Ampel. Mancher Plausch hat nichts mit Politik zu tun. Es geht um gemeinsame Freunde, Familie und Arbeit. Vorübergehend könnte fast der Eindruck entstehen, es handle sich tatsächlich um einen Spaziergang. Doch dann erklingen wieder andere Stimmen. Ein Teilnehmer erntet Kopfnicken, als er auf den Ukraine-Krieg zu sprechen kommt und die Waffenlieferungen der Bundesregierung kritisiert. „Waffen haben noch nie geholfen“, sagt er. Seine These: Die Folge sei, dass noch mehr Menschen auch nach Deutschland fliehen. „Wir können nicht die ganze Welt aufnehmen“, sagt er und schiebt hinterher, dass man das ja nicht sagen dürfe, weil man sonst als rechts gelte.

Ein Trio diskutiert derweil über Schicksal, Vorbestimmung und Wiedergeburt. Einer der drei Männer äußert den Gedanken, dass auch die Begegnung im Protestzug eine schicksalhafte Fügung sein könnte, die alle Beteiligten beeinflusse. Die kleine Schicksalsgemeinschaft erreicht nach rund einer Stunde wieder den Ausgangspunkt vor dem Rathaus. Die Teilnehmer applaudieren sich selbst. Im Kurzmitteilungsdienst Telegram taucht kurz darauf eine Nachricht auf: „Auch am Ostermontag gehen wir spazieren.“


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