Glaubenskampf ums Gender-Sternchen

Stuttgart (bjhw) – Winfried Kretschmann hinkt seiner Zeit hinterher, weil er mit seiner Philippika gegen „Sprachpolizisten“ weit hinter den Vorstellungen der eigenen Partei zurückbleibt.

 Die Anrede „Mitarbeiter*innen“ hat zumindest in der Amtssprache Einzug gehalten. Foto: Gollnow/dpa

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Die Anrede „Mitarbeiter*innen“ hat zumindest in der Amtssprache Einzug gehalten. Foto: Gollnow/dpa

Einerseits bekennt er, dass „Sprache unser Denken ein Stück weit formt“, andererseits spielt er mit seiner Ansage all jenen in die Hand, die jedes Nachdenken darüber, wie gesellschaftliche Wirklichkeit 2020 in Sprache gegossen werden kann, als überflüssig abtun.

Natürlich lässt sich Susanne Eisenmann, die CDU-Herausforderin bei der Landtagswahl im nächsten März, die Steilvorlage nicht entgehen, nachdem auch noch bekannt wurde, dass der Verwaltungsausschuss der Stadt Stuttgart mit der Einführung der geschlechtersensiblen Sprache einverstanden ist. „Ich hätte mir gewünscht, dass Fritz Kuhn sich mit der gleichen Verve um Sicherheit und Beleuchtung am Eckensee gekümmert hätte wie um die Frage, ob man die Anrede verändern soll“, rollte sie den Stein angriffslustig vor die Tür des grünen OB. Der konterte prompt: „Attacken auf Oberbürgermeister eignen sich nicht als Mittel im Landtagswahlkampf.“

Zeitgemäße Richtschnur

Inhaltlich muss sich die Verwaltung in Stuttgart nichts vorwerfen lassen, denn längst haben sich viele Kommunen bundesweit Genderregeln verordnet. Dabei gehe es nicht um verbindliche Vorgaben, erläutert Kuhn, sondern um „eine zeitgemäße Richtschnur, wie man mit bestimmten Personen oder Personengruppen sensibel kommunizieren kann“. Und um die Umsetzung eines Urteils des Bundesverfassungsgerichts, wonach neben „männlich“ und „weiblich“ auch „divers“ als Geschlecht angegeben werden kann.

Selbst in Kretschmanns Staatsministerium ist das Sternchen schon zur Anwendung gekommen, als „pragmatisches Instrument“, so Regierungssprecher Rudi Hoogvliet zu Beginn der Legislaturperiode. Für Grüne ist es deutlich mehr. „Unser Ziel war immer“, so Landeschef Oliver Hildenbrand, „die Achtung und Teilhabe aller Menschen, ungeachtet ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität, zum Ausdruck zu bringen.“ Und eine Parteifreundin, Anja Reinalter, die auch Vorsitzende des Landesfrauenrats ist, erinnert Kretschmann daran, dass „durch Sprache Denken beeinflusst wird“ und „geschlechtergerechte Sprache“ vor allem eines ausdrücke: „die Wertschätzung aller Menschen“.

Ihr Autor

Brigitte J. Henkel-Waidhofer

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Erstellt:
5. August 2020, 08:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 1min 54sec

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