Glitzernd, geschnürt, schlicht und funktional

Ludwigsburg (red) – Im Wandel der Zeit: Das Ludwigsburger Modemuseum zeigt Kleidungsstücke und Accessoires von 1750 bis in die 1960er Jahre. BT-Volontärin Sarah Gallenberger hat sich dort umgesehen.

Einst wurde der weibliche Körper in eng geschnürte Korsetts gekleidet. Foto: Gallenberger

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Einst wurde der weibliche Körper in eng geschnürte Korsetts gekleidet. Foto: Gallenberger

Ein dunkler Raum. Weiße Schaufensterpuppen, die in gläsernen Vitrinen durch schwache Lichteffekte beleuchtet werden. Bekleidet sind sie mit festlichen Roben: Aschfarbene Röcke bedecken Damenbeine, silberne Manschettenknöpfe zieren Herrenanzüge. In einer Dauerausstellung im Ludwigsburger Schloss gibt es Kleidungsstücke und Accessoires von etwa 1750 bis in die 1960er Jahre zu entdecken.

Soziale Umstände als Anhaltspunkt

Nach christlichem Verständnis ist der sich im Garten Eden zugetragene Sündenfall der Grund für das menschliche Verlangen, den Körper zu verhüllen. Während damals beim Verdecken bestimmter Körperteile die reine Funktion im Mittelpunkt stand, spielt heute das Aussehen der Kleidung eine wichtige Rolle. Im Rokoko und Barock – Zeiten mit oft üppigen Roben – änderte sich die Mode stetig. Dies hing „stark von gesellschaftspolitischen Entwicklungen, Materialverfügbarkeiten, Geschlechterbildern oder sozialen Umständen ab“, erklärt Dr. Maaike van Rijn, Kuratorin der Sammlung. In der Präsentation sind zahlreiche Beispiele dieser Epochen zu sehen.

Umbrüche in der Mode lassen sich laut der Expertin beispielsweise in Bezug auf die geschlechterspezifische Nutzung von Kleidern erkennen. So zeigt ein rosafarbener, glitzernder Herrenanzug aus der Zeit um 1750, dass der Mann um diese Zeit deutlich opulenter und farbenfroher gekleidet war als die Frau. Denn die Damen trugen damals vorwiegend Gewänder mit tief eingelegten Falten, die ursprünglich als bequeme Hauskleider galten.

Nach der Französischen Revolution (1789-1799) allerdings wurde die Herrenmode schlicht und hielt sich in dunklen Farben – weil man plötzlich der Auffassung war, dass der klare Geist des Mannes so am besten in Erscheinung tritt und seine Garderobe deshalb zurückhaltend sein sollte.

Elegant gekleidet in leichten Stoffen. Foto: Gallenberger

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Elegant gekleidet in leichten Stoffen. Foto: Gallenberger

Auch beim Betrachten der Damengewänder ist ein Bruch zu erkennen, der mit der Französischen Revolution einhergeht: Der Frauenkörper wurde „vorübergehend von Korsetts, Miedern und Reifröcken befreit“, erklärt die Kuratorin. Sogenannte Chemisen- oder Empirekleider sollten den Damen das Leben leichter machen: Dünne, transparente Stoffe im einfachen, tunikaartigen Schnitt – unter der Brust mit einem schmalen Band zusammengebunden – stellten die „natürliche Körperform“ in den Vordergrund. Einige Jahre später, im Biedermeier (1815-1848), kehrten Kleider mit geschnürter Taille und ausladenden Röcken aber wieder zurück.

Heutzutage orientieren sich viele Menschen mit ihrem Outfit an Stars und Sternchen. Das ist aber kein neues Phänomen: Schon in früheren Modeepochen finden sich Bezüge zu Kunst und Kultur der jeweiligen Zeit. So habe beispielsweise die opulente Rokoko-Mode eine optische Einheit mit den prunkvollen Schlösserinterieurs des 18. Jahrhunderts gebildet. „Und auch im frühen 20. Jahrhundert finden sich Künstler und Architekten, die eine ganze Innenraumausstattung passend zur Garderobe der Hausherrin entwarfen“, erklärt van Rijn.

Jedes Kleidungsstück ein Unikat

Während also schon früher äußere Einflüsse die Stilrichtung prägten, gibt es einen weiteren Aspekt, der damals eine wichtige Rolle spielte – und heute große Diskussionen auslöst. Zu Zeiten von Greta Thunberg wird kaum ein anderes Thema so heiß debattiert wie der Klimawandel – und kaum eine Frage so oft gestellt wie die nach Nachhaltigkeit. Doch wer glaubt, dass erst die Freitags-Jugendbewegung, die unter anderem der Wegwerfgesellschaft eine Absage erteilt, den Startschuss dafür gegeben hat, täuscht sich. Denn gerade früher wurden Kleidungsstücke, die nicht mehr benötigt wurden, nicht einfach entsorgt. Die Kuratorin erläutert: „Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war jedes Kleidungsstück ein maßgeschneidertes und wertvolles Unikat.“ Oft seien Stücke über Generationen weitergegeben oder umgearbeitet worden – „aus einem Herrenhemd entstand ein Kinderkleid, aus einem Soldatenmantel ein Damenkostüm“.

Bequeme Hausmäntel

Was auch immer zwischen 1750 und den 1960er Jahren getragen wurde: Auch zu Hause ließ man sich nicht gehen. Was also hatte der Mann an, wenn er sich nicht auf öffentlichen politischen Veranstaltungen, sondern in seinen Privaträumen befand? „Das variiert stark nach Zeit und Gesellschaftsschicht“, erklärt van Rijk. In der Ludwigsburger Ausstellung sind einige Beispiele aus dem 18. Jahrhundert ausgestellt – allen voran die „gefütterten“ und „aus wertvollen Stoffen“ hergestellten Mäntel, die in den kalten Schlössern, „in denen oft nur sehr wenige Räume beheizt waren“, eine Möglichkeit waren, bequem, warm und gleichzeitig gut gekleidet zu bleiben.

Eher schlichte Unterwäsche

Manschettenknöpfe, Broschen, Handfächer und vieles mehr: Auch Accessoires waren schon damals ein wichtiger Bestandteil der Kleidung. Doch wie sah es darunter aus? Trug die Dame schlichte Schlüpfer oder mit Spitze vernähte, reizvolle Unterwäsche? Van Rijk sagt: eher schlicht. Bis ins 19. Jahrhundert habe die Unterbekleidung vor allem eine hygienische Funktion gehabt. Außer Höschen, Strümpfen und Miedern gab es Unterkleider und -hemden, wie die Kuratorin ergänzt. Aus Leinen hergestellt, konnten diese auch gewaschen werden – anders als bei den kostbaren Stücken aus Seide oder anderen wertvollen Wollstoffen. Und eben weil die Exponate im Ludwigsburger Modemuseum durch ihr Alter sehr wertvoll sind, bedürfen sie der richtigen Pflege. Textilien gehören zu den anspruchsvollen Materialien im Museum, da sie „sehr empfindlich auf Licht und Berührung“ reagieren. Dies sei auch der Grund für die lediglich schwach beleuchteten Ausstellungsräume: Im Museum werden die historischen Gewänder bei maximal 50 Lux ausgestellt, um sie „vor Lichtschäden zu schützen“. In den Räumlichkeiten herrscht zudem eine konstante Temperatur von etwa 20 Grad.

Zusätzlich reagieren die Exponate sehr empfindlich auf Druck. Sollte etwas beschädigt werden, wird dies sofort repariert. Dafür ist in direkter Nähe eine Textilrestaurierungswerkstatt eingerichtet, in der die Kleidung in entmineralisiertem Wasser gewaschen wird. Flach liegend wird das Objekt einshampooniert und mehrmals gespült, bevor es vorsichtig zum Trocknen auf einem Glastisch ausgebreitet wird.

www.schloss-ludwigsburg.de


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