Glücksfall Mehrsprachigkeit

Stuttgart (bjhw) – Neue Debatte über den Stellenwert von Dialekt: Schüler, die Umgangssprache und Hochdeutsch sprechen, machen einer Studie zufolge weniger Fehler.

Die Mannheimer Sprachwissenschaftlerin Rosemarie Tracy sagt, die Fähigkeit zum Sprechen im Dialekt ist ein Beleg, dass „das menschliche Gehirn mit mehr als einer Sprache umgehen kann“. Foto: Tobias Kleinschmidt/dpa

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Die Mannheimer Sprachwissenschaftlerin Rosemarie Tracy sagt, die Fähigkeit zum Sprechen im Dialekt ist ein Beleg, dass „das menschliche Gehirn mit mehr als einer Sprache umgehen kann“. Foto: Tobias Kleinschmidt/dpa

Susanne Eisenmann hat eine neue Debatte über den Stellenwert von Dialekt angestoßen. Der gehöre für sie „mehr denn je dazu“, sagt die CDU-Spitzenkandidatin für die Landtagswahl 2021 im Gespräch mit der Deutschen Presseagentur: „Wer Dialekt spricht, spricht Herkunft.“ Als Bildungspolitikerin und Kultusministerin sieht sie sich schon lange mit Forderungen konfrontiert, aus der Fähigkeit, Schwäbisch oder Badisch, Pfälzisch oder Alemannisch zu sprechen, die richtigen Lehren für den Umgang mit Mehrsprachigkeit zu ziehen.

Die Mannheimer Sprachwissenschaftlerin Rosemarie Tracy wirbt dafür, die Fähigkeit zum Sprechen im Dialekt als Beleg zu werten, dass „das menschliche Gehirn mit mehr als einer Sprache umgehen kann“. Sie sieht darin weitreichende Auswirkungen auf die Integrationsdebatte.

Warum greift Ministerin Eisenmann das Thema auf?

Ihr sind Fälle bekannt geworden, in denen Eltern bei der Anmeldung an einer Schule gezielt nach hochdeutschem Unterricht gefragt hätten, mit dem Argument, dann sei später nicht zu hören, woher ihr Kind komme. „Für mich ist das Thema inzwischen auch eine Frage des Selbstbewusstseins“, sagt Eisenmann. Die Bayern hätten zum Beispiel einen ganz anderen Umgang damit. Es sei „doch schön, durch die Färbung herauszuhören, ob jemand aus der Kurpfalz stammt, von der Schwäbischen Alb oder aus Stuttgart, und das sollten wir nicht vermeiden oder unterdrücken“. Neben dem sprachlichen gibt es auch einen strategischen Aspekt. In der Spitze der Südwest-CDU war der Ärger groß, als Winfried Kretschmann das Thema 2018 an sich zog unter dem Motto „Daheim schwätzen die Leut‘ – Gegenwart und Zukunft der baden-württembergischen Dialekte“.

Wie sind die Reaktionen auf den Vorstoß der Kultusministerin?

Sogar Wolfgang Wulz vom Verein „Schwäbische Mund.art“ findet, dass Lehrkräfte Hochdeutsch unterrichten sollten, „obgleich natürlich auch mit einem mundartlichen Einschlag“. Dialekte müssten vor allem als Lehrstoff behandelt werden, es müsse über ihre Rolle gesprochen werden und über ihre Bedeutung für den Heimatgedanken. Zugleich gelte es, „Kinder und Jugendliche nicht einzuschränken, wenn sie in einem Dialekt sprechen“. Die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz hat ihre persönlichen Erfahrungen gemacht, denn auch sie spricht Schwäbisch. Als junge Deutschlehrerin wurde sie von einem Schulrat angehalten, weniger Dialekt zu sprechen. „Schule hat den Auftrag zu vermitteln, sich schriftlich und mündlich so ausdrücken zu können“, sagt sie in einer Reaktion auf Eisenmann, „dass man gesellschaftlich und beruflich erfolgreich sein kann.“

Wie stehen Bildungswissenschaftler zum Thema Dialekt?

„Untersuchungen aus Bayern belegen: Kinder, die sowohl Schriftsprache als auch Dialekt sprechen, machen rund 30 Prozent weniger Fehler in der Rechtschreibung“, antwortet das Staatsministerium auf einen parlamentarischen Antrag von Grünen, CDU, SPD und FDP. Ausdrücklich verlangt er, „nichts vorzuschreiben, nichts zu verbieten, aber die Vielfalt und damit auch den Dialekt zu fördern“. Tracy empfiehlt, Muttersprachen und Mehrsprachigkeit nicht als „Störfall“, sondern als Glücksfall zu betrachten. Dementsprechend müssten auch die Kompetenzen, die Kinder mit nichtdeutschen Wurzeln mitbringen, viel positiver bewertet werden.

Welche bildungspolitischen Konsequenzen würden sich daraus ergeben?

Die vom Staatsministerium angeführten bayerischen Untersuchungen, konkret der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität, befassen sich auch mit Fragen der Norm- und der Heimsprache, egal ob Dialekt oder Fremdsprache. „Das Ziel muss darin liegen, ein sprachliches Repertoire zu entwickeln, in dem alle sprachlichen Fähigkeiten ihren Platz haben“, heißt es unter anderem. Baden-Württemberg schlägt sich dagegen seit den Neunziger Jahren mit Debatten über die Deutschpflicht auf Schulhöfen herum. Die Ministerpräsidenten Erwin Teufel und Günther Oettinger (beide CDD) machten sich dafür stark. Erst kürzlich erregten zwei Mädchen, die in einer Pause in einer Schule in Blumberg Türkisch gesprochen hatten, die Gemüter. Ihre Lehrerin ließ sie eine Strafarbeit schreiben darüber, warum in der Schule nur Deutsch gesprochen werden soll. Jetzt sieht sie sich mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde von einer der Mütter konfrontiert. Auch Eisenmann findet Deutsch-Vorgaben richtig, aber nur mit vorausgehender Entscheidung der Schulkonferenz.


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