Goethes Osterspaziergang heißt heute Waldbaden

Baden-Baden (BT) – Ganz egal, wie das Wetter an den Osterfeiertagen wird – ein Ausflug ins noch zart knospende Grüne hellt den Geist auf und verbindet mit großen historischen Persönlichkeiten.

Herrliche Blütenpracht neben dem Baden-Badener Festspielhaus: Ein Spaziergang lohnt sich im Frühling doppelt. Foto: Thomas Viering

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Herrliche Blütenpracht neben dem Baden-Badener Festspielhaus: Ein Spaziergang lohnt sich im Frühling doppelt. Foto: Thomas Viering

An Appellen mangelt es nicht: Abstand halten! Maske tragen! Hände desinfizieren! Lüften! Zu Hause bleiben! Alle diese Appelle sind hoffentlich vergänglich wie die meisten politischen auch. Dagegen hat der Ruf Ende des 18. Jahrhunderts – „Zurück zur Natur“ – , der dem französischen Universalgelehrten Jean-Jacques Rousseau zugeschrieben wird, zahllose Wissenschaftler, Dichter, Maler, ja das Lebensgefühl vieler Generationen beeinflusst. Man sehnte sich nach den Ursprüngen, der Einfachheit des Lebens. Es war eine Art Befreiung von der Zivilisation, im Kopf wie in den Füßen.

Um Goethe kommt man nie herum

Auch Johann Wolfgang von Goethe, um den man nie herum kommt, auch nicht, wenn man über Epidemie, Welle und Ostern grübelt, und der uns natürlich, lebte er heute, Lockdown und Taskforce-Testlogistik erklärt hätte, war ein großer Naturliebhaber und Naturforscher.

Berühmt ist seine „Italienische Reise“, die fast zwei Jahre dauerte und ihn bis Sizilien führte, meist in der Postkutsche, aber auch zu Fuß. Gut vermarktete Goethe-Wanderwege gibt es in den Alpen von München nach Venedig und im Thüringer Wald bei Ilmenau. Viele seiner Gedichte sind Hymnen an die Natur, viele Szenen des „Faust“ spielen im Freien: Straße, Garten, Feld und Hochgebirg. Immer Bewegung. Am Ende seines Lebens wird Faust zum Wanderer wie später Wotan in Wagners „Ring des Nibelungen“.

Der berühmteste Spaziergang im „Faust“ ist der „Osterspaziergang“ im ersten Teil, der mit den Worten beginnt: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche/Durch des Frühlings holden, belebenden Blick…“ Faust und sein Schüler Wagner mischen sich unter die vielen Menschen, die erleichtert vor die Stadt ziehen, da sie der Pest entronnen sind.

Osterspaziergang als Sinnbild des Lebens

Dankbar erinnern sie sich, dass Faust und dessen Vater viele von ihnen der heißen Fieberwut entrissen haben. Jetzt ist der Lockdown beendet, jetzt feiern sie die Auferstehung des Herrn und sind selbst auferstanden. Auf diesem Spaziergang wird die Natur zum Sinnbild des Lebens.

„Nur, wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen“. Dieses Zitat wird Goethe oft untergeschoben wie Rousseau der Aufruf „Retour à la nature“.

Doch egal, ob das stimmt oder nicht, die Worte treffen die Sache sehr gut oder wie die Italiener sagen: Se non è vero, è molto ben trovato. (Auch wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden.) Was wiederum Giordano Bruno untergeschoben wird.

Aber nicht nur Goethe, auch Schriftsteller wie Wilhelm Heinrich Wackenroder, Joseph Eichendorff, Adalbert Stifter („Nachsommer“), Peter Rosegger („Waldheimat“) und viele andere haben diesen Drang nach Draußen beschrieben und befeuert. Literarischer Höhepunkt sind die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ von Theodor Fontane.

Sonntagsausflüge in der Malerei

Auch die Maler sind nicht faul. Von Carl Spitzweg stammt der gemächliche „Sonntagsspaziergang“, von August Renoir der elegante „Spaziergang“. Doch ein Bild fing wie kein anderes den Zeitgeist ein: „Wanderer über dem Nebelmeer“, das Caspar David Friedrich bereits 1818 gemalt hatte (und das jede Reise in die Kunsthalle Hamburg wert ist). Man kann es getrost an die Seite von Goethes Gedicht „Über allen Gipfeln ist Ruh“ stellen. Erwanderte Natur als Sinnbild des Lebens.

Moderne Variante: Waldbaden

Mitte des Jahrhunderts werden Alpen- und Schwarzwaldvereine gegründet, das seefahrende Volk der Engländer erstürmt die Alpen. Ab der Jahrhundertwende ziehen und singen dann die Wandervögel durch die Lande.

Heute haben Joggen, Waldbaden einschließlich Bäume umarmen oder Hunde ausführen Konjunktur. Aber man kann auch ohne Zweck und Ziel spazieren und wandern, einfach so. Oder, um noch einmal Goethe zu bemühen: „Ich ging im Walde/So vor mich hin,/Und nichts zu suchen,/Das war mein Sinn.“

Corona ist kein Spaziergang, aber ein Spaziergang, vielleicht sogar eine kleine Wanderung, kann zum Osterfrieden beitragen.

Ihr Autor

Dietrich Mack

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Erstellt:
4. April 2021, 09:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 54sec

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