„Gott ist kein Marionettenspieler“

Karlsruhe – Was sagen die Kirchen und Theologen zur Corona-Krise? Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh im Interview über Gott, christlichen Glauben und Schäubles Lebens-Thesen.

„Nicht um jeden Preis den einen Schuldigen suchen“: Cornelius-Bundschuh über christliche Ansätze in der Corona-Pandemie. Foto: Sommer/dpa

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„Nicht um jeden Preis den einen Schuldigen suchen“: Cornelius-Bundschuh über christliche Ansätze in der Corona-Pandemie. Foto: Sommer/dpa

Die Kirchen sind von der Corona-Pandemie ebenfalls stark betroffen. Bisweilen ist die Kritik zu hören, die Kirchenoberen würden zur Krise schweigen. Über diesen Vorwurf und darüber, wie der christliche Glaube in der Corona-Krise helfen kann und will, sprach BT-Redakteur Dieter Klink mit dem Bischof der evangelischen Landeskirche Badens, Jochen Cornelius-Bundschuh.

BT: Herr Landesbischof, der ehemalige Militärbischof der Bundeswehr, Hartmut Löwe, schreibt in der FAZ, die Kirchenoberen böten in der Corona-Zeit Gefühlsduselei und Allerweltsweisheit. Hat er recht?

Jochen Cornelius-Bundschuh: Zurzeit machen wir drei Erfahrungen, auf die wir als Kirche reagieren. Erstens: Das Leben ist verletzlich und hat Grenzen. Das ist vielleicht allerweltsmäßig. Zweitens gibt es die Chance des Innehaltens und der Demut, um zum Beispiel neu nachzudenken, wo wir auf Kosten der Natur und kommender Generationen leben. Das dritte ist die Zusage: Mit meinen Grenzen bin ich in Christus geborgen. Ich schaue auf das Leben nicht nur unter dem Stichwort des Überlebens, sondern auch über den Tod hinaus. Diese Perspektive ist spezifisch christlich. Das ist keine Allerweltsweisheit.

BT: Kann man fragen: Wo ist Gott in der Pandemie?

Cornelius-Bundschuh: Gott zeigt sich, indem er zu uns kommt. In den Befreiungsgeschichten des Alten Testaments kann man das schon sehen, aber auch in der Krippe zeigt sich die Bewegung Gottes in der Welt. Der Glaube kennt den verborgenen Gott und den offenbarten Gott. Luther sagte: Über den verborgenen Gott können wir ganz wenig sagen, er ist ein Spekulationsobjekt, den benutzen wir schnell, um anderen zu drohen. Entscheidend ist der offenbarte Gott, der in Christus sagt: Fürchte dich nicht, ich bin bei dir, auch in Krisen. Dieser Gott fordert uns aber zugleich auch heraus. Jesus hat die Leute ja nicht so sein lassen, wie sie sein wollten.

BT: Trifft uns mit Corona der Zorn Gottes? Muss man Zorn und Liebe Gottes zusammendenken?

Cornelius-Bundschuh: Das kennt man auch aus einer guten Ehe. Die Liebe ist kein freundliches Schlagersingen. Sondern man ringt und streitet miteinander. Die Bibel erzählt von Gottes Zorn, aber der ist immer umfangen von Gottes Liebe. Theologisch zeigt sich das am deutlichsten im gekreuzigten Christus, in seiner Person und Geschichte.

Keine Angst vor Krankheiten

BT: Wie deutet die Theologie die Pandemie?

Cornelius-Bundschuh: Jesus sagt: Ich bin bei euch alle Tage! Das bedeutet: Gott ist in unserem Alltag gegenwärtig. Aber der Glaube reduziert ihn nicht auf einen einzigen Punkt: Er wirkt ethisch und moralisch und ermutigt Menschen, für ihre Nachbarn einzukaufen. Er wirkt geistlich, wenn Menschen spüren, dass sie Zeit gewinnen und die Erfahrung machen, nicht mehr so gehetzt zu sein. Er schenkt Kraft: „Ich spüre, dass ich gar nicht so eine starke Angst vor Krankheiten haben muss, weil ich mich in einem größeren Kontext geborgen fühle.“ Ich liebe das Bild aus dem zweiten Timotheus-Brief: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

BT: Was trägt der christliche Glaube spezifisch zum Aushalten der Krise bei?

Cornelius-Bundschuh: Dass wir nicht um jeden Preis den einen Schuldigen suchen müssen, dass wir nicht nur nach technischen Lösungen schauen. Sondern ruhig, besonnen, gelassen und mit großer Freiheit überlegen: Was ist gut für uns und unsere Gesellschaft? Es gibt ja zur Zeit viele Sündenbock- und Verschwörungstheorien. Diese leben davon, dass man Ursachenforschung auf einen Punkt engführt. Aber es gibt nicht die eine Kraft, die das Böse oder das Gute schafft; unsere Wirklichkeit und wir selbst sind nicht Entweder/Oder.

BT: Löwe meint, die Kirchen würden nur das sagen, was ohnehin schon alle sagen.

Cornelius-Bundschuh: Nein, das tun sie nicht. Wir sagen, was uns trägt. Zudem hat bei uns nicht der Bischof das erste Wort, sondern es geht um die vielen Initiativen vor Ort. Ich bin sehr froh, dass es in den Kirchengemeinden so viele Versuche gibt, aus dem Glauben heraus Menschen zu stärken und neue Wege zu gehen, wenn Wege über Kontaktverbote verbaut sind. Luther hat mal den wichtigen Satz gesagt: Jeder, der aus der Taufe gekrochen kommt, ist Priester, Bischof und Papst. Er meinte damit: Jeder Christ, jede Christin verantwortet ihren Glauben.

Nicht wie eine Prinzessin

BT: In den Büchern des Alten Testaments Amos und Hiob geht es um das Leid, das Gott zufügt. Darum, dass Gott für alles zuständig ist, die sogenannten Allkausalität. Wie ordnen Sie diese ein?

Cornelius-Bundschuh: Gott kommt in Christus auf diese Erde, und zwar nicht wie eine Prinzessin, die nur die positiven Seiten erlebt, sondern er erlebt unsere Schwächen, trägt unser Leid, stirbt. Es gibt nichts, zu dem Gott nicht in eine Beziehung tritt. Aber Allkausalität heißt nicht, dass Gott ein Marionettenspieler ist. In den biblischen Schriften wird deutlich, dass Gott auch verzeiht, mitleidet, dass er sich ärgert, aber nicht alle umbringt. Es ist ein sehr kommunikativer Gott, der sich nicht distanziert. Wir haben kein dualistisches Weltbild.

BT: Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat gesagt, dass der Vorrang des Lebens nicht absolut sei, und damit eine Debatte ausgelöst. Wie sehen Sie das Spannungsfeld?

Cornelius-Bundschuh: Man kann Schäubles Satz utilitaristisch und damit falsch verstehen. Ich glaube aber, er hat es anders gemeint. Für Christen geht es nicht um Leben um jeden Preis. Sondern um das, was das Leben mit Christus auszeichnet und wofür wir kämpfen müssen. Denken Sie an die Pflegeheime. Es gab keine Besuche über lange Zeit, was bedeutet das für diese Menschen und für uns? Eine Frau hat mir geschrieben: Ich habe meinen Mann im Januar wegen Demenz ins Altenheim geben müssen. Die Demenz wird mit jedem Tag, an dem ich ihn nicht besuchen kann, schlimmer. Was also heißt Leben? Diese Frau würde mir sagen: Mein Mann muss nicht um jeden Preis an Geräte angeschlossen werden. Da hat Schäuble einen richtigen Punkt getroffen. Die Frage nach der Biologie im Sinne von Überleben ist nicht die einzige Frage, die das Leben stellt.

BT: In den Corona-Debatten kommen Virologen, Philosophen, Soziologen, Wirtschaftswissenschaftler zu Wort. Von Theologen ist wenig zu hören. Halten sich die Theologen da zurück?

Cornelius-Bundschuh: Nein, die Kirchen sind sehr präsent und gerade die geistlichen Angebote stoßen auf eine große Resonanz. So sehen doppelt so viele Menschen die Fernsehgottesdienste. Das zeigt, dass die Menschen viel von uns erwarten. Vielleicht werden wir den Erwartungen nicht immer gerecht. Vielleicht sind wir in manchem zu nachdenklich. Der Glaube, der uns trägt, führt uns aus dem Schwarz-Weiß in die Zwischentöne. Anfangs hieß es: Herdenimmunität oder Lockdown? Aber das stimmt beides nicht. Wir bewegen uns alle dazwischen. Das ist natürlich weniger eine Schlagzeile wert, wie wenn es hieße: „Bischof ist gegen Impfen“. Damit würde ich sogar in die Bild-Zeitung kommen, aber was soll ich da? Die Fragen sind so vielschichtig, dass ich denke: Es hilft nichts, wir müssen gründlich theologisch nachdenken und mit großer Geduld und Besonnenheit agieren. Keiner soll glauben, dass wir mit technischen Maßnahmen alle Verletzlichkeit ausschalten können; aber wir können im Vertrauen auf Gott und, indem wir füreinander da sind, damit leben. Das können wir in der Krise lernen.

Freiheit mit Christus

BT: An welche Bibelworte halten Sie sich selbst?

Cornelius-Bundschuh: Den Timotheus-Brief habe ich schon genannt. Daneben noch das schöne Wort aus dem Galater-Brief: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ Das heißt: Ich muss mich nicht beugen, kann auch mal sagen, was ich nicht für richtig halte. Aber ich bin für das, was ich tue, verantwortlich.

BT: Haben sie Angst, wenn Sie nun mehr und mehr rausgehen? Sie hatten Ende 2019 ja einen Herzinfarkt.

Cornelius-Bundschuh: Nein, Angst habe ich nicht. Was mich am meisten bewegt: Mein Alltag vor Corona und vor meiner Erkrankung bestand aus sehr vielen Begegnungen. Bei Festgottesdiensten suchten viele Menschen das Gespräch mit mir. Das ist das, was mir am meisten fehlt. Ich hoffe sehr, dass wir bald wieder mehr zu direkter Kommunikation kommen, denn die ist nicht zu ersetzen.


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