Grandioser Grand Canyon und bissige Hunde

Gaggenau/USA (ham) – Zwischen Traum und Trauma: Jörg Lohmar aus Gaggenau strampelt mit seinem Fahrrad durch Amerika. Auf der großen Tour radelt er 5.300 Kilometer quer durch die USA.

Harter Start: In der Mojave-Wüste in Nevada kämpft Lohmar gegen glühende Sonne und 36 Grad Hitze. Foto: Jörg Lohmar

Harter Start: In der Mojave-Wüste in Nevada kämpft Lohmar gegen glühende Sonne und 36 Grad Hitze. Foto: Jörg Lohmar

Unter dem riesigen Willkommens-Plakat an der Grenze zum US-Bundesstaat Utah reckt Jörg Lohmar die Fäuste in den Himmel. Unter dem Schriftzug „Welcome to Utah“ wird verkündet, dass auf den Besucher ein „erhabenes Leben“ oder – freier übersetzt – ein „besseres Leben“ wartet. Auf Jörg Lohmar wartet in Utah jedoch vor allem eins: eine Tortur.

Der einzige treue Begleiter des gebürtigen Gaggenauers steht links von ihm unter dem Plakat: sein Drahtesel. Mit dem Rad durchquert der 53-Jährige nicht nur den „grandiosen Grand Canyon Nationalpark“, der ihn begeistert. Wie schon 2017 strampelt Lohmar von der US-West- an die Ostküste. Diesmal geht es indes nicht von San Francisco nach New York. Nun reizte den Murgtäler die Route von Los Angeles nach Washington DC. Genauso wie sein Debüt vor fünf Jahren kein Pappenstiel mit rund 5.300 Kilometern. Die Strecke ist damit etwa 50 Prozent länger als die berühmte „Tour de France“!

Zur Vorbereitung quasi die Erde umrundet

„Wenn ich an die Entfernung denke, zittern mir die Knie“, bekannte Lohmar deshalb im Vorfeld, obwohl er sich dieses Mal deutlich besser vorbereitet durch die USA quält: 2017 war der Personalsachbearbeiter bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz bei seiner ersten Gewalttour quasi als Radfahr-Einsteiger ohne Training blauäugig drauflosgefahren. „Ich traute ihm die Strecke nicht zu“, gestand sein Hördener Schachfreund Detlev Bettendorf, verschwieg das aber wohlweislich dem „Stubenhocker“.

Auch wenn es durch imposante Landschaften geht, ist manches auf der langen Strecke für Jörg Lohmar doch auch eine Tortur. Foto: Jörg Lohmar

Auch wenn es durch imposante Landschaften geht, ist manches auf der langen Strecke für Jörg Lohmar doch auch eine Tortur. Foto: Jörg Lohmar

Diesmal bereitete sich Lohmar akribisch vor und umrundete quasi auf dem Hometrainer und seinem Rad seit 2018 mit knapp 40.000 Kilometern quasi die Erde. Aber 5.000 Kilometer binnen weniger Wochen und bei glühender Sonne und 36 Grad wie gleich zu Beginn in der Mojave-Wüste sind doch noch eine größere Herausforderung. Nach knapp vier Wochen hat der 53-Jährige die Einsamkeit, die legendäre Route 66 und die ersten 2.111 Kilometer hinter sich gelassen. Zuletzt überwand er die Southern Rockies und den 3.209 Meter hohen Brazos Summit. „Mit dem Erreichen von Cimarron geht der wunderschöne, aber auch anstrengende Ritt durch den Südwesten der USA zu Ende und in die Plains über. Die unendlichen Weiten und der glühende Asphalt liegen hinter mir.“

Hundepfeife gegen aggressive Vierbeiner

Ab hier wartet die größte Herausforderung der Tour auf ihn – nicht etwa die restlichen 3.200 Kilometer, sondern bissige Hunde! „2017 wurde ich etwa 40 Mal attackiert“, erinnert sich Lohmar mit Schrecken an sein blutiges US-Debüt zurück und hofft, mit einer Hundepfeife die Vierbeiner auf Distanz halten zu können. An die regelmäßigen „Platten“ hat sich der Murgtäler dagegen gewöhnt. Pannen gehören für ihn zum Alltag, auch wenn sie ärgerlich sind und es Zeit kostet, wenn ein „Jumping Cactus“ einen Stachel in den Vorderreifen bohrt oder ein Nagel nach dem 3.737 Fuß hohen Koyotenpass den geplanten Museumsbesuch in Kingman torpediert, weil die Suche nach passendem Ersatzmaterial vorgeht.

Auf der legendären Route 66 finden sich neben allerlei Souvenir-Schnickschnack auch zuhauf kuriose fahrbare Untersätze. Foto: Jörg Lohmar

Auf der legendären Route 66 finden sich neben allerlei Souvenir-Schnickschnack auch zuhauf kuriose fahrbare Untersätze. Foto: Jörg Lohmar

Persönliche Rekorde muntern Lohmar neben den Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke auf und geben ihm die zweite Luft: Auf einer steilen Abfahrt raste er exakt mit 80 Stundenkilometern hinab, womit er „den Rekord von 2017 mit 68,8 km/h“ pulverisierte. Für eine 100-Kilometer-Strecke registrierte der zahlenaffine Schachspieler ebenso in Kansas eine Bestmarke: In drei Stunden und zwölf Minuten strampelte er diese ab. „Jetzt weiß ich auch, warum hier so viele Windräder stehen“, verweist er auf viel Rückenwind in dem Bundesstaat.

Am 12. Juni möchte der Extremsportler auf seiner 49. Etappe in Washington DC einfahren. Als Puffer vor dem Heimflug bleiben ihm noch vier „Urlaubstage“. Drei Tage Pause plant Lohmar zudem bei Familie Morgen in Washington (Missouri), die er auf seiner ersten Tour 2017 kennengelernt hatte. Zwei Tage verweilt er außerdem bei Familie Deckman in Louisville (Kentucky), die einst die Gasteltern seiner Ehefrau Kirsten waren. „Bei Joe Biden bin ich nicht eingeladen“, ist der gebürtige Gaggenauer trotz der Tortur zu Scherzen aufgelegt, will aber „spontan am Weißen Haus des US-Präsidenten vorbeigehen“.

Grandiose Ausblicke und Landschaften garantiert der Grand Canyon. Er begeistert den Gaggenauer Jörg Lohmar besonders auf seiner US-Radtour. Foto: Jörg Lohmar

Grandiose Ausblicke und Landschaften garantiert der Grand Canyon. Er begeistert den Gaggenauer Jörg Lohmar besonders auf seiner US-Radtour. Foto: Jörg Lohmar

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BT-Redakteur Hartmut Metz

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Erstellt:
17. Mai 2022, 09:30 Uhr
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