Größere Wohnung sehnlichster Wunsch

Rastatt (sawe) – Neun Personen auf 73 Quadratmetern: Für die Familie Alschalal ist das Leben nicht nur im Lockdown eine tägliche Herausforderung. Sehnlichster Wunsch ist eine größere Wohnung.

Suham (rechts) mit ihrem Vater und einigen Geschwistern. In dem kleinen Raum werden auch meist die Hausaufgaben gemacht. Foto: Sabine Wenzke

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Suham (rechts) mit ihrem Vater und einigen Geschwistern. In dem kleinen Raum werden auch meist die Hausaufgaben gemacht. Foto: Sabine Wenzke

Suham Alschalal wirkt erschöpft und traurig und bringt dann bei der Begrüßung doch noch ein zaghaftes Lächeln zustande. Eigentlich hätte sie allen Grund zur Freude, denn die 19-Jährige steht in diesem Jahr vor ihrem Realschulabschluss an der Handelslehranstalt und will danach eine Ausbildung in der Krankenpflege machen. Noch vor fünf Jahren, als sie mit ihrer Familie aus dem Irak nach Deutschland flüchtete, sprach sie kein Wort Deutsch.
Allerdings hat sie große Angst, die Mittlere Reife nicht zu schaffen. Der Grund ist kein mangelnder Lerneifer, sondern die drangvolle Enge in der kleinen Wohnung, die effektives Lernen nahezu unmöglich macht und die damit so vielversprechend begonnene Integration erschwert. Dort leben, essen und schlafen neun Personen auf 73 Quadratmetern – die Eltern sowie die beiden Töchter und fünf Söhne im Alter von drei bis 23 Jahren. Das jüngste Kind wurde in Deutschland geboren. Stille gibt es in der Wohnung kaum. Höchstens für ein paar Stunden in der Nacht, wenn alle schlafen.

„Sie ist gescheit und engagiert“, bestätigt Suhams Nachhilfelehrer Josef Jung. Zwar spricht die 19-Jährige gut Deutsch, doch hapert’s manchmal beim Verstehen der Aufgabenstellung etwa in Mathematik. Auch in Englisch braucht sie Unterstützung. Einmal sei er in der Wohnung zur Nachhilfe gewesen, doch dies bringe dort wenig, meint er angesichts der Umstände.

Mehrere Wochen auf der Flucht

So werden die Nachhilfestunden derzeit in der Bildungseinrichtung erteilt, für die der 69-Jährige tätig ist. Zeitweise konnten sie auch auf das Naturfreundehaus ausweichen, das Uschi Böss-Walter von den Naturfreunden für den Zweck zur Verfügung gestellt hatte. Doch in Coronazeiten mit den vielen Einschränkungen ist alles viel schwieriger geworden. Suham sei oft verzweifelt, sagt Jung. „Es geht so nicht mehr weiter“, bestätigt die 19-Jährige.

Die Familie stammt aus der jesidischen Region Sinjar im Irak und kam im Dezember 2015 nach Deutschland. Sie hätten „Dinge gesehen, die wir nie für möglich gehalten haben“, erzählt Suham mit leiser Stimme von leidvollen Erfahrungen. Furcht spiegelt sich in ihren Augen beim Blick zurück. Mehrere Wochen seien sie unterwegs gewesen auf ihrer Flucht vor dem Krieg. In Deutschland kamen sie zuerst nach Heidelberg, dann ins Hochhaus in der Plittersdorfer Straße, danach ins Murgtal, wo sie zuletzt im „Sonnenhof“ in Gernsbach untergebracht waren, der noch bis September 2019 als Flüchtlingsunterkunft diente. Zeitweise musste die Familie in einem Raum leben, erzählt Suhams 13-jährige Schwester Zhiyan, die akzentfrei Deutsch spricht und einmal Polizistin werden will, wie sie selbstbewusst erzählt.

Seit März 2018 im Bittlerweg

Seit März 2018 wohnen die Alschalals in der Anschlussunterbringung im Bittlerweg in Rastatt, die Miete zahlt laut Suham das Jobcenter. Das Haus gehört der Stadt. Zwei Zimmer werden vor allem zum Schlafen genutzt, in dem einem liegen nur Matratzen, da sich diese tagsüber besser übereinanderstapeln lassen und somit mehr Platz ist. Und es gibt einen weiteren Raum, der als Küche und gleichzeitig Wohnzimmer dient und in dem sich das Familienleben quasi abspielt. Jetzt im Winter, wenn es draußen kalt ist, sind fast alle immer zu Hause.

Verschärft wird die Situation zudem durch den Lockdown. Fünf Kinder haben Online-Unterricht, die kleineren Geschwister wollen spielen oder Fernsehen schauen oder etwas essen – „da gibt es keine Ruhe, aber man muss trotzdem seine Hausaufgaben machen“, meint der älteste Sohn Ameer, der eine Ausbildung zum Metallbauer absolviert. Der 23-Jährige wäre auch bereit, auszuziehen, um die Wohnungssituation etwas zu entschärfen, habe aber bisher nichts Passendes gefunden, berichtet er.

Die Mutter hat alle Hände voll zu tun mit ihrer Großfamilie, ist von morgens bis abends mit Kochen und anderen Haushaltstätigkeiten voll beschäftigt. Die Arbeit geht nie aus, vor allem gibt es immer Wäsche. Damit diese nicht auch noch zum Trocknen in der Wohnung aufgehängt werden muss, hat Uschi Böss-Walter praktische Hilfe geleistet und über Spenden einen Trockner für die Familie finanziert, der jetzt im einzigen Bad der Wohnung steht, in der es keine Rückzugsmöglichkeiten gibt und Privatsphäre ein Fremdwort ist.

Ameer und Suham, die auch oft Behördengänge erledigt und ihre Familienangehörigen zu Arztbesuchen begleitet, schauen immer nach Wohnungsannoncen und haben schon mehrfach angerufen, bisher jedoch ohne Erfolg.

Bei der Kinderanzahl würden Vermieter immer gleich abwinken, weiß Uschi Böss-Walter, die Suham vor einigen Jahren bei einem integrativen Theaterprojekt kennengelernt hat, an dem Kinder aus deutschen und aus Flüchtlingsfamilien Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ aufführten. Böss-Walter war seinerzeit Initiatorin und Projektleiterin, Suham habe die Hauptrolle gespielt, das habe ihr sehr viel Spaß gemacht.

Seither kümmert sich Böss-Walter ehrenamtlich um die Familie, die unter der räumlichen Enge leidet und nur einen sehnlichen Wunsch hat, wie der Vater bekräftigt: Eine größere Wohnung oder ein Haus. Die Familie hofft nun inständig, dass sich doch noch ein Vermieter mit Herz für eine Großfamilie findet.

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Erstellt:
16. Februar 2021, 07:00 Uhr
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