Große Summen Schwarzgeld im Amateurfußball

Baden-Baden (moe) – Laut nun veröffentlichten Umfrageergebnissen fließen im deutschen Amateurfußball pro Monat mehr als 100 Millionen Euro in die Taschen der Spiele – rund die Hälfte davon schwarz.

Auch im Amateurfußball fließt jede Menge Geld – auch schwarz. Foto: Frank Seiter

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Auch im Amateurfußball fließt jede Menge Geld – auch schwarz. Foto: Frank Seiter

Der durch seine Tore in der ersten Amateurliga so viel Schotter verdient hat, dass er sich Gartenterrasse und Hofeinfahrt hat pflastern können. Der schon etwas abgehalfterte Ex-Profi, der als Spielertrainer in der Kreisliga maßgeschneiderte Flanken schlägt und dafür nochmal Kasse macht. Der aufstrebende Jungstar, der vom Geldbündel jonglierenden Club-Mäzen mit einem geleasten Auto geködert wird. Oder einfach der trinkfeste Kapitän, der für eine Bier-Flatrate im heimischen Clubhaus Woche für Woche die Knochen auf den ramponierten Plätzen der B-Klasse hinhält.

Geschichten über Bezahlung von Amateurfußballern sind beinahe so alt wie das Spiel selbst. Wohl nahezu jeder Kicker kann zu diesem Thema die ein oder andere Räuberpistole zum Besten geben. Im Rahmen anekdotischer Evidenz war demnach seit jeher klar: Nicht nur in den Bundesligen, sondern auch in den Spielklassen unterhalb der Regionalliga fließt regelmäßig Geld. Die große – meist unbeantwortete – Frage lautete bisher allerdings: Wie viel?

Empiriebasierte Hinweise auf Summen, die in fußballdeutschen Amateurclubs fließen, hat eine Umfrage des Recherchezentrums Correctiv und des Rundfunks Berlin-Brandenburg (rbb) nun zutage gefördert, an der auch das Badische Tagblatt beteiligt war. Die Haupterkenntnis: Auch der nicht-professionelle Fußball ist ein Millionen-, wenn nicht sogar ein Milliardengeschäft. Denn pro Jahr, das haben Hochrechnungen im Zuge der Recherchen ergeben, fließen im deutschen Amateurfußball pro Monat mehr als 100 Millionen Euro in die Taschen der Kicker. Auf die Saison gemünzt, übersteigt der Betrag gar die Milliardengrenze. Besonders brisant: Davon wechseln mutmaßlich 500 Millionen Euro in Form von Schwarzgeld den Besitzer.

Je höher die Liga, desto höher der Betrag

Mehr als 10.000 Fußballer wurden im Rahmen der Recherche-Kooperation befragt. 8.085 Teilnehmer – 1.529 davon aus Baden-Württemberg – waren dabei im Alter zwischen 18 und 39 Jahren und bilden demnach die Stichprobe. Repräsentativ ist die Studie indes nicht, vielmehr handelt es sich um eine Hochrechnung unter Annahmen. Die Macher haben sich aber bei Auswertung und Interpretation laut eigenen Angaben von zwei unabhängigen Stellen – der Technischen Universität Dortmund und der Ludwig-Maximilians-Universität München – wissenschaftlich beraten lassen. Mit dieser Faustformel als Ergebnis: Je höher die Liga, desto höher die Bezahlung. Aus der errechneten Stichprobe gaben 90 Prozent der Spieler aus der fünfthöchsten Klasse an, dass sie im Oktober 2020 Geld fürs Fußballspielen erhalten haben. Ihr mittleres Einkommen betrug 500 Euro. In Liga acht – in Mittelbaden die Bezirksliga – kassierten 36,4 Prozent der Kicker ab, im Schnitt 200 Euro.

Was sagt der Deutsche Fußballbund (DFB) zu diesem Thema? Noch bevor diese Zahlen an diesem Mittwoch veröffentlicht wurden, teilte der mit knapp sieben Millionen Mitgliedschaften größte Sportfachverband der Welt auf Anfragen zum Thema Bezahlung mit, die Regelungen seien „Sache der Vereine“, den Rahmen dafür setze der Gesetzgeber. Für die insgesamt 21 Landesverbände unter dem Dach des DFB sei „eine Kontrolle nicht möglich“, hieß es aus der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise 6. Allerdings stellte man klar: Grundsätzlich seien Zahlungen in den unteren Ligen der „falsche Weg“.

Wie Geld richtig zu fließen hat, steht indes in Paragraf 8 der DFB-Spielordnung, die mit „Status der Fußballspieler“ überschrieben ist. Demnach dürfen Amateurspieler nicht mehr als exakt 249,99 Euro an „nachgewiesenen Auslagen und allenfalls einen pauschalisierten Aufwendungsersatz“ erhalten. Gibt es nur einen Cent mehr, gilt man nicht als Amateur, sondern als Vertragsspieler. Davon gibt es in Deutschland rund 8.000, im Bereich des Südbadischen Fußballverbands sind es etwa 250 von circa 27.000 Kickern. Kassiert ein Spieler mindestens 250 Euro, muss er sich in Form eines schriftlich fixierten Kontrakts mit dem Verein dazu „verpflichten, die steuerlichen und sozialversicherungsrechtlichen Abgaben für die gesamte Laufzeit des Vertrages abführen zu lassen“, wie es in Absatz zwei des Paragrafen heißt.

Schattenwirtschaft im Dunkel der Hinterzimmer

Doch genau das, so legen die Ergebnisse der Umfrage, aber auch die Aussagen von Protagonisten aus Mittelbaden nahe, passiert nicht immer. Etwa die Hälfte der Zahlungen soll nicht schriftlich dokumentiert worden sein beziehungsweise in bar stattgefunden haben. 18,2 Prozent der Befragten wollen obendrein schon einmal Sachwerte oder Dienstleistungen entgegengenommen haben: Autos, Fernsehgeräte, Nebenjobs und sogar Baugrundstücke.

Der gängigste Weg auf den unerlaubten Teil des Spielfelds führt dabei meist durch die Clubhäuser. Schattenwirtschaft im Dunkel der Hinterzimmer. Dort werden laut der Befragung nämlich in der Regel die Umschläge mit Bargeld übergeben. Manchmal stecken demnach auch private Gönner das Geld in bar zu. Andere haben Scheinarbeitsverhältnisse beim Sponsor und kassieren ab, ohne jemals präsent zu sein. Offenbar auch ein Klassiker: Vereine verrechnen vorab vereinbarte Prämien mit dem Kilometergeld – auch wenn der Spieler zu Fuß zum Sportplatz kommt.

Den Protagonisten ist oft durchaus bewusst, dass sie im strafbaren Abseits stehen. „Das Thema ist ein ganz heißes Eisen“, sagt ein Vereinsfunktionär aus Mittelbaden, der anonym bleiben will. Er glaubt, „dass es nicht einen Verein ab der Bezirksliga aufwärts gibt, der wirklich alles hochoffiziell bis auf den letzten Euro abrechnet“. Auf dem Platz pfeift bei Fouls der Mann in Schwarz, beim Thema Schwarzgeld fehlt jedoch offenbar oft das Korrektiv – sagt Correctiv: Es komme nur „ganz selten zu Razzien“, betont Arne Steinberg, der maßgeblich an der aktuellen Untersuchung beteiligt war, im BT-Gespräch. Der Vereinsfunktionär hat bezüglich der Zurückhaltung eine Theorie: „Weil Fußball ein Allgemeingut ist, halten die Behörden den Ball flach, so lange die Zahlen halbwegs plausibel sind. Wenn man die Vereine auf links drehen würde, würde es ein Halali geben.“

Keine Zahlen zu überprüften Clubs

Die Kontrolle der Vereine obliegt klassischerweise den Finanzämtern in den jeweiligen Bundesländern. „Bei Außenprüfungen werden regelmäßig die Finanzen der Vereine kontrolliert“, heißt es auf BT-Nachfrage beim baden-württembergischen Finanzministerium. Indes: Gezielt auf Schwarzarbeit werden die Clubs in solchen Fällen allerdings nicht überprüft, wie die Behörde bestätigt. Dies falle in erster Linie in den „Aufgabenbereich der Hauptzollämter der Finanzkontrolle Schwarzarbeit beim Bund“. Ein Austausch finde diesbezüglich in „Einzelfällen“ statt. In der Statistik der Überprüfungen wird unterdessen keine Unterscheidung nach Sparten vorgenommen, weshalb es auch keine dezidierten Zahlen im Bezug auf Fußballvereine gibt. Das gilt offenbar bundesweit, wie der rbb durch Anfragen bei den Landesfinanzämtern ermittelt hat.

Wenn es nach Thomas Summerer geht, dürfte sich beim Thema Schwarzarbeit demnächst viel bewegen. Der renommierte Sportjurist prophezeit, dass die nun vorliegenden Ergebnisse „ein kleines Erdbeben“ auslösen werden. „Wenn es schwarze Kassen gibt, (…) dann ist das per se schon ein Straftatbestand, nämlich Untreue. Und das ist natürlich auch im Sportrecht relevant, denn es ist auf jeden Fall ein Verstoß gegen die Statuten sowohl des DFB als auch der FIFA und der UEFA. Dementsprechend können Sanktionen verhängt werden“, sagt der Rechtsanwalt, der auch schon den DFB juristisch vertreten hat, in einem ARD-Interview.

Spieler riskieren Freiheitsstrafen

Verstöße gegen die bestehenden Regeln können sich also zu einem gefährlichen Spiel entwickeln. Das verdeutlicht allein schon der Blick auf den Strafrahmen: Vereinen drohen laut Summerer sowie Landesfinanzministerium der Entzug der Gemeinnützigkeit – samt Verlust fiskaler Begünstigungen – oder hohe Nachzahlungen. Spieler riskieren wegen Steuerhinterziehung nicht nur Geld-, sondern auch Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren. Zumindest in der Theorie.

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