Großinvestition für sauberes Abwasser

Baden-Baden (nof) – Um Medikamentenrückstände aus dem Abwasser zu filtern, wird bei der Gemeinschaftskläranlage Baden-Baden/Sinzheim eine vierte Reinigungsstufe errichtet.

Mehr als 20 Millionen Euro kostet die neue Reinigungsstufe.  Foto: Nico Fricke

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Mehr als 20 Millionen Euro kostet die neue Reinigungsstufe. Foto: Nico Fricke

Die Baggerschaufel versinkt metertief im Grundwasser, Ladung für Ladung fördert sie den Aushub aus der Baugrube zutage. 12.000 Kubikmeter werden es bis Ende September sein, erklärt Olaf Herrmann, Leiter Abwasserbehandlung beim Eigenbetrieb Umwelttechnik. Wo sich derzeit ein großes Loch auftut, entsteht die vierte Reinigungsstufe der Gemeinschaftskläranlage Baden-Baden/Sinzheim. „Damit können wir in Zukunft auch Spuren- und Mikroschadstoffe aus dem Abwasser filtern“, erklärt Peter Riedinger, Technischer Betriebsleiter bei den Stadtwerken Baden-Baden. Darunter fallen zum Beispiel Medikamentenrückstände wie Ibuprofen oder Diclofenac, aber auch Hormone und Rückstände von Flamm- und Pflanzenschutzmitteln. „Alles Stoffe, die wir mit der bisherigen Technik nicht zurückhalten können.“ Rund 80 Prozent der Eintragungen könnten künftig aber über die Aktivkohlefilter elimeniert werden, sagt Herrmann.

Abwasser fließt in den Sandbach

Bislang verfügt die Kläranlage zwischen Markbach und Ooskanal nahe Kartung über drei Reinigungsstufen: eine mechanische, eine biologische und eine chemische. Danach wird das gereinigte Abwasser in den Sandbachkanal geleitet, der bei Trockenwetter aus bis zu 80 Prozent Kläranlagenablauf bestehe. Das geklärte Wasser fließt weiter in den Sandbach und schließlich in den Rhein. Mit der sich nun im Bau befindlichen vierten Reinigungsstufe werde die Anlage auf den Stand der Technik gebracht: „Wir müssen dem Umweltschutz und der Nachhaltigkeit Rechnung tragen“, sagt Riedinger. Gesetzlich vorgeschrieben sei dies noch nicht, „aber viele Kläranlagenbetreiber bauen diese jetzt ein. So zum Beispiel auch die Verbandskläranlage in Vimbuch.“

Taucher bringen Ankerpfähle an

Rund 20,5 Millionen Euro kostet der Ausbau. 4,2 Millionen Euro gibt es als Fördermittel, den Rest teilen sich Sinzheim, Bühl (das Abwasser aus Weitenung wird in der Gemeinschaftskläranlage aufbereitet) unddie Stadt Baden-Baden, die für den Löwenanteil aufkommen muss. 80.000 Haushalte sind an die Gemeinschaftskläranlage angeschlossen, ausgerichtet sei sie aber auf 200.000, sagt Herrmann. Ein Grund: Die große Zahl an Übernachtungsgästen in der Baden-Badener Hotellerie. Da kommt einiges zusammen: „Rund zehn Millionen Kubikmeter Abwasser reinigt die Anlage im Jahr“, gibt Riedinger einen Überblick, „das sind rund 27.000 pro Tag.“

Ende Dezember 2022 soll die vierte Reinigungsstufe in Betrieb gehen. Seit Februar liefen die Vorarbeiten, seit April wird gebaggert. 36 mal 50 Meter groß ist die Baugrube, sieben Meter tief frisst sich die Schaufel. Bei Riedinger und Herrmann steigt derweil die Spannung: Im Herbst rücken Taucher an, die im Grundwassersee 220 Ankerpfähle in den Boden rammen. „Und dann muss der Ablauf stimmen“, sagt Herrmann: „Unter Wasser wird eine ein Meter dicke Betonsohle eingelassen. 200 Lkw werden dann dicht getaktet zur Baustelle fahren. Da muss alles passen.“ Erst danach werde das Grundwasser abgepumpt.

810 Tonnen Aktivkohlegranulat kommen zum Einsatz

In weiteren Schritten entstehen dann das Gebäude für die Pumpenanlagen und weitere Technik sowie Kammern für 120 Aktivkohlefilterzellen. 1.200 bis 1.300 Kubikmeter Aktivkohlegranulat, das entspricht rund 810 Tonnen, sollen dann dafür sorgen, dass aus dem hiesigen Abwasser auch Spurenstoffe eliminiert werden. In die Haltbarkeit der Aktivkohle hat Herrmann großes Vertrauen. „Vergleichbare Anlagen haben diese jetzt schon seit fünf Jahren im Einsatz.“ 15 Millionen Euro für die neuen Filter und fünf Millionen Euro für neue Leitungstechnik müssen natürlich auch refinanziert werden – über die Abwassergebühr, die bereits zum Jahresbeginn angehoben wurde.

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Erstellt:
17. August 2020, 21:00 Uhr
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