Gutachterin bescheinigt geistig Behinderter Glaubwürdigkeit

Rastatt (mak) – „Ich bin unschuldig“, beteuerte am Dienstag der Angeklagte vor dem Landgericht Baden-Baden. Der 70-Jährige ist wegen sexueller Nötigung einer geistig behinderten Frau angeklagt.

Das Urteil wird am 27. November verkündet. Foto: Jochen Denker

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Das Urteil wird am 27. November verkündet. Foto: Jochen Denker

Im Mittelpunkt des Fortsetzungstermins stand das Glaubwürdigkeitsgutachten einer Diplom-Psychologin, die keinen Zweifel hatte, dass die Aussagen der jungen Frau wahrheitsgemäß sind. Dem Rastatter wird vorgeworfen, am 25. Juli 2018 im Rahmen eines Behindertentransports in Rastatt, bei dem seine Frau die Fahrerin war, sich in die hintere Reihe neben eine damals 20-Jährige gesetzt zu haben und deren Hände auf sein entblößtes und erigiertes Glied gepresst zu haben. Zudem habe er fest in ihre Brüste gegriffen und ihr beim Aussteigen einen Zungenkuss gegeben, so die Anklage. Zum Auftakt des zweiten Verhandlungstags wurde das Opfer befragt. Rechtsanwältin Katrin Behringer als deren Vertreterin beantragte, dass die Zeugin in einem anderen Raum befragt wird und deren Aussagen in den Sitzungssaal übertragen werden, da diese „massive Angst“ vor dem Angeklagten habe, was durch ein ärztliches Attest bestätigt wurde. Richter Wolfgang Fischer willigte ein. Die junge Frau, die geistig auf dem Stand eines sieben- bis achtjährigen Kindes ist, nahm mit ihrem Spielhasen am Vernehmungstisch Platz. Fischer fragte in einfachen Worten, ob sie manchmal an den Vorfall denke. „Manchmal noch“, so die Antwort. „Wie merken Sie das?“, hakte er nach, worauf die 22-Jährige anfing zu weinen. Auf Wunsch von Verteidiger Karl Fraunberger schilderte sie, was sich im Transporter zugetragen haben soll. Als weitere Zeugin wurde die Kommissarin befragt, die die Frau vernommen hat. „Sie hat alles sehr plastisch beschrieben und ich hatte den Eindruck, dass sie alles noch einmal erlebt“, meinte sie.

Betroffene nicht in der Lage zu lügen

Die Glaubwürdigkeit der Behinderten war von einer Diplom-Psychologin überprüft worden. Die 54-Jährige beschrieb eine Stunde lang ihr Vorgehen vor und erklärte, wie die „Aussagetüchtigkeit“ und Glaubwürdigkeit der 22-Jährigen zu werten sind. Im Hinblick auf die Unterstellung des Angeklagten, dass diese lüge, meinte sie: „Die Lüge ist ein kognitives Leistungsprodukt.“ Die 22-Jährige sei dazu ebenso wenig in der Lage, wie Fantasiegeschichten zu erfinden. Sie könne auch nicht feststellen, dass deren Großmutter, Schwester oder Mutter sie mit Suggestivfragen beeinflusst hatten. Sie sei bei den Befragungen konstant bei ihren Kernaussagen geblieben: „Was sie gesagt hat, basiert auf tatsächlichem Erleben“, so die Einschätzung der Gutachterin. Staatsanwalt Michael Leber war „erstaunt, wie gut die junge Frau den Vorfall noch heute schildern konnte“. Deren Darstellung sei zutreffend. Der Angeklagte habe die Vorwürfe abgestritten und seine Frau, die ihn schützen wolle, „hat glatt gelogen“. Er forderte eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten, die auf drei Jahre zur Bewährung auszusetzen sei. Da der 70-Jährige „eine schmale Rente“ habe, hielt er eine Strafe von 600 Euro und 200 Arbeitsstunden für angemessen. Katrin Behringer beantragte Schmerzensgeld für ihre Mandantin „im unteren Bereich“ und dass der Angeklagte die Kosten des Verfahrens und der Nebenklage zu tragen habe. Verteidiger Fraunberger sprach von einem „atypischen Sachverhalt“, da sexuelle Übergriffe meist stattfänden, wenn die Täter ungestört seien. Im vorliegenden Fall habe die Fahrt von der Werkstätte bis zum Haus der Frau eine Viertelstunde in einem voll besetzten Transporter gedauert. „Seine Frau ist gefahren und hatte im Rückspiegel auf alle ein Auge“, so Fraunberger. Er wertete Abweichungen in den Aussagen der jungen Frau als „ganz erhebliche Widersprüche“ und forderte Freispruch. Das Urteil wird am 27. November verkündet.

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Erstellt:
25. November 2020, 11:09 Uhr
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