„HLA ist nicht nur eine Gernsbacher Schule“

Murgtal (BT) – Der Betriebsrat des Mercedes-Benz-Werks Gaggenau sowie der Ortsvorstand der IG Metall fordern den Erhalt der Handelslehranstalt Gernsbach.

Der Blick in eine gute Zukunft? Die Aufnahme von 2019 zeigt HLA-Schüler beim Projekt „Virtual Reality“. Foto: Veronika Gareus-Kugel/Archiv

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Der Blick in eine gute Zukunft? Die Aufnahme von 2019 zeigt HLA-Schüler beim Projekt „Virtual Reality“. Foto: Veronika Gareus-Kugel/Archiv

In unterschiedlichen Briefen wenden sie sich an Regierungspräsidium und Landratsamt. Der Betriebsrat hat sein Schreiben darüber hinaus an die Fraktionsvorsitzenden des Kreistags verfasst.

„Wir als Arbeitnehmervertreter/innen des größten ausbildenden Betriebes im Murgtal empfinden es als falsches Signal, die Schule mit aktuell rund 350 Schülerinnen und Schülern zu schließen“, teilte das Betriebsratsgremium am Dienstag mit. Auch Michael Brecht, Vorsitzender des Betriebsrats in Gaggenau und Gesamtbetriebsratsvorsitzender von Daimler, meldet sich in dem Brief zu Wort: „Gerade in Zeiten der Transformation, wo Bildung der Schlüssel zum qualifizierten Berufsleben ist, kann es nicht sein, dass Schulstandorte geschlossen werden.“ Die Politik müsse ein System entwickeln, „wo auch kleinere Schulen, durch Spezialisierung, ihren wertvollen Beitrag für das Gesamtbildungssystem leisten.“

Eine Schließung der HLA „würde jungen Menschen die Möglichkeit nehmen, sich in Wohnnähe und somit im gewohnten sozialen Umfeld auf den Berufseinstieg vorzubereiten.“ Statt dessen nehme man in Kauf, „dass Ausbildungsplätze verloren gehen und Schülerinnen und Schüler, insbesondere aus dem hinteren Murgtal, sehr lange Schulwege auf sich nehmen müssen.“ Udo Roth, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender, sagt: „Wir müssen die Arbeit und die Bildung zu den Menschen bringen und nicht umgekehrt. Das Murgtal muss Bildungsstandort bleiben.“ Die HLA sei gut ausgestattet, gehe innovative Projekte an und habe qualifizierte Lehrkräfte.

Es sei keine Überraschung, dass Schülerzahlen aufgrund des demografischen Wandels zurückgehen. Aber, so der Betriebsrat: „In unserer Branche wird die Ablösung des herkömmlichen Verbrennungsmotors vorangetrieben und in allen Branchen nimmt gleichzeitig die Digitalisierung immer mehr Fahrt auf. Die Antwort darauf kann nicht sein, Arbeits- und Lernorte zunehmend zu zentralisieren. Ganz im Gegenteil brauchen wir Konzepte, dass in den jeweiligen Regionen sowohl Arbeitsplätze in den neuen Technologien als auch Lernorte erhalten bleiben.“

„Attraktivität in den Vordergrund rücken“

Es sei „sehr wohl vorstellbar“, dass einzelne heute bestehende Schulen sich spezialisieren und ihren Beitrag „in einer durchdachten, abgestimmten, breiten Lerninfrastruktur“ leisten. „Die HLA in Gernsbach ist nicht nur eine Gernsbacher Schule, sie ist Teil der Murgtäler Infrastruktur.“ Der Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung, Denis Davidovac, argumentiert aus Sicht der jüngeren Generationen: „Die Schullandschaft im Murgtal lebt auch von der HLA, und wir sind auf ihre Bildungsangebote angewiesen. Eine ganze Region zu benachteiligen, um Kosten zu sparen, kann kein Wählerwille sein.“

Der Ortsvorstand der IG Metall Gaggenau hat ebenfalls einen Brief an die Behörden verfasst. „Für uns ist die HLA Gernsbach ein wichtiger Standort der beruflichen Schulen des Landkreises“, schreibt die Erste Bevollmächtigte Claudia Peter. Die HLA sei gut ausgestattet und für Zukunftsthemen längst gerüstet. Kurze Wege seien für Schüler, Lehrer und die Umwelt ein Gewinn. Die Rückmeldungen zur Arbeit der HLA seien sehr positiv. „Mit der möglichen Schließung der HLA in Gernsbach fällt ein Stück Wirtschaftsstruktur weg“, warnt die IG Metall. Zwischen Rastatt und Freudenstadt gebe es lediglich drei, zwischen Gaggenau und Freudenstadt sogar nur zwei berufliche Schulen: die HLA Gernsbach und die Papiermacherschule. Nicht zuletzt werde der kaufmännische Bereich beruflicher Schulen in allen Branchen und Wirtschaftsbereichen gebraucht.

Auch als Ausbildungsbetrieb habe die IG Metall „hervorragende Erfahrungen mit der HLA“ gemacht: „Besonders aufgefallen ist uns auch die Kreativität dieser Schule und des Lehrpersonals.“

Unklar sei dem Ortsvorstand, wie die Verteilung auf die Berufsschulen vonstatten gehe. Deswegen stelle sich die Frage, ob und wie die Anzahl der Auszubildenden für Gernsbach erhöht werden könne. Die anhaltende Diskussion um die Schließung sei jedenfalls keine positive Werbung. Doch könne eine kleine Schule sogar ein Standortvorteil sei, da hier eine individuellere und gezieltere Pädagogik möglich sei.

Gerade mit Blick auf Transformation und deren Bedeutung für die Region müsse man fragen: Wie können berufliche Schulen weiter ausgebaut werden, besonders mit Blick auf „Lebenslanges Lernen“ in der Erwachsenenbildung und hohe Veränderungsdynamik in der Wirtschaft. Abschließend schreibt die IG Metall: „Wir fordern Sie auf, die Planungen für die Schließung zu überdenken und wieder aufzuheben.“ Vielleicht gebe es mit Schülern und Lehrern Ideen, „wie die Attraktivität dieser Schule weiter in den Vordergrund gerückt werden kann.“

„Nur vier Azubis von Daimler“

Nach dem Appell des Daimler-Betriebsrats meldete sich der Landkreis Rastatt zu Wort. „An der HLA Gernsbach sind derzeit gerade einmal noch vier Azubis von Daimler“, bilanziert Michael Janke, der Sprecher des Landratsamts. Die jungen Leute befänden sich nach drei Lehrjahren in der Abschlussprüfung. Seit dem Schuljahr 2019/20 schicke Daimler alle seine Auszubildenden an die HLA nach Rastatt. Der Teilzeitunterricht in Rastatt passe besser in die Organisation der Ausbildung als der Blockunterricht in Gernsbach, habe Daimler auf Anfrage des Landratsamts diesen Schritt begründet.

Entscheidung fällt am 18. Mai

Wie berichtet, beabsichtigt der Landkreis die HLA spätestens zum Schuljahr 2022/2023 zu schließen. Der Ausschuss für Schulen und Kultur des Rastatter Kreistags hat sich vergangene Woche mit 14 Ja-, sechs Neinstimmen und einer Enthaltung für die Schließung der über hundert Jahre alten Bildungseinrichtung ausgesprochen. Die endgültige Entscheidung fällt am 18. Mai, wenn der Kreistag öffentlich tagt. Als Befürworter der HLA hat sich unter anderem der Kreisverband Rastatt/Baden-Baden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft positioniert. Ebenfalls haben sich 46 von 61 Kreisräten einem fraktionsübergreifenden Antrag zum Erhalt der HLA angeschlossen, den Julian Christ, Bürgermeister und SPD-Kreisrat aus Gernsbach, im Oktober eingebracht hatte. Bereits im August hatten sich fast alle Gernsbacher Gemeinderäte außer die der CDU in einem Schreiben an Regierungspräsidentin Sylvia M. Felder (CDU) für die HLA Gernsbach starkgemacht.


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