„Habe einfach nur total Bock!“: Bosse im BT-Interview

Baden-Baden (km) – Sänger Axel Bosse fegt seit 25 Jahren über Bühnen, nun startet er mit neuen Songs auf große Tour. Kathrin Maurer hat sich mit ihm unterhalten und ihm einige Anekdoten entlockt.

Der Entzug hat ein Ende: Axel Bosse stürzt sich wieder in den Nightliner – auf die „Sunnyside“ des Lebens. Foto: Stefan Mückner

© Stefan Mückner

Der Entzug hat ein Ende: Axel Bosse stürzt sich wieder in den Nightliner – auf die „Sunnyside“ des Lebens. Foto: Stefan Mückner

Anderthalb Jahre Tourstillstand – für einen bekennenden Tanzbären und Vagabunden wie Axel Bosse eine echte Zerreißprobe. Wie viele seiner Musikkollegen hat auch der 41-Jährige den Lockdown genutzt, um neue Songs zu kreieren – ohne Zeitdruck oder Alltagsfluchten. Entstanden ist das diverse Album „Sunnyside“, das am 27. August erscheint. Es klingt mal politisch, mal gesellschaftlich, mal federleicht – aber immer nach Bosse. Warum man in seinen Songs fast immer Essen schmeckt, welche olfaktorischen Erinnerungen er mit seinem Heimatdorf verbindet, wie er Schauspieler Bjarne Mädel seine freundschaftliche Liebe gestanden hat und warum er sich manchmal gerne einen Fetisch wünschen würde, hat Axel Bosse BT-Redakteurin Kathrin Maurer im Interview verraten.

BT: Hallo Axel Bosse, es geht wieder los – Deine Tour startet und Du darfst endlich wieder schwitzen auf der Bühne. Wann hast Du das letzte Mal live mit Deiner Band gespielt?
Axel Bosse: Anderthalb Jahre ist das schon her – das ist schon heftig. Wir freuen uns alle richtig. Wir spüren wirklich so leichte Entzugserscheinungen, das muss ich schon sagen. Es hat mir wirklich sehr gefehlt. Wenn man das schon so viele Jahre macht wie ich, dann denkt man ja oft, man wisse es nicht mehr zu schätzen. Das kann ich bei mir nicht sagen – ich schätze das jeden Abend oder jeden Nachmittag, wenn ich auf der Bühne rumtanzen darf.

BT: Bist Du jetzt aufgeregter nach der Live-Pause?
Bosse: Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt aufgeregt bin – also, wenn Aufregung positiv ist und mit Vorfreude verbunden, dann ist es so. Aber Aufregung ist manchmal auch negativ mit Zweifeln verbunden. Das habe ich nicht. Ich habe einfach nur total Bock!

BT: Was hast Du am meisten vermisst – die Energie des Publikums oder das Unterwegssein?
Bosse: Meine Band und ich führen ja, seit wir 15 oder 16 Jahre alt sind, auf eine Art das Leben von Reisenden. Auf der anderen Seite haben wir alle Familie und sind gerne zu Hause. Dass man beides hat, lässt einen das andere auch wieder mehr genießen. Das hat uns allen gefehlt – mit dem Nightliner über die A7, Elbtunnel und dann drei Wochen unterwegs sein. Sich immer woanders die Zähne putzen, im Bus pennen, irgendwo im See baden – das ist schon toll. Der andere Punkt ist natürlich das gemeinsame Musikmachen, und es hat total viel mit Adrenalinausschüttung zu tun. Dieses Gefühl fehlt mir, ich brauche diesen Kick schon – man fühlt sich da sehr lebendig!

BT: Mit „Sommer“ hast Du ja quasi den Soundtrack zu Deiner eigenen Tour geschrieben ...
Bosse: Das hab ich genauso gemacht! Man muss schon sagen, ich habe das ganze Album im Lockdown geschrieben, außer drei Songs, die davor entstanden sind. Das Album ist grundsätzlich ein sehr gesellschaftliches, politisches Album in drei, vier Nummern. Der Rest dreht sich um mein Lebensthema: glücklich werden, Glück, und nicht glücklich sein. Da spielt sich diesmal ganz schön viel im Inneren ab, weil es während Corona eben ganz schön viel Innenschau gab. Ich hatte seit meinem allerersten Album nicht mehr so viel Zeit, mich mit mir und meinen Texten zu beschäftigen, weil der Reisekoffer in den Schrank gewandert ist. „Sommer“ ist mit „Wild nach deinen Augen“ die leichteste Nummer auf dem Album, und ich habe mir diesmal vorgenommen, die Sachen nicht mehr so vermischen zu müssen. Ich wollte einfach ein Lied schreiben über zwei Personen, die es bitternötig haben, zusammen zu verreisen, um mal zu schauen, was da noch so los ist.

Musik, die man beim Hören schmeckt

BT: Bei Deinen Songs ist es oft so, dass man, je häufiger man sie hört, neue Bilder oder Geschichten entdeckt. Eins kehrt immer wieder, auch in „Sunnyside“, und zwar das Rauswühlen aus dem Morast, das Rauskämpfen aus einer schweren Situation – und dann aber das Leben wieder zu feiern in all seinen Farben. Ist das die Art, wie Du selbst mit schweren Phasen umgehst?
Bosse: Ja schon. Meine Frau ist Trauerbegleiterin für Kinder, denen wirklich sehr krasse Sachen passiert sind. Aber auch bei den krassesten Sachen muss man mal ganz ehrlich sagen: Egal ob man will oder nicht, es geht weiter. Das ist am Ende meine Grundmeinung. Da sollte man gar nicht in so Kategorien wie schlimmer oder weniger schlimm einordnen, wir haben alle unsere Pakete zu tragen. Wenn ich mir mein Leben so anschaue – jeder Umweg, jede Trauer und jeder Schmerz waren für etwas gut. Das alles macht einen zu dem, was man ist. Im besten Falle macht einen eine depressive Phase stärker, oder bringt in einem noch mehr das eigentliche Ich zutage. „Sunnyside“ setzt genau da an, wo der Kampf vorbei ist und das Leben wieder erwacht.

BT: Hattest Du selbst während des Lockdowns mit Dämonen zu kämpfen?
Bosse: Ja, die habe ich aber immer. Für mich ist das kein neues Spielfeld. Was natürlich anders war, ist, dass man wirklich keine Chance hatte, zu fliehen. Man kann zwar in Telefonate fliehen mit alten Schulkameraden oder so, aber all die Ablenkungsmanöver, die man sonst so steuern kann, wie verreisen, einen Yogakurs irgendwo starten oder mit Freunden trinken zu gehen – das war eben nicht möglich.

BT: Diese Frage klingt jetzt vielleicht komisch, aber ich verstehe nicht, warum sie Dir noch nie gestellt wurde: Vom ersten bis zum aktuellen Album kommen in zahlreichen Deiner Songs textlich Lebensmittel vor – ob Dönerreste im Haar, Kartoffelschnaps und Bockwurst, labbrige Pommes im Flieger, Pizza im Bett oder Bumbum-Eis im Bulli. Was hat es damit auf sich?
Bosse: Haha, das kann ich Dir gar nicht so leicht beantworten. Ich glaube aber, ich finde, dass manchmal beim Schreiben so eine Geschmacksrichtung Sinn macht, weil man es eben auch schmeckt beim Hören. Der Geschmack von Bumbum-Eis – das ist eben so ein alter Badeanstalt-Geschmack, den kennt jeder, den hau ich in den Song rein, aber das ist gar nicht bewusst. Also ich sage mir nicht, „Oh, da muss jetzt noch irgendein Lebensmittel in den Song“. Das passiert einfach so. Das hat mich übrigens wirklich noch nie jemand gefragt, aber Du hast absolut recht – sehr gut!

„Ich hatte seit meinem allerersten Album nicht mehr so viel Zeit, mich mit mir und meinen Texten zu beschäftigen“, sagt Bosse über das Schreiben im Lockdown. Foto: Stefan Mückner

© Stefan Mückner

„Ich hatte seit meinem allerersten Album nicht mehr so viel Zeit, mich mit mir und meinen Texten zu beschäftigen“, sagt Bosse über das Schreiben im Lockdown. Foto: Stefan Mückner

BT: Du bist grade in Deiner Heimat – hast Du ein olfaktorisches Gedächtnis und Erinnerungen, wenn Du bestimmte Gerüche wahrnimmst?
Bosse: Ja, das ist schon so. Manchmal habe ich das melancholischer und manchmal nicht, aber diese alte Dorfstraße bin ich halt schon mit drei Jahren hochgewackelt, als ich in den Kindergarten ging. Jetzt fahre ich hier mit dem Mietwagen rum und die Ecke riecht halt einfach so, wie sie immer schon riecht. Das triggert mich natürlich voll. Wenn ich jetzt mit meinem Kind hier laufe, ist das echt krass, fast so ein Generationending. Mein Lieblingsbuch ist „Das Parfüm“ von Patrick Süskind. Wie toll ist das, wenn erst mal nur seitenlang Gerüche beschrieben werden. Ich finde das voll geil.

BT: Von Deinem neuen Album, das am 27. August erscheinen wird, hast Du in kurzen Abständen einige Singles ausgekoppelt – warst Du so ungeduldig oder die Fans?
Bosse: Das liegt daran, dass das Album 14 Songs hat, was viel ist für meine Verhältnisse. Außerdem ist es musikalisch extrem divers, da mussten einige Songs einfach nacheinander rauskommen. Und jetzt ist eben Sommer, da muss ich „Sommer“ bringen. Ganz schön stumpf, oder?

„Ich besitze nichts an Luxusgegenständen“

BT: Im Video zu „Sommer“ stehst Du auf einem Parkplatz neben einem schnittigen Sportwagen, liest Zeitung, hüpfst dann aber rüber und steigst in einen alten VW-Bus. Was bedeuten Dir Statussymbole?
Bosse: Das Lustige ist, darüber hab ich aktuell viele Gespräche mit meiner Familie und in meinem Freundeskreis. Ich kaufe mir seit 20 Jahren die gleichen Klamotten, brauche eigentlich nichts und finde Autos einfach echt scheiße. Schon immer! Ich besitze nichts an Luxusgegenständen oder Statussymbolen, und das liegt nicht daran, weil ich das nicht gerne hätte, ich finde das richtig uninteressant. Ich gehe auch keine Werbedeals ein, lasse mir keine Klamotten schicken, weil ich das nicht mag. Ich muss mich zwingen, mir mal eine neue Jeans zu kaufen – weil ich die dann auch wirklich brauche. Ich hätte manchmal gerne einen Fetisch, etwa für Klaviere. Ich liebe Klaviere und könnte mir ja für 15.000 Euro aus dem Abbey Road Studio eins kaufen. Das wäre dann mein Schatz, den ich vererbe. Aber ich brauche das einfach nicht.

BT: Schauspieler Bjarne Mädel taucht seit „Ich warte auf Dich“ immer wieder als Gast in Deinen Videos auf. Kennt Ihr euch schon lange oder seid Ihr frisch verzückt voneinander?
Bosse: Wir kennen uns schon ein paar Jahre und er ist einer meiner besten Freunde. Das mit den Videos war zum Teil Zufall. Aber weißt Du, in diesem miesen Mediengeschäft ist es eben schon so, dass man viele nette und tolle Leute kennenlernt. Ich habe aber nur noch ganz wenige Kapazitäten, weil ich es manchmal gar nicht schaffe, mich um meine wirklichen Freunde zu kümmern. Aber als ich diesen Typen getroffen habe, haben wir beide unabhängig voneinander gedacht – erst ich, dann er – dann habe ich es gesagt: „Bjarne, ich glaube, das mit uns beiden, das ist nicht nur eine Medien-ich-ruf-mal-an-Sache. Ich glaube, wir werden Freunde“. Darauf sagte Bjarne: „Das Gleiche habe ich auch gerade gedacht!“ – und seitdem ist das auch so.

BT: Dieses Album ist nur bei Dir zu Hause entstanden. Hast Du Dich der Lethargie ergeben und körperlich hängen lassen oder warst du aktiv?
Bosse: Ganz ehrlich, jeden Tag gehe ich joggen. Ich bin auch nie krank. Ich gehe jeden Tag joggen bei Wind und Wetter – das gehört zu meinem Leben wie das tägliche Zähneputzen. Wenn man erst mal im Lotterhosenfeeling ist, ist es schwer, diesen ewigen Sonntag wieder zu verlassen. Ich hatte aber zu viel Angst, weil ich echt Energie ausschütten muss, besonders wenn ich keine Konzerte spiele. Wenn diese Energie in mir explodiert – womöglich noch in einer Lotterhose, da hat nun wirklich keiner Bock drauf.

„Man soll nicht immer mehr wollen“

BT: Du bist 41 Jahre alt – machst seit 25 Jahren Musik. Siehst Du in dieser Zahl eher Dein fortschreitendes Alter oder denkst Du daran, wie hart Dein Weg manchmal war und wie es sich am Ende doch gelohnt hat, so lange um Erfolg zu kämpfen?
Bosse: Ich sehe beides. Manchmal fühle ich mich wie zwölf und manchmal wie 80, dazwischen ist aber nicht so richtig viel (lacht). Es ist alles gut, wie es ist, man soll nicht immer mehr wollen. Wenn das noch drei oder fünf Jahre so ist und ich so weitertanzen kann, ist das geil, aber auch wenn es jetzt aufhören würde, würde ich daran nichts Schlechtes finden. Von diesen Bucketlist-Träumen sind einige schon erfüllt worden – und die Karten werden andauernd neu gemischt, denn es geht immer weiter.

BT: Abschließend habe ich noch eine Insider-Frage, die ich Dir einfach stellen muss. Ich denke, der Strand im Video von „Sunnyside“ ist der aus Deinem Song „Alter Strand“ vom Album „Taxi“ aus dem Jahr 2009 – liege ich da richtig?
Bosse: Geil, da liegst du absolut richtig! Das ist Norddorf auf Amrum – da spielt der Song „Alter Strand“ – Du kennst Dich wirklich aus.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.