„Haben keine Angst, sind aber vorsichtig“

Gaggenau (tom) – Nervöse Patienten, zunehmender Verwaltungsaufwand: Zwei Arzthelferinnen aus Gaggenau berichten aus ihrem Alltag.

In der Praxis immer mit FFP2-Maske: Dr. Dietrich von der Hülst mit den Arzthelferinnen Dijana Sesar (links) und Tatjana Nujic. Foto: Thomas Senger

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In der Praxis immer mit FFP2-Maske: Dr. Dietrich von der Hülst mit den Arzthelferinnen Dijana Sesar (links) und Tatjana Nujic. Foto: Thomas Senger

Sie arbeiten täglich mit kranken Menschen, und auch das Thema Corona gehört zu ihrem Job: Dr. med. Dietrich von der Hülst und Liuba Sandru mit ihren zehn Mitarbeiterinnen. Die Praxisgemeinschaft ist die einzige Hausarztpraxis in der Kernstadt links der Murg, und sie testet Corona-Verdachtsfälle. Dafür gibt es eigens einen Container im Hof.

Die Arzthelferinnen Tatjana Nujic und Dijana Sesar berichten aus dem Alltag: „Zuweilen wird es schon unangenehm. Leute stehen vor der Tür wegen der Abstandsregeln. Es dürfen immer nur zwei herein. Dann wird draußen auch mal gestritten.“ Das Argument, „ich muss nur ein Rezept holen“, höre man dann oft.

„Man merkt, dass die Patienten nervös werden, die Wartezeiten kommen ihnen ewig vor, auch wenn es nur zehn Minuten sind“, sagen Nujic und Sesar, aber: „Wir sind psychologisch geschult“, fügen sie augenzwinkernd hinzu. „Bei uns kommt aber keiner ohne Maske rein. Das ist man schon den anderen Patienten schuldig“, betont Nujic. Trotz aller Belastung stellt sie fest: „Ich bin sehr zufrieden mit meinem Team.“

Von der Hülst weiß dessen Arbeit zu schätzen: „Ich bin froh, dass unsere Helferinnen so eine gute Arbeit machen. Sie bearbeiten an der Anmeldung einen wesentlichen Teil der Patientenwünsche. Und müssen sich einiges anhören. Ohne Helferinnen geht es nicht, in Corona-Zeiten noch viel mehr als in normalen Zeiten.“

Angst vor Krankheiten darf man in ihrem Job nicht haben, „gleichwohl haben wir Respekt. Und man passt auf“, ergänzt von der Hülst. Leute mit Erkältungssymptomen werden deshalb in einer Art beheiztem Wohncontainer im Hof untersucht. Die meisten Patienten zeigten Verständnis. Zweimal täglich werden dort auch Abstriche gemacht. Das bedeutet zusätzlichen Organisationsaufwand und Vorbereitungszeit, um Wartezeiten zu vermeiden.

Jede Woche neue Vorgaben

Die Arztpraxis hat darüber hinaus in den Häusern der Gaggenauer Altenhilfe und im Kursana-Haus Franziskus die Mitarbeiter geschult, damit sie selbst Abstriche und Schnelltests vornehmen können. Bei einem Schnelltest kommt dann das Praxisteam und macht einen PCR-Test. „Wir haben keine Angst vor Corona, aber wir sind vorsichtig“, versichert Tatjana Nujic.

Mit Blick auf die Corona-Situation freut sich Dietrich von der Hülst über den kollegialen Umgang unter den Medizinern im Stadtgebiet. Generell sei wegen der Pandemie ein Rückgang des Patientenaufkommens zu verzeichnen. „Corona führt deutlich dazu, dass die Arbeitszeiten geregelter werden“, sagt er augenzwinkernd. Öffnungszeiten wurden aber nicht verkürzt – auch das führt zur Entzerrung.

Viel mehr Telefonate als sonst führe er mit Patienten mittlerweile, dies hilft, persönliche Kontakte zu vermeiden. Allerdings mache er nun vermehrt Hausbesuche: „Wenn man merkt, es ist dringend, dann fährt man los.“

Die Älteren neigen eher zum Verharmlosen von Symptomen aller Art, ist seine Erfahrung. „Ich bekomme etwas schlechter Luft“, hatte ein Patient geklagt – das war dann eine schwere Lungenentzündung und ein Fall fürs Krankenhaus. Jüngere hingegen neigten eher zum Übertreiben.

Der Verwaltungsaufwand ist mit der Pandemie größer geworden, berichtet Dijana Sesar. Es würden auch Untersuchungen verschoben, wenn dies möglich sei. „Jeden dritten, vierten Tag eine Mail, dass man anders abrechnen muss. Das ist viel Mehrarbeit“, berichtet Tatjana Nujic. Von der Hülst bestätigt: „Wir haben ein Riesenproblem mit diesen Änderungen.“ Mindestens einmal die Woche müsse man etwas an neue Vorgaben anpassen.

Der Aufwand für Aufklärung sei ebenfalls größer geworden, bestätigt der Mediziner, „wir müssen die Ängste immer wieder auffangen, die Patienten motivieren, nicht den Kopf hängen zu lassen.“ Auch das Thema Impfung beschäftige die Leute. „Wir wissen, dass sie im Januar starten“, sagt von der Hülst, aber vieles sei noch nicht richtig klar. Zurzeit laufe eine Umfrage der Kassenärztlichen Vereinigung, wer in Impfzentren einen Dienst übernehmen wolle.

Anträge zur Befreiung von der Maskenpflicht

Vielleicht werde die Praxis auch mal an einem Nachmittag oder samstags mitmachen, denn: „Das ist sicher noch ein großes Thema, wo man die Leute herkriegt.“

Immer wieder gebe es Anträge zur Befreiung von der Maskenpflicht. Aber: Das geht nicht so einfach. „Und nicht zuletzt ist eine Befreiung möglicherweise ein Zwang zur Isolation – sprich: Man darf nicht in die Fußgängerzone“, gibt der Arzt zu bedenken. „Wenn man das den Leuten klarmacht, wird der Wunsch plötzlich kleiner.“

Das Praxisteam selbst trägt während der Arbeit FFP2-Masken, um auch sich selbst zu schützen. Abstand halten und ein extra Hygieneprotokoll sollen zusätzlich für Sicherheit sorgen.

Wie beurteilt Dr. Dietrich von der Hülst die allgemeine Lage mit Blick auf die Belegzahlen in den Intensivstationen? „Alles in allem besorgniserregend.“

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Erstellt:
21. Dezember 2020, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 17sec

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