Häkelriff zur Rettung der maritimen Umwelt

Baden-Baden (cl) –„Wert und Wandel der Korallen“: Die Künstlerinnen Margaret und Christine Wertheim aus Australien regen mit Tausenden gehäkelter Korallen im Museum Frieder Burda zum Nachdenken an.

Rund 4.000 Frauen aus Deutschland haben am „Baden-Baden Satellite Reef“ mitgearbeitet, das jetzt im Museum Frieder Burda zu sehen ist.  Foto: Uli Deck/dpa

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Rund 4.000 Frauen aus Deutschland haben am „Baden-Baden Satellite Reef“ mitgearbeitet, das jetzt im Museum Frieder Burda zu sehen ist. Foto: Uli Deck/dpa

Durch alle Räume im Baden-Badener Museum Frieder Burda, sogar im Fahrstuhlschacht, wuchern die Handarbeiten zur Ausstellung „Wert und Wandel der Korallen“ der australischen Zwillingsschwestern Margaret und Christine Wertheim. Zur gehäkelten Unterwasserlandschaft ist das Haus in gedimmtes Licht getaucht. Die in Los Angeles lebenden Schwestern wollen mit diesem Kunstprojekt auf die Bedrohung prachtvoller maritimer Ökosysteme hinweisen. Klimawandel und Plastikmüll setzen den Meeresfiltrierern zu.

„Dieses Projekt hat einen Vorlauf von über 20 Jahren – und der Entstehungsprozess der aus ganz individuellen Beiträgen aufgebauten Häkelriffe ist vergleichbar mit den komplexen Strukturen eines echten gewachsenen Korallenriffs“, sagte Margaret Wertheim am Freitag in Baden-Baden. „Wie die vielen kleinen Polypen und Algen, die in ihrem symbiotischen Zusammenspiel, an den Riffs arbeiten, so hätten die Handarbeiterinnen diese gehäkelten Gebilde erst ermöglicht, fügte Christine Wertheim hinzu. „Ein Traum ist wahr geworden“, meinten die Künstlerinnen, niemals hätten sie sich vorstellen können, dass so viele daran mitwirken würden. Am heutigen Samstag wird die Schau eröffnet.

Was ist in der Ausstellung zu sehen?
Eine schillernd bunte Korallenlandschaft aus gehäkelten Riffen. Das Museum hat unter Anleitung der Wertheim-Schwestern eine Fülle an Koralleninseln in Glaskästen wie Aquarien in den Ausstellungssälen verteilt. Im Erdgeschoss entfalten ihre frühen Korallenwälder, teils aus Glitzerperlen und ozeanblauen Ketten, ihre Wirkung. Im wollenen Strom der Rüschen, Tentakeln, Polypen, maritimen Blumentieren verliert sich das Betrachterauge. Hübsch, wuchernd, spielerisch, auch ein bisschen gespenstisch, sind die Handarbeiten aus schwarzen Plastikfäden und biestig ausgestreckten Fühlern aus Kabelbindern.

4.000 haben am „Baden-Baden Satellite Reef“ mitgehäkelt

Wann sind die ersten gehäkelten Riffs entstanden?
Die Künstlerinnen (Jahrgang 1958) haben 2005 mit ihrem Umwelt-Konzept begonnen. Schon damals haben sie sich Unterstützung geholt, weltweit wurde mitgehäkelt an sogenannten Satellitenriffen, auch in China wurde das Häkeln für die Kunst verordnet. Fürs neu geschaffene „Baden-Baden Satellite Reef“ ist seit dem Aufruf im vergangenen Sommer ein Meer aus über 40.000 bunten Wollrüschen eingegangen, gehäkelt von über 4.000 Handarbeiterinnen aus ganz Deutschland, die im Obergeschoss des Museums zu großen Koralleninseln zusammengestellt sind.

Ist das Kunst oder Handarbeit?
Die kunstvoll geschaffenen Riffe aus Abertausenden Wollminiaturen sind mehr als Dekoration. Sie ergeben ein kooperatives Installationswerk. Wie die politisch engagierte Kunst der 1970er Jahre wirkt auch die scheinbar einfache Häkelkunst wie eine Soziale Plastik mit gesellschaftsverändernder Kraft, an der jeder mitmachen kann. Nicht nur die Disziplin und die Dimension des ungewöhnlichen gestalterischen Schaffens sind bemerkenswert. Entstanden sind auch dreidimensionale, gehäkelte Modelle, die zwischen Skulptur und geologischen Formen changieren.

Ist das Häkeln und Stricken wieder in Mode?
Stricken als Handarbeit zur Kontemplation war immer mal in und wieder out. In der Kulturgeschichte des Strickens und Häkelns gibt es aber auch politische Zusammenhänge, die in unsere Gegenwart hineinwirken. Während der Französischen Revolution etwa haben die „Tricoteusen“ strickend ihrer Forderung nach gesellschaftlicher Teilhabe unterstrichen. Stricken war bis dahin Männersache, denn Stricken war bezahlte Arbeit. Die moderne Textilkunst steht teilweise in der Tradition des Bauhauses, das mit der gesamtkunstwerklichen Gestaltung an einer neuen gesellschaftlichen Rolle wirkte. In der jüngeren bundesrepublikanischen Vergangenheit zogen die Grünen bei ihrer Premiere strickend in den Bundestag ein und häkelten für den Frieden. Seit einigen Jahren ist Stricken wieder über die politische Manifestation hinaus ein Trend. Junge Leute setzten sich wieder in die Kneipe und stricken. Und daheim wird so manches UFO (unfertige Objekt) in der Pandemie wieder fertiggestellt.

Wissenschaftlichen Ansatz für die Häkelkunst

Sind die Häkelarbeiten im Museum Frieder Burda auch politisch?
Ja, die Wertheims setzen sich mit ihren Häkelreliefs ganz konkret für das durch die Klimaerwärmung und Verschmutzung der Ozeane bedrohte Great Barrier Reef Australiens ein. Das zum Unesco-Weltnaturerbe erklärte, etwa 2.300 Kilometer lange Korallenriff leidet in einem ungeahnten Ausmaß an der „Korallenbleiche“, wie die Baden-Badener Ausstellung auch im weiß-grau-tonigen, wie ein Atompilz aufragenden „Crochet Coral Reef“ vor Augen führt. Mit diesem Korallenungetüm waren Margaret und Christine Wertheim 2019 zur Kunstbiennale in Venedig ins Arsenale eingeladen.

Wie sind die Schwestern dazu gekommen, symbolisch zu Häkeln?
Sie haben einen wissenschaftlichen Ansatz. Die Wissenschaftsautorin Margaret Wertheim und ihre Schwester Christine, eine Malerin und Dichterin, wollten vor 20 Jahren eine Lanze für die Wissenschaft brechen – die Mathematik wie die Physik als Teil des Wunders der Natur darstellen und ihre ästhetische Dimension aufzeigen. Die Formeln der Wissenschaft haben sie aufgezeichnet und später gehäkelt: Eine „Mathematische Tafel“ mit geometrischen Formeln verweist auf die Ursprungsidee.

Ist die Textil-Kunst am Kunstmarkt ein Gegentrend zur digitalen Kunst?
Die zeitgenössische textile Gestaltung jedenfalls hat die Zeit der Wandbehänge und Wirkarbeit längst hinter sich gelassen und wächst sich zu erstaunlichen Wandobjekten und Riesenplastiken aus, die auf eigenen Biennalen präsentiert werden. Und die neue Allianz der digitalen Kunst mit der Wissenschaft ist nicht so weit entfernt vom Werk der Wertheims. Beide, sowohl Medienkunst als auch Häkelkunst, zeigen die Ästhetik der Codes und streben mit interaktiven Spielereien – ob technikbasiert oder mit Nadel und Faden – eine partizipative Wissensvermittlung im Kunstexperiment an. Schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts werden Dinge im Kontext des Museums aufgewertet. Kritisch hinterfragt wurde dieser Umstand, als Marcel Duchamp eine Kloschüssel ins Museum gestellt hat. Vom Readymade bis zur Häkel-Haube für die Klorolle ist eben ein schmaler Grat am Kunstmarkt. Vieles gehört dann doch in die Hobbythek.

Um den „Wert und Wandel der Korallen“ geht es im Museum Frieder Burda bis 26. Juni.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
28. Januar 2022, 19:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 47sec

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