Hai-Jagd hat unermessliche Folgen

Baden-Baden (tt) – Bilder von Haien, denen Fischer bei lebendigem Leib die Flossen abschneiden, sind keine Seltenheit. Eine EU-weite Bürgerinitiative will, das sich Europa dem stärker entgegenstellt.

Bis zu 273 Millionen Haie sterben jährlich durch menschlichen Einfluss Foto: Philipp Brandstädter/dpa

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Bis zu 273 Millionen Haie sterben jährlich durch menschlichen Einfluss Foto: Philipp Brandstädter/dpa

Die Praxis, Haien auf hoher See bei lebendigem Leib die Flossen abzuschneiden und den noch lebenden, bewegungsunfähigen Torso zurück ins Meer zu werfen, ist EU-weit seit 2013 verboten. Doch es gibt Anzeichen, dass diese barbarische Praxis keineswegs ausgestorben ist. Die EU-weite Bürgerinitiative „Stop Finning – Stop the Trade“ will, das sich das ändert – und fordert ein generelles, EU-weites Verbot des Handels mit Haiflossen. Mitinitiator der Initiative in Deutschland ist Nils Kluger. Der 43-Jährige ist Haischützer, Tauchlehrer und von Beruf Personalreferent bei einem großen Hausgerätehersteller. Er sprach mit BT-Redakteur Thomas Trittmann über die Jagd nach der Flosse.

BT: Herr Kluger, die Bürgerinitiative fordert das europaweite Verbot des Haiflossenhandels. Was ist der Kern des Problems?
Nils Kluger: Im Grunde genommen gibt es drei Pfeiler, auf denen die Forderung ruht. Der erste: Die EU hat 2013 das sogenannte Finning, also das Abschneiden der Haiflossen auf hoher See, europaweit verboten. Nun, etliche Jahre später, muss man aber feststellen, dass sich an der Beteiligung europäischer Länder am Haifang nichts geändert hat. Die Fangzahlen von 2013 wurden schon 2016 wieder erreicht – im Wesentlichen durch die spanischen und portugiesischen Flotten. Der Grund ist, dass man mittlerweile auch einen Markt für das Haifleisch gefunden hat. Damit geht die Jagd unvermindert weiter.

Der zweite Punkt: Wenn die Flosse einmal abgeschnitten ist, kann niemand mehr feststellen, ob es legaler oder illegaler Fang ist. Es gibt genügend Fälle illegalen Finnings in Europa.

Der dritte Punkt betrifft alle Flossenlieferungen: Aus Europa, nach Europa, durch Europa. Es lässt sich sehr schwer herausfinden, ob die Flossen von geschützten oder nicht geschützten Haiarten kommen. Dem kann man nur zuvorkommen, indem man den Handel komplett untersagt.

BT: Ist es also derzeit so, dass man Haie beliebig jagen darf, wenn es keine geschützten Arten sind? Es ist nur verboten, sie bei lebendigem Leib zu verstümmeln und zurück ins Meer zu werfen?
Kluger: Ja, genau, zumindest in Europa. Man darf sie fangen und mit den Flossen am Körper an Land bringen. Das ist in der EU-Verordnung „Fins Naturally Attached“ seit 2013 geregelt.

BT: Man vermutet, dass zwischen 75 und 273 Millionen Haie jährlich in den Weltmeeren getötet werden. Wie groß ist der Anteil der Europäer daran?
Kluger: Das lässt sich ganz schwierig beziffern. Die Zahl umfasst alle Haie, die durch den Einfluss des Menschen sterben. Das sind nicht bloß Haie, die in Netzen landen, sondern Haie, die aus ihren Lebensräumen vertrieben werden, die in Geisternetzen verenden und so weiter. Die Zahl hat eine gewaltige Spannbreite – und das bedeutet: Wir wissen überhaupt nicht, was da draußen auf dem Meer los ist. Und dementsprechend schwer ist es zu sagen, wie groß der Anteil Europas ist. Wir wissen es einfach nicht.

BT: Warum nicht?
Kluger: Ein Großteil des Fangs läuft illegal ab. Die Beteiligten haben deshalb kein Interesse daran, dass Zahlen öffentlich werden. Was bekannt ist: Unter den Top-20-Haifangnationen finden sich drei Europäer, Spanien, Portugal und Frankreich. Und Spanien steht auf Platz zwei der Liste, hinter Indonesien.

BT: Wie war die Situation bis 2013? Haben da auch europäische Fischer Haien bei lebendigem Leib die Flossen abgeschnitten und die immer noch lebenden Torsi ins Meer geworfen?
Kluger: Das ist tatsächlich so. Und es gibt Indikatoren dafür, dass das heute immer noch passiert. Man darf in Europa nur Haie mit Flossen anlanden – was ist aber, wenn Sie auf hoher See umladen? Oder wenn Sie einen afrikanischen Hafen anlaufen? Es gibt Schlupflöcher, die genutzt werden – aber tatsächlich war es in Europa bis 2013 noch sehr einfach.

BT: Woher kommt dieser Run auf die Haiflossen? Ist die Nachfrage so viel größer als nach dem Rest des Hais?
Kluger: Ja, natürlich. Die Preise sind das Entscheidende. Wenn Sie in Asien für eine Haifischflossensuppe, die ja geradezu als Statussymbol gilt, 70 bis 90 US-Dollar zahlen, dann sind da nur wenige Gramm so einer Flosse drin. Man kann hochrechnen, wie teuer dann ein komplette getrocknete Flosse ist. Das sind Hunderte Dollar, damit kann richtig Geld verdient werden. Ein Kilo Haifleisch kostet auf dem Weltmarkt nur wenige Dollar. Dieses Missverhältnis führt dazu, dass die Flosse für die Fischer interessant ist und der Rest vom Hai uninteressant.

BT: Wer mischt in Europa mit in diesem Geschäft – einzelne Fischer oder ganze Konzerne?
Kluger: Letztlich sind es im legalen Bereich Fischereikonzerne. Doch das Missverhältnis zwischen Fleisch und Flosse macht Haie natürlich auch für jeden einzelnen Fischer interessant.

BT: Ist denn in Europa der Konsum von Haifischflossen legal? Könnte ich mir ungestraft eine Haifischflossensuppe kochen?
Kluger: Klar, das können Sie. Sie dürfen sogar für den persönlichen Bedarf ganz legal 20 Kilogramm Haifischflossen in die EU einführen.

BT: Gibt es denn in Deutschland eine Nachfrage?
Kluger: Eigentlich gibt es in Deutschland keinen Markt für Haifleisch. Es gibt einen gewissen Konsum; Schillerlocken sind ein Beispiel, die sind vom Dornhai. Der wird aber nicht wegen seiner Flossen gejagt, das ist einfach eine traditionelle Speise – die, nebenbei bemerkt, hoch belastet mit Methylquecksilber ist. Niemand sollte das wirklich essen.

BT: Wieso das?
Kluger: Letztlich kann man ernährungsphysiologisch nur davon abraten, Tiere zu konsumieren, die am oberen Ende der Nahrungskette stehen. Denn die sammeln die Umweltgifte der darunter liegenden Arten ein. Haie sind am oberen Ende und sammeln organisches Quecksilber auf, von allen Arten weiter unten in der Kette. Sie finden bei Haien sehr häufig hohe Methylquecksilberwerte, und das tut uns nicht gut. Methylquecksilber überwindet die Blut-Hirn-Schranke bei Schwangeren; aber auch bei allen anderen führt langjähriger Konsum dazu, dass sich das Quecksilber im Hirn ablagert. Das hat Folgen, die noch nicht vollständig erforscht sind, aber wirklich gesund ist es sicher nicht.

BT: Warum essen wir es denn dann?
Kluger: Haifleisch ist in Europa ganz selten auf dem Speiseplan, offiziell. Aber es gibt Untersuchungen, wo das Fleisch landet. Nämlich überall da, wo Fisch nicht deklariert wird. Man hat es in Großbritannien in Fish and Chips nachgewiesen, und man findet es erwiesenermaßen auch in Katzenfutter. Man versucht, das Fleisch unterzubringen.

BT: Man jubelt es den Konsumenten unter, ohne dass die es merken?
Kluger: Genau. Man weiß, dass der Verbraucher eigentlich keinen Hai essen will. Organisationen wie der WWF führen Listen der Handelsnamen, unter denen Fisch vertrieben wird, der Hai ist, dort kann man sich informieren. Manchmal wird den Menschen auch Blauhai-Steak als exotische Speise untergejubelt. Aber das ist nichts anderes als die Resteverwertung der Flossenjagd.

BT: Fischen die Europäer im Mittelmeer, im Nordatlantik oder darüber hinaus?
Kluger: Im Mittelmeer sind die Hai-Bestände schon um 70 Prozent zurückgegangen, es ist wahnsinnig überfischt, und Sie finden fast keine größeren Haiarten mehr. Die Europäer fischen im Atlantik.

BT: Wie wirkt sich die übermäßige Haifischerei auf die marinen Ökosysteme aus?
Kluger: Das hat unermessliche Folgen. Die Zahl der Hochseehaie ist seit den 70er Jahren um 70 Prozent zurückgegangen. Das ist deswegen problematisch, weil Haie an der Spitze der Nahrungskette stehen und damit das ganze Ökosystem in der Balance halten. Wenn die Räuber an der Spitze verschwinden, führt das immer zu einer Gefährdung des Ökosystems insgesamt. Das ist im Ozean besonders dramatisch, weil das erste Glied der Kette, das pflanzliche Plankton, für 50 Prozent unserer Atemluft sorgt. Wenn wir das System zum Kippen bringen, gefährden wir uns selbst.

BT: Nun könnte man sagen: Wenn weniger Haie den Fisch wegfressen, bleibt mehr für uns Menschen.
Kluger: Ich fürchte, so einfach ist es nicht.

BT: Ihre Initiative hat bis Ende Januar Unterschriften gesammelt; rund 1,2 Millionen sind wohl zusammengekommen. Wissen Sie schon, ob alle Hürden, die eine solche Initiative überwinden muss, auch überwunden sind?
Kluger: Das wissen wir erst in einigen Monaten. Jedes Land zertifiziert die abgegebenen Stimmen einzeln, und dann werden die Gesamtstimmen verifiziert. In vier bis sechs Monaten werden wir ein Ergebnis haben.

BT: Wie war die Resonanz in Deutschland? Sie hatten prominente Unterstützer wie Hannes Jaenicke.
Kluger: In Deutschland war es ganz toll, wir haben viel Unterstützung bekommen, vom Schauspieler bis zum Youtuber. Das Ganze hat Breitenwirkung entfaltet, es sind fast eine halbe Million Stimmen zusammengekommen. Aber auch in anderen Ländern war es super, etwa in Frankreich, wo wir rund 400.000 Stimmen bekommen haben. Andererseits ist es auch gleichzeitig ein bisschen schade, „nur“ 1,2 Millionen Unterschriften zu haben, obwohl wir wohl 100 Millionen Menschen im Internet mit unserer Petition erreicht haben. Aber die Pandemie hat die Dinge natürlich nicht leichter gemacht. Wir sind im Februar 2020 gestartet, im März kam die erste Corona-Welle. Da hatten viele Europäer andere Sorgen; es war schwierig, Gehör zu finden.

BT: Im Erfolgsfall wird sich die EU-Kommission mit dem Thema befassen.
Kluger: Die Kommission muss sich dann mit dem Thema befassen, uns einladen, eine Anhörung ansetzen und dem EU-Parlament einen Vorschlag machen, wie mit dem Thema im politischen Prozess weiter verfahren wird.

BT: Haben Sie Signale aus Kommission oder Parlament?
Kluger: Nicht flächendeckend. Aber insbesondere aus dem Parlament bekommen wir schon einiges an Unterstützung. Ob das am Ende politisch trägt, werden wir sehen.

BT: Sie sehen also positiv gestimmt den Dingen entgegen?
Kluger: Ja. Schauen Sie nach Großbritannien: Wir sind damals mit Mitstreitern von dort gestartet, aber Briten durften nach dem Brexit nicht mehr für unsere Initiative abstimmen. Es haben sich aber Organisationen gefunden, die unsere Forderungen in Großbritannien parallel weitergetrieben und ins Parlament getragen haben. In Großbritannien ist das Verbot des Haiflossenhandels heute schon Gesetz.


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