Hamsterbacke und Flatterlippe: Wie spielt man Didgeridoo?

Bühlertal (kie) – Die damalige BT-Volontärin und heutige -Redakteurin Franziska Kiedaisch hat Ende 2018 Marco Kögel in Bühlertal besucht, um von ihm das Didgeridoo spielen zu lernen.

Während Könner Marco Kögel beherzt ins Rohr bläst, hat Franziska Kiedaisch mit der Atemtechnik zu kämpfen. Foto: Bernhard Margull/Archiv

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Während Könner Marco Kögel beherzt ins Rohr bläst, hat Franziska Kiedaisch mit der Atemtechnik zu kämpfen. Foto: Bernhard Margull/Archiv

Das Wachs klebt an meinem Mund. Meine Lippen vibrieren. Doch heraus kommt nur ein unappetitliches Geräusch. Immer wieder muss ich das Holzrohr absetzen, um Luft zu holen. Die Zirkularatmung, mit der ich gleichzeitig pusten und einatmen könnte, habe ich noch nicht verinnerlicht. Der langjährige Didgeridoo-Spieler Marco Kögel hingegen schon: Er entlockt dem hohlen Holz ein gleichbleibend sonores Brummen, das er mit verschiedenen Obertönen und Lauten garniert, beispielsweise indem er in das Didgeridoo hineinspricht oder -singt.

Kögel will mir das Didgeridoo-Spielen beibringen. Dazu besuche ich ihn in Bühlertal, wo nicht nur er, sondern auch seine Event-Agentur „circularts“ und sein Tonstudio beheimatet sind. Meine Vorkenntnisse auf diesem musikalischen Gebiet sind bescheiden: Einige meiner Freunde besitzen ein Didgeridoo, mehr als ein dilettantisches Tröten habe ich bisher aber nicht zustande gebracht.

Der Musiker und Event-Manager Kögel führt mich zunächst in sein Musikzimmer: Zwischen Maultrommeln, elektronischer DJ-Ausrüstung und zahlreichen Schlaginstrumenten liegen auf dem Boden fünf Didgeridoos, eines hat sogar die Form einer Schnecke. Sie sind aus Eukalyptus-, Teak- oder Kirschholz gefertigt und zwischen hundert und tausend Euro wert. Zwei von ihnen sind auf traditionelle Weise hergestellt worden, indem von Termiten ausgehöhlte Eukalyptus-Äste verwendet und diese mit gepunkteten Mustern der australischen Aborigines verziert wurden.

Dieses verklebte Teakholz-Didgeridoo aus Thailand ist zwar nicht authentisch, lässt sich aber gut mitnehmen. Foto: Bernhard Margull/Archiv

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Dieses verklebte Teakholz-Didgeridoo aus Thailand ist zwar nicht authentisch, lässt sich aber gut mitnehmen. Foto: Bernhard Margull/Archiv

Neben diesen beeindruckenden Instrumenten liegen mehrere graue PVC-Rohre. Die hat mein Lehrer in spe für unser Treffen vorbereitet. Er reicht mir eines der Plastikrohre. Normalerweise fließt durch so eines Wasser – jetzt Luft. Weil es so dünn ist, ließe sich dem Plastikrohr leichter ein Ton entlocken als einem Didgeridoo, erklärt er. Auch er selbst spielt manchmal auf einem. Aus zusammengesteckten Rohren lässt sich ein sogenanntes Slide-Didgeridoo bauen, mit dem Kögel den Grundton verändern kann. Sonst gilt die Regel: Je kürzer und dünner ein Didgeridoo ist, desto höher klingt es.

Unter seiner fachkundigen Anleitung rolle ich eine Bienenwachsplatte zusammen, knete sie, lege das Wachs um die Öffnung des Rohrs und drücke es fest. Das wächserne Mundstück soll meine Lippen schützen und die Luft beim Hineinblasen besser verteilen. Fast jedes Didgeridoo erfordert solch ein Mundstück; nur bei schmalen Öffnungen wird darauf verzichtet. Wir setzen uns auf bunte Matten, die vor einer Fensterfront auf dem Wohnzimmerboden liegen. Mit atemberaubender Aussicht auf Bühlertal pruste ich in das Rohr. Immer wieder setze ich es ab und versuche, meine Lippen so vibrieren zu lassen, wie es mir Kögel im Vorfeld gezeigt hat. „Die Lippen müssen locker bleiben“, hatte er mir geraten. Das funktioniert aber nur mäßig, meine Gesichtsverrenkungen entlocken dem Gegenstand nur ein unangenehmes Geräusch. Irgendwann klappt es: Mit aufgeblasenen Backen puste ich und lasse gleichzeitig die Lippen zittern. Mein erster typischer Didgeridoo-Ton brummt aus einem Wasserrohr.

Das Atmen will gelernt sein

Nun geht es ans Eukalyptus-Didgeridoo. Ich verursache ein erbärmliches Geräusch und muss lachen. Kögel lacht mit. Lippentechnisch geht jetzt nichts mehr, denn wer lacht, kann die Gesichtsmuskeln nicht länger entspannen. Atmen während des Spielens scheint mir immer noch völlig ausgeschlossen – und das, obwohl Kögel im Vorfeld didaktische Register erster Güte gezogen hat. Mit einem Strohhalm musste ich in ein Wasserglas pusten; gleichzeitig sollte ich während des Blubberns durch die Nase einatmen. Durch die zirkulierende Atmung zwischen Mund und Nase entsteht das raumgreifende und unterbrechungsfreie Brummen des Didgeridoos. Ein Ton in Endlosschleife. So zumindest die Theorie. Doch diese Atmung will gelernt sein.

Kögel gibt mir Unterstützung: „Behalte ein bisschen Luft in den Backen. Während du die hineinbläst, holst du in einer Millisekunde durch die Nase Luft.“ Ich versuche es, puste die Backen bis in hamstergleiche Dimensionen auf. Es will aber einfach nicht klappen. Ein komisches Gefühl, fast wie damals im Schwimmkurs, als ich lernen musste, unter Anstrengung gleichmäßig und ruhig zu atmen, dabei nicht aus dem Takt zu kommen und im richtigen Moment Luft zu holen. Jetzt aber gesellt sich noch diese Gleichzeitigkeit dazu. Wie soll ich es nur anstellen, beim Ausatmen zwischen vibrierenden Lippen durch die Nase einzuatmen? Kögel beruhigt mich: „Lass los, sei nicht verkopft, und dann klappt das.“ Naja, bei mir nicht. Aber allein durch das Brummen und den Versuch, meine Atmung umzustellen, passiert etwas mit mir. Ich werde ruhig. Ist das noch ein Ego- oder schon ein Eso-Trip? „Durch die Atmung kann man vieles Körperliche beeinflussen“, sagt Kögel. „Was wir hier machen, ist aber absolut exoterisch“ – lacht und bläst wieder in sein lautes Instrument aus Eukalyptusholz. Mein Lehrmeister selbst hat das richtige Atmen auf einem Wochenendseminar gelernt. „Man muss es einfach machen, also immer wieder üben“, sagt der studierte Kulturmanager und ausgemachte Praktiker. Vor 23 Jahren war das. Den ersten Kontakt mit dem Instrument hatte er bei einem Schullandheim-Aufenthalt, als ein Klassenkamerad ein Didgeridoo mitbrachte. Sofort war Kögel Feuer und Flamme. Und diese Begeisterung für außergewöhnliche Instrumente hat er sich behalten: Nach einem Trommelkonzert im Herrenwieser Turning Point zog es ihn fort nach Indien, wo er die Tempeltrommel Tavil spielen lernte. Weitere Reisen folgten. Nach Hause zurück brachte der Bühlertäler jedes Mal neue musikalische Eindrücke, die er in unterschiedlichen Projekten und Künstlerkollektiven verarbeitet hat. Erst kürzlich (Stand 8. Dezember 2018) hat er unter dem Namen Amana mit dem Musiker Romain Liebs eine Platte aufgenommen. Bei seiner Musik, die er als „global electronica“ bezeichnet, mixt er das Didgeridoo beispielsweise mit elektronischen DJ-Sets. Hinweis: Dieser Artikel ist ursprünglich am Samstag, 8. Dezember 2019, im BT erschienen. Im Rahmen des Formats „Throwback Thursday“ des BT-Instagram-Teams, haben wir ihn aus dem Archiv gekramt und fürs Web optimiert.

24 Stunden lang brummt die Welt

Die Faszination für das Instrument, das schon auf 3.000 Jahre alten Höhlenmalereien der indigenen Aborigines zu sehen ist, lässt ihn nicht los. Man käme beim Spielen zu sich, auch durch die spezielle Atmung gleiche es einer Art Meditation. „Es erdet und macht etwas mit einem“, beschreibt Kögel.

Wie passend ist da der Titel für eine weltweite Didgeridoo-Veranstaltung gewählt: Am Tag der Wintersonnwende treffen sich überall auf der Welt zum Sonnenuntergang Didgeridoo-Spieler zur „Didgeridoo-Meditation“, um gemeinschaftlich eine Stunde lang zu brummen.

Dieses Foto ist bei einer „Didgeridoo-Meditation“ im Dezember 2019 in der Baden-Badener Spitalkirche entstanden, unter den Teilnehmenden waren Schauspieler Peter Schell (links) und Marco Kögel (Dritter von rechts). Foto: Conny Hecker-Stock/Archiv

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Dieses Foto ist bei einer „Didgeridoo-Meditation“ im Dezember 2019 in der Baden-Badener Spitalkirche entstanden, unter den Teilnehmenden waren Schauspieler Peter Schell (links) und Marco Kögel (Dritter von rechts). Foto: Conny Hecker-Stock/Archiv

Die Idee dahinter: Der Klang der Didgeridoos geht in 24 Stunden einmal um die Welt. Seit 2013 gibt es die Veranstaltung auch in Baden-Baden. Obwohl sich auch jeder Didgeridoo-Spieler selbstständig an der Meditation beteiligen kann, reisten für das Gemeinschaftserlebnis in den vergangenen Jahren die rund zehn Teilnehmer aus einem Radius von etwa hundert Kilometern an, sagt Kögel.

Ob es nicht monoton klänge oder gar nerve, wenn zehn Didgeridoo-Spieler eine Stunde lang ihren Atem zirkulieren lassen und in das Holzrohr pusten? „Das mag monoton klingen, aber je länger und intensiver Didgeridoo gespielt wird, desto tiefgreifender ist die Wirkung“, fasst der Bühlertäler mit dem Hang zu exotischen Instrumenten zusammen. Zum Abschied gibt er mir das PVC-Rohr mit meinem selbst gebastelten Mundstück mit nach Hause. Zum Üben der Zirkularatmung. Denn Frauen, sagt Kögel, seien bisher nur wenige bei der Meditation dabei.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Franziska Kiedaisch

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Erstellt:
29. April 2021, 17:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 38sec

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