Handball: Hygienekonzept treibt Vereine um

Baden-Baden (moe) – Die Handballvereine im Bezirk tüfteln an individuellen Hygienekonzepten für den Spielbetrieb. Nicht immer sind die Verbandsvorlagen besonders praktikabel.

In Corona-Zeiten ein unzertrennliches Duo: Handball und Desinfektionsmittel. Foto: Hirn

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In Corona-Zeiten ein unzertrennliches Duo: Handball und Desinfektionsmittel. Foto: Hirn

Michael Leger ist die Stimme der SG Muggensturm/Kuppenheim. Zumindest an Spieltagen. Als Hallensprecher bei Heimspielen ist der 52-Jährige stets auf Handball-Höhe, ein echter Könner seines Fachs: handlungsschnell, mit dem gewissen Esprit und sehr präzise in der Aussprache, gerade beim teils zungenbrecherischen Konsonanten-Puzzle osteuropäischer Nachnamen. Ob Legers Worte auch in der kommenden Saison klar verständlich die Ohren von Zuhörer – sofern überhaupt welche in der Halle sein werden – erreichen werden, ist derweil noch nicht ganz ausgemacht.

Denn zumindest im Hygienekonzept des Deutschen Handballbunds (DHB), das die Wiederaufnahme des Spiels erleichtern soll, ist vorgesehen, dass der Mann am Mikrofon einen Mundschutz und obendrein auch Einweghandschuhe tragen soll. Angesichts dieser Vorstellung muss Leger lachen: „Das wäre doch bescheuert“, sagt der MuKu-Lautsprecher und wirft das Kopfkino an: Er mit Mund-Nasen-Schutz und Handschuhe, wenige Meter weiter vor Schweiß triefende Spieler beim Gruppenkuscheln am Kreis. „Ein bissel gaga“, lautet Legers Kommentar. Aber der Mann am Mikro könnte Glück haben: Im Entwurf für die Handballer in Baden-Württemberg fehlt der Passus für Hallensprecher.

Zugeschnittener Entwurf in der Schublade

Dennoch bietet das neunseitige Papier Stoff für Diskussionen – in erster Linie aber viel zusätzliche Arbeit für alle Vereine. Einige Aspekte seien „nicht wirklich praktikabel“, findet Brigitte Wagner, die sich bei der SG MuKu zusammen mit drei Mitstreitern um die Hygienekonzeption des Vereins kümmert. Was die konkrete Umsetzung anbelangt, geht Fabian Hochstuhl durchaus d’accord, insgesamt findet der Handball-Abteilungsleiter beim TVS Baden-Baden die Verbandsvorlage „erstaunlich plausibel. Es wird klar, was von uns gefordert wird“. Der TVS hat bereits einen auf seine Bedürfnisse zugeschnittenen Entwurf für den Ligabetrieb in der Schublade. Vor allem beim Thema Abstandsregeln kommt den Sandweierern dabei die fast schon weitläufige Rheintalhalle zugute. „Schwierig macht es die Vielzahl an Ordnern“, so Hochstuhl, die dann die Einhaltung der Bestimmungen überwachen sollen.

Prinzipiell setzt der TVS auf einen Stufenplan, der anfangs eine deutlich reduzierte Zuschauerzahl vorsieht. Nach und nach soll dann überprüft werden, ob das am Reißbrett entworfene Schriftstück den Tücken der Praxis standhält. Ein komprimiertes Konzept für Testspiele ohne Publikum und Bewirtung hat der TVS – wie übrigens auch die SG Steinbach/Kappelwindeck – bereits bei der Stadt Baden-Baden eingereicht. Eine Genehmigung steht indes noch aus.

Kommunen müssen Konzept genehmigen

Mit den in den Konzeptvorlagen aufgeführten Maßnahmen soll das Infektionsrisiko der „am Spiel- und Wettkampfbetrieb Beteiligten auf ein vertretbares Mindestmaß reduziert werden“. Kernpunkt sämtlicher Ausführungen: „Die Hygiene- und Abstandsregeln stehen zu jeder Zeit und überall dort, wo es möglich ist, im Fokus aller Beteiligten.“ Wie die drei baden-württembergischen Verbände betonen, handelt es sich bei dem Schriftstück bisher lediglich um einen Entwurf. Dieser wurde aber, bevor er mit leichter Verspätung bei den Vereinen ankam, mit den bestehenden Corona-Verordnungen abgeglichen und obendrein vom Kultus- sowie Sozialministerium abgesegnet.

Das wiederum heißt aber nicht, dass die einzelnen Aspekte auch in Ottersweier, Bühl, Sinzheim, Sandweier oder Muggensturm einheitlich gehandhabt werden. Denn die neun Seiten dienen den Vereinen lediglich als Grundlage für ein eigenes, ein lokales Konzept, das mit den Trägern der Sporthallen, in der Regel die Kommunen, abgestimmt und letztlich von den Behörden genehmigt werden muss.

Spielgemeinschaften wie die SG Muggensturm/Kuppenheim stellt das vor besondere Schwierigkeiten. In der Regel wird – in unregelmäßigen Abständen – in zwei Hallen gespielt oder trainiert, dementsprechend müssen auch zwei Konzepte vorgelegt werden. Durch den „glücklichen“ Zufall eines kapitalen Wasserrohrbruchs in der Muggensturmer Wolf-Eberstein-Halle fällt dieser Spielort aber auf unbestimmte Zeit aus. In der Halle beim Cuppamare wiederum sind die Verhältnisse sehr beengt, die Einhaltung der Abstände und Einbahnbetriebe entsprechend schwierig. „Aber“, so Brigtte Wagner, „da müssen wir durch.“ Zusammen mit der Gemeinde wolle man möglichst „moderate“ und „praktikable“ Lösungen für die einzelnen Auflagen finden.

Das BT hat die wichtigsten Aspekte des baden-württembergischen Konzepts zusammengefasst:

Allgemeines

Selbsterklärend dürfte sein, dass all diejenigen, die in den vergangenen 14 Tagen in Kontakt mit einer positiv getesteten Person standen oder unabhängig davon über typische Symptome klagen, nicht in die Halle dürfen.

Überall dort, wo der geforderte Mindestabstand nicht zweifelsfrei eingehalten werden kann, muss ein Mund-Nase-Schutz getragen werden. Daher sollte jeder Zuschauer, Sportler, Betreuer und auch Schiedsrichter eine entsprechende Maske mit sich führen und bei Bedarf tragen – außer auf dem Spielfeld.

Zur möglichst lückenlosen Nachverfolgung von Infektionsketten müssen Mannschaften, Betreuer, Helfer und auch Zuschauer mit Namen, Anschrift, Datum, Zeit der Anwesenheit und Telefonnummer registriert werden. Beim Publikum soll die Erfassung über einzelne Zettel erfolgen, die in einer Box landen. Listen am Eingang sind aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht erlaubt.

Anreise und Halle

Die Anreise zur Halle – egal ob Spieler oder Zuschauer – soll möglichst individuell, also nicht in Fahrgemeinschaften erfolgen. Sollte die gegnerische Mannschaft kollektiv mit einem Bus anreisen, ist dieser vor dem Zutritt der Spieler ausreichend zu desinfizieren. Ohnehin ist das Aufstellen – und logischerweise auch das Benutzen – von Desinfektionsmitteln ein elementarer Bestandteil des Konzepts.

Sofern es keine unterschiedlichen Eingänge gibt, sollten die Mannschaften zeitlich versetzt die Halle betreten. Detaillierte Vorgaben gibt es obendrein für den Einlass von Zuschauern – inklusive Markierungen von Warteflächen und Einbahnbetrieb. Türen sollen grundsätzlich offen stehen, auf Stehplätze wird verzichtet, die Sitzplätze müssen entsprechend abgesperrt sein, um die Einhaltung des Mindestabstands zu gewährleisten.

Der Zugang zu den Toiletten muss beschränkt beziehungsweise kontrolliert werden, in Form eines Einbahnsystems oder Laufwegtrennungen – gegebenenfalls mit Ordnern an der Tür, die den Zugang steuern.

Auch Spieler müssen in den Kabinen auf die Einhaltung des Mindestabstands achten. Auch die Anzahl der Personen in den Duschen ist zu minimieren. Gegebenenfalls sollten von den Teams je nach Kabinengröße kleinere Gruppen gebildet werden, die die Duschen gleichzeitig nutzen – selbstverständlich mit Abstand. Bei räumlichen Kapazitätsengpässen wird empfohlen, der Gastmannschaft den Vortritt zu lassen. Bei mehreren Spielen am Tag müssen zwischen der Kabinennutzung Pausen eingehalten werden, die zur Reinigung und Durchlüftung genutzt werden.

Beim Spiel

Auf der Auswechselbank gilt die Abstandsregelung nicht. Allerdings sollte der Abstand zwischen den Bänken größtmöglich gewählt werden. Spieler und Betreuer behalten bestenfalls ihren angestammten Platz auf der Bank. Unter anderem deshalb soll auf den Seitenwechsel verzichtet werden, es sei denn die Bänke werden in der Halbzeit getauscht oder desinfiziert.

Die Mannschaften betreten und verlassen das Spielfeld mit Verzögerung – mit mindestens einer Minute. Jeder Akteur braucht sein eigenes Handtuch sowie Trinkflasche, auch eine eigene Harzdose wird empfohlen. Es erfolgt kein gemeinsames Aufstellen und kein gemeinsames Abklatschen, auf den Sportlergruß sowie Handshake direkt vor dem Anpfiff wird ebenfalls verzichtet. Zusätzliche Personen bei einer möglichen Einlaufzeremonie – etwa Ballkinder – sind vorerst nicht gestattet.

Wischer betreten nur auf Anweisung der Schiedsrichter das Feld. Wischer, Zeitnehmer, Sekretär und Hallensprecher müssen während des Spiels die Abstandsregeln einhalten. Im DHB-Konzept wurde ursprünglich sogar das Tragen einer Maske empfohlen. Bei einer Auszeit ist auf den Mindestabstand zum Zeitnehmertisch zu achten. Obendrein wird empfohlen, dass Spieler auf das Abklatschen untereinander sowie gemeinsames Jubeln bei Torerfolgen verzichten.

Trotz der vielen Regeln und Vorschriften sind Brigitte Wagner und ihre Mitstreiter froh, dass die Verbände so detailliert geplant haben. „Wir werden die Regeln so gut es geht ein

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Erstellt:
6. August 2020, 18:00 Uhr
Lesedauer:
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