Handball-WM: Experten bei Favoriten einig

Baden-Baden (moe) – Am Freitag startet die deutsche Nationalmannschaft in die Handball-WM. Mittelbadische Experten trauen dem dezimierten DHB-Team eine durchaus gute Rolle zu.

Viel Arbeit, viel Ertrag? Die Experten trauen Sebastian Firnhaber (links) und dem DHB trotz der prominenten Ausfälle eine gute Rolle zu. Foto: Marius Becker/dpa

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Viel Arbeit, viel Ertrag? Die Experten trauen Sebastian Firnhaber (links) und dem DHB trotz der prominenten Ausfälle eine gute Rolle zu. Foto: Marius Becker/dpa

Wenn die deutsche Nationalmannschaft heute um 18 Uhr gegen die Auswahl Uruguays in die WM startet, werden auch zahlreiche Handballer aus der Region gebannt vor den Fernsehgeräten sitzen, um den ersten Auftritt der Mannschaft von Bundestrainer Alfred Gislason in Ägypten mitzuverfolgen. Trotz der zahlreichen und obendrein höchst prominenten Absagen trauen die regionalen Handball-Größen dem DHB-Team durchaus eine gute Rolle bei den Titelkämpfen am Nil zu. Unabhängig von coronabedingten Vorbehalten der WM-Austragung in Zeiten der Pandemie sind sich die mittelbadischen Experten beim Thema Topfavoriten einig.

Alexander Klinkner (SHV-Präsident)

Alexander Klinkner. Foto: Matthias Kaufhold/Archiv

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Alexander Klinkner. Foto: Matthias Kaufhold/Archiv

„Die WM stattfinden zu lassen ist aus meiner Sicht sehr wichtig! Der Handball muss medial präsent bleiben, da ist eine WM das beste Podium“, sagt der oberste Handball-Funktionär Südbadens. Angesichts auch in Ägypten steigender Inzidenzen und Corona-Fällen bei einzelnen Teams gibt selbstredend auch der Rastatter zu bedenken, dass man „trefflich und lange diskutieren“ kann, „ob die Erhöhung der Teamzahlen auf 32 gerade jetzt hat sein müssen. Aber das sollte nicht im Vordergrund stehen, sondern der Spaß am Handball“, findet Klinkner, der den kurzfristigen Ausschluss der Zuschauer in den Spielstätten vor Ort für „absolut sinnvoll und geboten“ hält: „Ich hatte kein Verständnis dafür, dass in den letzten zwei Wochen die Idee aufkam, Zuschauer zuzulassen.“

Dass gestandene Akteure wie die Kieler Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek und Steffen Weinhold sowie Finn Lemke von der MT Melsungen ihre Teilnahme an der WM aus persönlichen Gründen abgesagt haben, „respektiere ich. Die Entscheidung zu spielen, muss jeder Spieler für sich treffen“, betont Klinkner. Klar ist für den SHV-Präsidenten, dass sich die Chancen durch die coronabedingte Absage des Quartetts – nicht zu vergessen die zahlreichen verletzungsbedingten Ausfälle – reduziert haben: „Trotzdem traue ich der Mannschaft die eine oder andere Überraschung zu und bin gespannt, wie weit der Weg im Turnier führen wird.“

Im Kampf um Gold sieht Klinkner „die Spanier, Dänen und Norweger vorne. Die Kroaten sind – wie immer – ein Geheimtipp, aber leider auch oftmals in K.o.-Spielen zu schwankend in ihrer Form“.

Marc Keitel (Vorsitzender Phönix Sinzheim)

Marc Keitel. Foto: Privat

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Marc Keitel. Foto: Privat

Im Vergleich zu Alexander Klinkner hat der oberste Feuervogel die Auswahl Kroatiens noch etwas dicker auf seiner persönlichen Favoritenliste für den WM-Titel unterstrichen. Der Hauptgrund: Domagoj Duvnjak. Der Rückraumstar der Karo-Kracher sei „in einer super Verfassung. Er hat den THW Kiel zum Champions-League-Titel geführt, und ich denke, dass Kroatien eine sehr große Rolle spielen wird“, so Keitel, der obendrein auch noch Dänemark und Frankreich auf der Rechnung hat. Dass die WM trotz der Corona-Wirren im Vorfeld überhaupt ausgetragen wird, hält der Sinzheimer Funktionär für „sehr wichtig“. Gleiches gilt für den Ausschluss des Publikums: „Rund 4 000 Zuschauer in einer Halle halte ich angesichts der aktuellen Lage für ein No-Go!“

Dass gar nichts geht für die deutsche Auswahl, würde Keitel indes nicht unterschreiben. Im Gegenteil: „Ganz gute Chancen“ für den weiteren Turnierverlauf schreibt Keitel dem DHB-Team zu – wenn, ja wenn die Gislason-Sieben im dritten Spiel gegen Ungarn gewinnt. Nach einem Sieg gegen den letzten Vorrundengegner sei „alles möglich. Aber Ungarn könnte ein echter Stolperstein sein“.

Kalman Fenyö (Trainer Phönix Sinzheim)

Kalman Fenyö. Foto: Frank Seiter

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Kalman Fenyö. Foto: Frank Seiter

Den letzten Satz seines Vereinsvorsitzenden kann der Sinzheimer Trainer nur unterschreiben. „Auf ein Spiel gesehen ist Ungarn brandgefährlich“, sagt Fenyö. Der Ex-Profi muss es wissen, schließlich hat er selbst 33 A-Länderspiele für die Magyaren-Auswahl absolviert, inklusive WM-Teilnahme 1993 in Schweden. Das Team aus jungen Talenten sei durchaus für eine Überraschung gut, „ich werde das genüsslich verfolgen“, erklärt Fenyö. Dass es für den ganz großen Coup reicht, glaubt der Phönix-Trainer freilich nicht, insgesamt hat er sechs, vielleicht sogar sieben Mannschaften auf der Gold-Rechnung – „auch Deutschland“.

Die prominenten Absagen beim DHB „sehe ich kritisch“, sagt Fenyö – vor allem unter der Prämisse, dass zumindest das Kieler Trio in der Champions League in den vergangenen Wochen durch halb Europa gejettet ist: „Aber die Entscheidung gilt es zu akzeptieren.“ Auch was die Austragung der WM angeht, hat der in Bühl wohnende Coach eine klare Meinung: „Ich halte es für sehr wichtig, dass die WM stattfindet.“ Trotz Pandemie laufe fast täglich Fußball im Fernsehen, von daher müsse man aufpassen, „dass Handball nicht von der Bildfläche verschwindet“. In diesem Zusammenhang hält Fenyö auch das Aussperren der Zuschauer für nachvollziehbar: „Lieber ohne Zuschauer als gar nicht!“

Niki Wagner (Trainer SG Muggensturm/Kuppenheim)

Niki Wagner. Foto: Frank Seiter

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Niki Wagner. Foto: Frank Seiter

Kritik an einer WM in Corona-Zeiten hält Niki Wagner durchaus für berechtigt, „mit der Handball-Brille“ ist es für den MuKu-Trainer aber „super wichtig“, dass am Nil gespielt wird – und dass die Spiele auch im TV zu sehen sind. In einer Phase, in der sich aufgrund des Lockdowns samt Amateursport-Verbot „die große handballerische Langeweile“ breitmacht und Netflix „schon hoch und runter“ geschaut ist, hätte die Übertragung des Final Four in der Champions League „richtig Bock gemacht“.

Von der Vorbereitung des deutschen Teams – vor allem von den zwei Spielen gegen Österreich – war Wagner „positiv überrascht. Klar, zu den ganz großen Favoriten zählen wir nicht, aber das kann auch durchaus befreiend sein“. In diesem Zusammenhang erinnert der MuKu-Coach an den EM-Sieg der Deutschen 2016: „Die Rolle als Underdog stand uns damals schon ganz gut!“ Im Kader von Bundestrainer Gislason stünden ausschließlich „etablierte Bundesligaspieler. Deshalb bin ich positiv gestimmt: Da kann was gehen!“

Arnold Manz (Trainer SG Steinbach/Kappelwindeck Frauen)

Arnold Manz. Foto: Frank Seiter

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Arnold Manz. Foto: Frank Seiter

Wagners Prognose kann Arnold Manz nur beipflichten: „Das Turnier ist für alle die Chance, zu zeigen, dass sie zurecht dabei sind. Vielleicht lassen sich auf diese Weise Ziele erreichen, mit denen man im Vorfeld gar nicht gerechnet hat.“ Auch für den Macher der Rebland-SG ist selbstredend klar, dass die Absagen von Pekeler, Wiencek und Co. „eine Schwächung“ für den DHB sind, „aber mit dem Spiel am Freitag sollte man das Thema ad acta legen“. Insgesamt ist das deutsche Team für den ehemaligen Bundesligaspieler „eine Wundertüte“. Auch ohne die Absagen hätte es seiner Meinung nach „keinen Freifahrtsschein fürs Halbfinale“ gegeben, das hätten die Turniere nach der erfolgreichen EM 2016 gezeigt.

Dass die WM trotz des Corona-Chaos im Vorfeld stattfindet, hält auch Manz für „unglaublich wichtig für die Sportart. Es ist die Riesenchance zu zeigen, dass aktuell neben Fußball und ein bisschen Skispringen auch noch anderer Profisport stattfindet“. Dass ein derartiges Bubble-Turnier funktionieren kann, habe laut Manz die Frauen-EM in Dänemark gezeigt.

„Unglaublich stolz“ ist der erfahrene Coach derweil, dass die 14 Kapitäne der europäischen Top-Teams – darunter auch DHB-Spielführer Uwe Gensheimer – so offen ihren Unmut über Spiele mit Zuschauern kundgetan haben. Noch unerwarteter war für Manz, dass sie damit Erfolg hatten – vor allem, weil er den ägyptischen Weltverbandspräsidenten Hassan Moustafa, den er im Rahmen einer Junioren-WM persönlich hat treffen können, bisher als „unglaublich selbstherrlich“ erlebt hat. Dass das Ansinnen der Kapitäne Erfolg hatte, bezeichnet Manz als

Sandro Catak (Trainer TVS Baden-Baden)

Sandro Catak. Foto: Frank Seiter

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Sandro Catak. Foto: Frank Seiter

Der ehemalige Profi hat mit Blick auf die WM einen großen Wunsch: Nämlich, dass „alle Beteiligten gesund bleiben“, hofft Sandro Catak, der glaubt, dass Titelkämpfe dieser Art prinzipiell auch unter den erschwerten Bedingungen abgehalten werden können, wenn sich alle an die Regeln halten: „Es wurde natürlich viel diskutiert bezüglich der WM, jedoch gab es Projekte wie die Blase in der NBA, wo alles ganz gut funktioniert hat. Das ist auch jetzt meine Hoffnung.“ Denn – da ist sich der TVS-Trainer mit seinen Kollegen einig – „für unsere Sportart ist es gut, dass die WM stattfindet, da wir so sichtbar bleiben mit unserer Sportart“. Aktuell sei der Handball ja kaum präsent angesichts der Tatsache, dass unterhalb der ersten und zweiten Bundesliga alles ruht – und wohl noch eine Weile ruhen wird.

Unabhängig von den deutschen Ausfällen und Absagen vermisst Catak auch viele wichtige Spieler bei anderen Nationen, unter anderem den französischen Superstar Nikola Karabatic. Was das DHB-Team angeht, ist Catak in erster Linie gespannt, wie die Mannschaft mit dem Wegfall des etablierten Mittelblocks zurechtkommt: „Das war in der Vergangenheit mit die größte Stärke.“ Dennoch: Auch mit dem aktuellen „Kader sollte ein Viertelfinalplatz das Ziel sein“, findet Catak, der einem Trio die größten Chancen auf den Titel einräumt: „Dänemark, Kroatien, Spanien.“


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