Handwerker kriegen die Krise

Rastatt (as) – Zwischen vollen Auftragsbüchern, Materialnot, Lieferproblemen und Teuerungen jonglieren derzeit Handwerker und Baustoffhändler in Rastatt. So etwas haben sie noch nicht erlebt.

Wärmedämmung für Hausfassaden oder Dächer ist gerade ebenso Mangelware wie Heizkessel, Stahl oder Aluminium. Foto: Armin Weigel/dpa

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Wärmedämmung für Hausfassaden oder Dächer ist gerade ebenso Mangelware wie Heizkessel, Stahl oder Aluminium. Foto: Armin Weigel/dpa

Eine vergleichbare Situation haben Handwerker, Architekten und Baustoffhändler auch in Rastatt und Umgebung noch nie erlebt: Die Auftragsbücher sind so voll, dass viele nicht wissen, wo sie zuerst anfangen sollen, aber Materialknappheit und Lieferverzögerungen bescheren ihnen eine einzigartig schwierige Lage.
Das bedeutet seit Wochen und Monaten eine enorme Herausforderung für viele. Denn nach der Holzknappheit, die sich laut Wolfgang Reiss von der Muggensturmer Reiss GmbH (Holzbau und Bedachungen) „gerade etwas entspannt“, werden aktuell beispielsweise Aluminium und Stahl knapp. Die Folge: Wenn Material zu kriegen ist, dann mit bis zu einem halben Jahr Verzögerung und Preisaufschlägen von bis zu 150 Prozent, berichtet Uwe Dreher, Geschäftsführer der Heinemeyer Stahlhandel GmbH in Rastatt. Auf Garagentore müssten Kunden gerade zehn bis 16 Wochen warten.

Heizkessel sind Mangelware

Hans-Albert Fritsch sucht verzweifelt nach Heizkesseln. „Absolute Mangelware“, sagt der Inhaber von Fritsch GmbH Heizungen und Bäder aus Rastatt. Die Gründe seien vielfältig: Starke Nachfrage, weil die Kreditzinsen gerade niedrig sind, dann werde „verständlicherweise“ das Ahrtal bevorzugt bedient. Und dass von der Flut dort eine ganze Fabrik weggespült wurde, verringert auch noch die Produktionskapazitäten.

Auch Wärmedämmung und Wärmedämmverbundstoffe, mit denen beispielsweise Fassaden gedämmt werden, haben lange Lieferzeiten, weiß Thomas Rössler, der in Rastatt einen Malerbetrieb und eine Firma für Werbetechnik betreibt. Er selber verarbeitet das Material nicht, hat aber beispielsweise Probleme, manche Folienarten für Beschriftungen zu bekommen. Auch einige Werbeartikel oder Textilien zum Bedrucken sind einfach nicht erhältlich. „Da kommt vieles aus dem Ausland, und die Lieferwege waren coronabedingt und durch den blockierten Suez-Kanal lange unterbrochen“, kennt er auch den Grund für die Misere. Und er stellt – wie wohl viele derzeit – die Sinnhaftigkeit der Verlagerung von Produktionen in Billiglohnländer infrage.

Produktion wurde runtergefahren

In seiner Branche vermutet Wolfgang Reiss noch einen anderen Hintergrund: Es sei teilweise auch Firmenpolitik der deutschen Hersteller gewesen, die Produktion runterzufahren und Corona-Hilfen wie das Kurzarbeitergeld mitzunehmen. „Dass das Handwerk durcharbeiten kann, damit haben wohl viele nicht gerechnet“, mutmaßt er.

Architekt Michael Heid aus Ötigheim vermutet teils auch „Mitnahmeeffekte“ durch die Preissteigerungen bei den Herstellern. Er spricht von einer „Bugwelle“, die zwei Jahre brauchen werde, bis sie abgeebbt ist. Heid beschreibt die aktuelle Situation so: „Wenn ein Zahnrad im Getriebe knirscht, sieht man plötzlich, wo überall die Uhren stehen bleiben.“ Ein Beispiel aus seiner täglichen Arbeit: Es sei derzeit kaum Gerüst zu bekommen, „weil viele Gerüste durch verzögerte Bauabläufe länger an den Baustellen benötigt werden“.

Preissteigerung bis 150 Prozent

In einer undankbaren Situation sieht der Architekt die Handwerksbetriebe: Sie müssten ihre Leute beschäftigen und die Auftraggeber wollen zeitnah bedient werden. Das sei ein tägliches Jonglieren, weiß er aus vielen Gesprächen. Einerseits müsse Material gebunkert werden, um Aufträge abarbeiten zu können, andererseits nach Alternativen gesucht werden – und dann soll das Ganze auch noch preislich dem Angebot entsprechen.

Das ist für viele Handwerker bei den enormen Preissteigerungen von 100 bis 150 Prozent allerdings kaum noch machbar. Viele rechnen mittlerweile deshalb nur noch tagesaktuelle Preise ab – und haben das auch in ihren Geschäftsbedingungen entsprechend geändert.

So früh wie möglich bestellen

„Wir sind dazu übergegangen, frühzeitig zu bestellen“, sagt Reiss. Dazu rät auch Uwe Dreher: „Sobald man den Auftrag vom Kunden hat, sollte die Bestellung raus.“ Thomas Rössler hat mit dem vorausschauenden Einkauf ebenfalls gute Erfahrungen gemacht: „Jetzt liegt halt vieles auf Lager, was man sonst just-in-time haben konnte.“ Dennoch sind sich alle einig: „So etwas habe ich noch nie erlebt.“

Den Betriebsablauf auf der Baustelle habe das alles bisher kaum beeinträchtigt, stellt Reiss für seine Firma fest. Organisatorisch bedeute die Situation allerdings einen enormen Aufwand. Davon kann auch Uwe Dreher ein Lied singen: „Man muss viel mehr rumtelefonieren“, sagt er, „denn für uns ist es natürlich wichtig, dass unsere Kunden das bestellte Material bekommen, aber auch wir sind auf die Lieferanten angewiesen.“ „Improvisieren“ lautet für Hans-Albert Fritsch das Schlagwort bei der täglichen Arbeitsplanung – „und hoffen, dass man keinen Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken muss.“

Michael Heid rät Bauherren, die es nicht eilig haben, sich in Geduld zu üben und auf jeden Fall das erste Quartal 2022 noch abzuwarten: „Ich könnte mir vorstellen, dass es sich dann entspannt.“ So macht es auch Fritsch: „Ich versuche derzeit, nicht zwingend erforderliche Modernisierungen auf 2022 zu verschieben“, beschreibt er ein Dilemma: Die Nachfrage ist hoch, kann aber in vielen Gewerken gerade nicht bedient werden.

Viele Kunden seien durch die mediale Berichterstattung schon auf die Situation vorbereitet, erzählen alle, und sie würden glücklicherweise überwiegend verständnisvoll reagieren. Und die Handwerksmeister selbst? „Man darf die Nerven nicht verlieren“, gibt Fritsch als Losung aus – auch wenn das manchmal schwerfällt.


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