Hans-Dieter Hermann über mentalen Stress im Sport

Bühl (kos) – Der Fortbildungstag der Max Grundig Klinik widmete sich am Samstag psychischen Belastungen im Spitzensport. Mit dabei war Hans-Dieter Hermann, Sportpsychologe der deutschen Nationalelf.

Hat schon die deutsche National-Elf 2014 beim WM-Titelgewinn in Rio psychologisch begleitet: Hans-Dieter Hermann. Foto: Frank Seiter

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Hat schon die deutsche National-Elf 2014 beim WM-Titelgewinn in Rio psychologisch begleitet: Hans-Dieter Hermann. Foto: Frank Seiter

Wie gehen Sportler mit den enormen Belastungen im Spitzensport psychisch um und wie behalten sie ihr Selbstvertrauen vor und während des Wettkampfes? Diesen Fragen widmete sich der Fortbildungstag der Max Grundig Klinik am Samstag. Mit dabei waren Hans-Dieter Hermann, Sportpsychologe der deutschen Fußball-National-Elf, und der Bühler Mentalcoach Rainer Hatz.

EM-Viertelfinale im Jahr 2016 – Deutschland gegen Italien: Zum entscheidenden Elfmeter tritt der damals 26-jährige Jonas Hector den Weg zum Tor vor den Augen von fast 40.000 Zuschauern im Stadion an. Thomas Müller, Bastian Schweinsteiger und Mesut Özil hatten bereits verschossen. Nun muss Hector seine Nerven behalten und kühlen Kopf bewahren, um zu treffen. Am Ende verwandelt er und setzt dem Italien-Fluch der Deutschen ein Ende. Hans-Dieter Hermann zieht aus psychologischer Sicht seinen Hut.

Kopf und Körper müssen aufeinander abgestimmt werden

„Die Welt entsteht im Kopf“, erklärte Hermann, der als Sportpsychologe genau weiß, was in solchen Momenten in den Köpfen der Sportler vergehen muss. In seinem Vortrag über psychische Belastungen im Leistungssport sprach er am Samstag darüber, wie er Sportler psychologisch begleitet, damit diese ihre optimale Leistung genau dann erbringen können, wenn es darauf ankommt. Er betonte: „Leistungssport ist Belastung per se“ – und mit dieser müsse man umzugehen wissen.

Das Beispiel mit Jonas Hector ist bei Weitem kein Einzelfall: Nicht zufällig hatte sich auch Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg nach zwei herben Titelniederlagen (2014 und 2015) gegen seinen Mercedes-Stallrivalen und Formel-1-Dominator Lewis Hamilton für seinen Titel 2016 mit einem Mentaltrainer zusammengetan, um seine sportliche Leistung im Kopf zu stützen.

Mentalcoaching längst kein Tabu-Thema mehr

Es sei längst also kein Tabu-Thema mehr, sich als Spitzensportler mentaler Hilfe zu bedienen, sagte Hermann. Großen Anteil daran habe auch der Suizid des Torhüters Robert Enke im Jahr 2009. Im Umgang mit den Sportlern muss Hermann Leistung und psychische Gesundheit unter einen Hut bringen – kein leichtes Unterfangen in einer Branche, in der permanent Leistungs- und Konkurrenzdruck herrscht.

Dabei setzt er unter anderem auf Selbstwirksamkeitstraining: Die Überzeugung von der eigenen Leistung müssten sich die Wettkämpfer in Extremsituationen wie Elfmeterschießen oder bei Olympia noch vor den eigentlichen Fähigkeiten bewusst machen. Nur wenn Kopf und Körper gleichermaßen ineinandergreifen, könne die psychische Belastung in sportliche Leistung übergehen, erklärte er. Andernfalls bleibe man stets beim „Trainingsweltmeister“, der wegen mangelnden Selbstvertrauens im Wettkampf stets unter den eigenen Möglichkeiten zurückbleibt.

Darin pflichtete ihm auch Rainer Hatz in seinem Vortrag bei. Der Mentalcoach, der neben der deutschen Karate-Nationalmannschaft auch den Eisentäler Sportschützen Christian Lusch bei seinem silbernen Olympia-Erfolg 2004 beraten hat, sagte, dass Mentaltraining immer auch Emotionstraining sei und erklärte, dass Selbstvertrauen im Wettkampf lernbar ist: Sportler müssten sich nach erfahrenen Rückschläge ihr Selbstvertrauen immer wieder selbst aufbauen. Und das auf mehreren Ebenen wie Nervosität, Erwartungsdruck, im Umgang mit Erfolg sowie im Zwiespalt aus Angst und Sicherheit. Je mehr Erfahrungen ein Sportler sammle, desto eher könne er in den entscheidenden Momenten selbstsicher bleiben, erklärte Hatz. Und so könne er dann in den letzten Minuten vor dem Wettkampf sein optimales Potenzial abrufen, sagt Hatz.

Beschnidt: Auch Zahnprobleme können sportliche Folgen haben

In einem Vortrag über die bislang eher weniger beachtete Sportzahnmedizin plädierte der Baden-Badener Zahnarzt Marcus Beschnidt dafür, Zahnärzte stärker in die Gesundheits-Check-Ups im Sport einzubeziehen. Leistungssport sei auch für das Gebiss durchweg Dauerstress. Unter dem Motto „Zähne zusammenbeißen und durch“ könnten Zahnprobleme erhebliche Auswirkungen auf die Leistung haben, erklärt Beschnidt, der in David Beckham auch prominente Sportler bei entsprechenden Problemen behandelt hat.

Zum Abschluss des Fortbildungstages stand Spitzensportler Fabian Hambüchen, Turner und Goldmedaillengewinner bei Olympia 2016, während eines Interviews mit anschließender Diskussion zum Thema Rede und Antwort.

Ihr Autor

BT-Volontär Konstantin Stoll

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Erstellt:
3. Oktober 2021, 20:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 54sec

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