Hans-Ulrich Rülke: Auf der Suche nach der neuen Rolle

Stuttgart (bjhw) – Der FDP-Spitzenmann poltert gern, lässt derzeit aber gegenüber den Grünen oft Milde walten.

Farbenfrohe Kampagne: Hans-Ulrich Rülke vor einem Wahlplakat der Liberalen. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

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Farbenfrohe Kampagne: Hans-Ulrich Rülke vor einem Wahlplakat der Liberalen. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Über Jahre hat sich Hans-Ulrich Rülke den Ruf des profiliertesten Angriffsspielers im Landtag erkämpft. Mit knallharten Angriffen auf die AfD, aber auch mit mannigfaltigen Breitseiten gegen alle anderen, vor allem gegen die Grünen.
Jetzt ist manches anders. Zum Beispiel jüngst bei der Aufzeichnung der Diskussionsrunde zum Wahlkampfendspurt von „Antenne eins“. Es walte, berichtete einer, der dabei war, plötzlich „eine neue liberale Milde“. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Die FDP will nicht nur in Rheinland-Pfalz regieren, sondern auch in Baden-Württemberg, und der promovierte frühere Gymnasiallehrer will Superminister werden.

Er saß im Pforzheimer Gemeinderat, wurde 2001 in den Vorstand der Südwest-FDP und 2006 in den Landtag gewählt. Schon gut drei Jahre später bot sich die erste Gelegenheit, den eigenen Machtwillen unter Beweis zu stellen. Rülke, dem von Freund und Feind eine besonders schnelle Auffassungsgabe bescheinigt wird, schlug den völlig überraschten Fraktionschef Ulrich Noll aus dem Feld. Das böse Wort vom Putsch machte die Runde.

„Geräuschloser“ mit CDU zusammenarbeiten

Lange aufhalten mochte sich der Vater von drei Kindern mit solchen Vorwürfen nicht. Vielmehr kündigte der Neue an, „geräuschloser“ mit der CDU zusammenzuarbeiten als sein Vorgänger. Da kam gelegen, dass auf Günther Oettinger mit Stefan Mappus, ein anderer, mit Rülke freundschaftlich verbundener Pforzheimer Ministerpräsident wurde. Gemeinsam wollten die beiden 2011 eine Landesregierung bilden. Dass es dazu nicht kam, lag übrigens nicht an der CDU, die trotz Stuttgart 21 und Fukushima immerhin 39 Prozent einfuhr, während die Liberalen sich mit 5,3 Punkten nur so ganz knapp über die Fünf-Prozent-Hürde ins Parlament retteten.

Wie ein Racheengel nahm der 49-Jährige 2011 Platz in der ersten Reihe und bekam bald den Namen „Brüllke“, auch weil er sich mit Vorliebe an Winfried Kretschmann und dessen Partei abarbeitete: Den Ministerpräsidenten taufte er in der Griechenland-Debatte um in „Wilfridos Kretschmannakis“, dessen Konterfei ein Schulden-Ouzo ziere, zugleich sollte er „Häuptling gespaltene Zunge“ sein, ein Freund „zwar von Lurchen, Molchen, Honig und Gsälz, nicht aber der Menschen“ in Baden-Württemberg, ein „Heuchler“, „Sonntagsfahrer“ und „Spießbürger“, der sich als oberschwäbischer Gemütsmensch verkaufe und doch bloß eine „Kunstfigur“ aus dem Staatsministerium sei.

Wenn Rülke nach der Landtagswahl und den voraussichtlich zähen Koalitionsverhandlungen tatsächlich Platz nimmt am Kabinettstisch, wird er auch auf die Nachsicht oder das kurze Gedächtnis des neuen Chefs bauen müssen.

„Du kannst Rülke nicht ändern“

2016 wäre eine grüngeführte Ampel, wie sie jetzt von so vielen Liberalen mangels Mehrheit mit der CDU doch favorisiert wird, schon möglich gewesen. Da trat Rülke die Variante noch vor dem Wahltag aus. Der Blick zurück lohnt dennoch. Denn er zog vor fünf Jahren mit einem selbstironischen Slogan in die Wahl, der 2021 seine verspätete Erfüllung finden könnte: „Du kannst Rülke nicht ändern, aber Rülke etwas im Land“. Der Slogan gefalle seiner Frau so sehr, erzählte er damals mit einem seltenen Augenzwinkern, dass sie ihn daheim aufhängen wolle. Nur werde er dann einen Satz von Marlene Dietrich daneben hängen: „Die meisten Frauen setzen alles daran, einen Mann zu ändern. Und wenn sie ihn dann geändert haben, mögen sie ihn nicht mehr.“

Es wird im Falle des Falles spannend sein zu beobachten, wie sich Rülke selber noch mag, wenn er in der neuen Rolle als Minister grüne und rote Positionen öffentlich mit vertreten und sogar verteidigen muss.


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