Hasen-Streit zu Ostern: Wie viele Langohren gibt es wirklich?

Karlsruhe (BNN) – Der Bestand an Hasen erholt sich, jubelt der Deutsche Jagdverband. Tierschützer behaupten das genaue Gegenteil. Was stimmt denn nun?

Wie viele Feldhase existieren in Deutschland? Der Großteil der Experten folgt den Zahlen des Jagdverbands. Foto: Patrick Pleul/dpa

© picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Wie viele Feldhase existieren in Deutschland? Der Großteil der Experten folgt den Zahlen des Jagdverbands. Foto: Patrick Pleul/dpa

Der Osterhase ist ein Mythos – der Feldhase nicht. Trotzdem gibt er ausgerechnet jetzt, so kurz vor dem Osterfest, Rätsel auf. Gibt es im Land nun mehr oder weniger Hasen? Während die einen über wachsende Bestände jubeln, unterstellen die anderen eine falsche Zählweise. Im Streit um das Niederwild stehen sich Tierschützer und Jäger mit unterschiedlichen Positionen gegenüber.

Die gute Nachricht zuerst: Sie kommt von der Wildforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg in Aulendorf. Die hatte Anfang der Karwoche die frohe Botschaft verkündet: Auf den Feldern im Land hoppeln so viele Hasen wie seit einem Viertel Jahrhundert nicht. Das jährlich stattfindende große Feldhasenmonitoring habe gezeigt, dass sich auf einem Quadratkilometer offener Fläche 16 Langohren tummeln. Das seien so viele Feldhasen wie nie zuvor seit Beginn der Zählung vor 25 Jahren. Besonders dicht ist das Hasenvorkommen demnach im Tiefland des Mittleren und Nördlichen Oberrheins.

Tierschützer halten Hasenzählung für nicht seriös

Der Deutsche Jagdverein (DJV) stieß ins selbe Horn und verkündete seinerseits und zeitgleich den Deutschlandtrend: Mit ebenfalls 16 Hasen pro Quadratkilometer sei auch bundesweit einer der höchsten Werte seit Beginn der Erhebung vor rund 20 Jahren gemessen worden. „Damit setzt sich eine positive Entwicklung der vergangenen Jahre fort“, freute sich DJV-Sprecher Torsten Reinwald.

Im krassen Gegensatz dazu stehen aber die Äußerungen des Vorsitzenden des Vereins Wildtierschutz Deutschland, Lovis Kauertz. „In den vergangen zehn Jahren ist der Bestand der Feldhasen in Deutschland weiter dramatisch zurückgegangen“, lässt er in seiner Pressemitteilung verlauten. Die Ergebnisse der seitens des Deutschen Jagdverbands veröffentlichten Daten zu bundesweiten Hasenzählungen hält er für nicht seriös.

Offenbar gibt es bei der Hasenzählung sehr unterschiedliche Herangehensweisen. In Aulendorf wird seit 1997 die Feldhasenpopulation mittels Scheinwerfertaxation gezählt. Zwei Mal im Jahr erfassen Jagdrevierinhaberinnen und -inhaber die Anzahl der Hasen in ihren Revieren. „Dabei werden festgelegte Routen mit einem Fahrzeug abgefahren, definierte Offenlandareale abgeleuchtet und die somit erfassten Individuen gezählt. Über die standardisierte Scheinwerferreichweite und die abgefahrene Strecke kann die abgeleuchtete Fläche – die Taxationsfläche – berechnet werden, und mit dieser wiederum die relative Dichte der Feldhasen pro Flächeneinheit“, erklärt Julien Glanz. Er ist der stellvertretende Leiter der Wildforschungsstelle Baden-Württemberg. Von seiner Methode ist er überzeugt: „Sie ist wissenschaftlich fundiert.“

Zahl der toten Tiere laut Tierschützer maßgeblicher

Wildtierschützer Lovis Kauertz sieht das anders: „An der Zählung nehmen ausschließlich Jäger oder Jagdpächter teil, in deren Revieren Feldhasen vorkommen. Jagdrevierinhaber ohne oder ohne bedeutende Feldhasenvorkommen werden mehrheitlich nicht an der Taxation teilnehmen“, lautet sein Argument. Die Bestandszahlen pro 100 Hektar Fläche reflektierten allenfalls die Zahl der Hasen in den „besseren“ Hasenrevieren. „Schon alleine deshalb können sie nicht auf die gesamte Fläche, die als Lebensraum für Hasen in Frage kommt, hochgerechnet werden. Sie sind nicht repräsentativ“, meint er.

Für Kauertz sind die jährlich im Rahmen der Jagd getöteten Tiere, die auch das sogenannte Fallwild, also zum Beispiel Verkehrsopfer, beinhalten, das viel bessere Indiz. „2011 wurden noch 367.000 Tiere gezählt. 2021 waren es nur noch 145.000.“ Weniger tote Hasen – das spreche dafür, dass es auch weniger lebende gibt. „Die Jägerschaft verbreitet Zahlen, die einen angeblich positiven Entwicklungstrend wiedergeben. Aber diese sind irreführend“, so Kauertz.

Julien Glanz hält dagegen: „Die Jagdstrecke, die nur die Anzahl der getöteten Tiere zeigt, sagt nichts darüber aus, wie viele Hasen wirklich unterwegs sind.“ Es gebe schließlich auch Jäger, die ganz viele Hasen im Revier haben und diese nicht schießen. Die Methodik der Zählungen lässt sich ganz einfach so zusammenfassen. „Wir zählen die Lebenden und die die Toten“, sagt Glanz. Grundsätzlich halte er die Lebendzählung für eine robuste Methode. „Sie bezieht alle mit ein. Die, die jagen und die, die nicht jagen.“

Feldhase steht auf der Roten Liste

Fest steht, dass der Feldhase früher in relativ hohen Dichten in ganz Deutschland vorkam. Seine Bestände sind in den vergangenen Jahrzehnten überall stark zurückgegangen. Experten gehen davon aus, dass Lebensraumveränderungen, vor allem die Intensivierung der Landnutzung, europaweit zu den Bestandseinbrüchen geführt haben. Der Einsatz von Dünger und schweren Maschinen, sowie die Reduzierung der Brachflächen machten Meister Lampe das Leben schwer. In Deutschland wird die Art auf der Roten Liste geführt.

Der Großteil der Experten folgt den erhobenen Daten des Jagdverbands. Laut der Deutschen Wildforschungsstelle steigt die Zahl nach einem Tiefststand 2017 nun langsam wieder an. Der relativ milde Winter 2020/21 habe den bedrohten Feldhasen im vergangenen Jahr beim Nachwuchs auf die Sprünge geholfen. Dass sich der Aufwärtstrend auch im laufenden Jahr fortsetze, sei durchaus möglich, sagte Torsten Reinwald vom Jägerverband.

Im März, wenn die ersten Junghasen geboren werden, sei es diesmal relativ trocken gewesen. „Die Kombination von nass und kalt – wenn die länger anhält, dann ist das schlecht für die Feldhasen.“ Denn bei feucht-kalter Witterung bestehe die Gefahr, dass die neugeborenen Hasen auskühlen und sterben. Eine schützende Höhle wie etwa Kaninchen haben Feldhasen nicht.

In eigener Sache

Das Badische Tagblatt und die Badischen Neuesten Nachrichten bündeln ihre journalistischen Kräfte und erweitern damit das umfangreiche Leseangebot in Mittelbaden. Noch arbeiten die beiden Redaktionen getrennt, tauschen jedoch schon gegenseitig Inhalte aus. Davon sollen vor allem die Leser profitieren – durch mehr Hintergründe, Reportagen und mehr Service. Deshalb werden auf badisches-tagblatt.de auch Artikel von BNN-Redaktionsmitgliedern veröffentlicht.

Ihr Autor

BNN-Redakteurin Sibylle Kranich

Zum Artikel

Erstellt:
16. April 2022, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 44sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.