Hassan und Fatme im Schloss des „Türkenlouis“

Rastatt (sl) – Die Staatlichen Schlösser und Gärten schlagen in ihrem Themenjahr „Exotik“ ein wenig beschriebenes Kapitel auf und beschäftigen sich mit fremden Menschen an deutschen Adelshöfen.

Besiegt, gefangen, verschleppt: „Beutetürken“ aus Gips als Trophäen des siegreichen Feldherrn Ludwig Wilhelm im Ahnensaal. Es gab sie aber auch aus Fleisch und Blut. Foto: Günther Bayerl

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Besiegt, gefangen, verschleppt: „Beutetürken“ aus Gips als Trophäen des siegreichen Feldherrn Ludwig Wilhelm im Ahnensaal. Es gab sie aber auch aus Fleisch und Blut. Foto: Günther Bayerl

Sie hießen Hassan, Fatme oder Feodor und waren Menschen aus fernen Weltgegenden, die an europäischen Adelshöfen des 18. Jahrhunderts lebten – auch im Rastatter Schloss. Viele dieser Menschen waren Verschleppte aus den sogenannten Türkenkriegen oder Sklaven. Die Staatlichen Schlösser und Gärten laden am Donnerstag, 18. November, im Rahmen ihres Themenjahrs „Exotik“ alle Interessierten zu einem digitalen Werkstattgespräch über dieses sensible Thema ein. Im Vorfeld hat BT-Redakteur Sebastian Linkenheil dem Projektleiter für das Themenjahr, Cem Alaçam, einige Fragen gestellt.

Cem Alaçam ist bei den Staatlichen Schlössern und Gärten Projektleiter für das Themenjahr „Exotik“. Foto: Simone Staron

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Cem Alaçam ist bei den Staatlichen Schlössern und Gärten Projektleiter für das Themenjahr „Exotik“. Foto: Simone Staron

BT: Herr Alaçam, Kinder mit Namen wie Hassan, Fatme und Feodor sitzen heute sicher in vielen Rastatter Schulklassen. Doch vor 300 Jahren gab es an Adelshöfen schon Menschen mit exotisch klingenden Namen. Woher kamen sie und wie gelangten sie nach Europa?
Cem Alaçam: …aus aller Herren Länder! Wir haben für die badischen, württembergischen und kurpfälzischen Schlösser Menschen aus den osmanischen Teilen Europas, aus Asien, Afrika und den beiden Amerikas. Woher genau sie kamen, lässt sich aber nur in einem Teil der Fälle sagen, das heißt, wenn die Quellen sich tatsächlich dazu äußern. Hinzu kommt das Problem, dass die Begriffe, die man für diese Menschen verwendete – also „Türken“, „Mohren“, „Tataren“ und Ähnliches – zeittypische Verallgemeinerungen darstellen, denen wir heute im Hinblick auf ihre ethnische Aussagekraft mit großer Skepsis begegnen müssen. Um ein konkretes Beispiel zu nennen, wie vielfältig das Phänomen der „fremden Menschen bei Hofe“ ist, sei zum Beispiel auf Feodor Iwanowitsch Kalmück aus Karlsruhe hingewiesen. Er soll – wie sein Name schon sagt – seiner ethnischen Herkunft nach ein Kalmücke gewesen sein. Die Kalmücken sind ein westmongolisches Volk zumeist buddhistischen Glaubens. Hierzu noch eine kleine Randnotiz: Die Kalmücken haben bis heute Ihre Heimat auch in Europa! Sie leben unter anderem im Nordwesten des Kaspischen Meeres, eine Region, die geografisch am östlichen Rande Europas liegt. Um zum zweiten Teil Ihrer Frage zu kommen: Wie die Mehrzahl der fremden Menschen nach Europa gelangt sind, hat mit Krieg aber auch Kolonialismus beziehungsweise dem transatlantischen Sklavenhandel zu tun. Bei den von uns in den Blick genommenen Menschen handelt es sich nie oder nur selten um freiwillig gekommene, sondern ganz häufig um Verschleppte. Viele wurden zudem weiterverschenkt, weiterverkauft oder weitervererbt.

BT: Die Historiker hatten diese Menschen bisher kaum im Blick. Woher kommt das plötzliche Interesse?
Alaçam: Das Interesse ist eigentlich kein neues beziehungsweise plötzliches. Forscher wie der im vergangenen Jahr verstorbene Prof. Hartmut Heller oder Dr. Monika Firla haben sich jahrzehntelang damit beschäftigt. Monika Firlas Engagement für das Thema ist bis heute ungebrochen. Aber auch die Podiumsgäste unseres Werkstattgesprächs – Dr. Anne Kuhlmann-Smirnov und Prof. Rebekka von Mallinckrodt haben in den letzten 15 Jahren wichtige Beiträge zu dem Thema geleistet. Zudem gibt es immer wieder auch – zum Teil gut recherchierte – historische Romane zu einzelnen Menschen, denen man an unseren Höfen begegnen konnte. Aber die Forscher, die an dem Thema dran sind, sind insgesamt nicht eben viele – wenn ihre Zahl in den letzten Jahren auch stetig wächst. Dass das Thema aber bisher nicht in der Breite des deutschen Südwestens erforscht wurde, vor allem Baden und die historische Kurpfalz sind hier zu nennen, ist ein Versäumnis, das wir angehen müssen.

BT: Weiß man denn, ob es auch am Rastatter Hof „Kammertürken“ und „Hofmohren“ gegeben hat?
Alaçam: Ja, beides hat es gegeben, also „Türken“ und „Mohren“. Ob sie tatsächlich auch als Kammerdiener gearbeitet haben oder was sonst ihre Rollen gewesen sind, ist aber ungeklärt. Auch ihre genaue Zahl ist aktuell noch nicht zu beziffern. Hier bemühen wir uns, Abhilfe zu schaffen. Der im Titel der Tagung erwähnte Hassan aber gehört zur markgräflichen Familie. Mir bis dato unbekannt ist allerdings, ob er ein „türkischer“, „afrikanischer“ oder auch ein schwarzer Junge aus dem Osmanischen Reich gewesen ist.

BT: Weiß man etwas über ihr Leben?
Alaçam: Bisher leider nur sehr wenig. Fatme ist da allerdings eine Ausnahme. Über sie kann man tatsächlich einiges lesen. Ob alles so stimmt, was über sie kolportiert wird und wurde, steht allerdings noch einmal auf einem anderen Blatt. Sie soll jedenfalls zunächst durch die Hände Herrmanns von Baden, aber auch durch die Hände seines Neffen, des „Türkenlouis“‘ gegangen sein. Ein konkreter Hofbezug ist allerdings noch nicht herzustellen.

Vier rätselhafte Damen im orientalischen Gewand

Die Porträts von Damen im orientalischen Gewand, die im Rastatter Schloss hängen, regen die Fantasie an und geben den Experten noch Rätsel auf.Foto: Arnim Weischer

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Die Porträts von Damen im orientalischen Gewand, die im Rastatter Schloss hängen, regen die Fantasie an und geben den Experten noch Rätsel auf.Foto: Arnim Weischer

BT: Was hat es mit den vier Porträts der Damen im orientalischen Gewand auf sich, die im Rastatter Schloss hängen?
Alaçam: Gute Frage! Bisher stützt man sich bei der Bewertung der vier Gemälde auf eine süffisante Aussage Alexandre Dumas, des berühmten Autors von „Die drei Musketiere“ und „Der Graf von Monte Christo“. Nach seinem Besuch in Schloss Rastatt Ende September 1838 schreibt er: „Ein dritter Saal beherbergt eine ebenso seltene Kuriosität: vier Porträts in Lebensgröße von den vier Frauen des Pascha, die der Sieger als Gefangene nach Rastatt gebracht hatte. Dieser Teil der Kriegsbeute, so wird versichert, sei der Markgräfin am wenigsten willkommen gewesen.“ Dass in dieser Aussage des Autors ein gutes Maß „Orientalismus“ mitschwingt, ist klar. Im 19. Jahrhundert liebte man es, zumal in seinem Heimatland Frankreich, sich im Hinblick auf den „Orient“ solchen erotischen Fantasien hinzugeben. Es hört sich so an, als habe Dumas diese Geschichte irgendwo vor Ort, also in Rastatt selbst, aufgeschnappt. Wir recherchieren aktuell in dieser Frage, verfügen aber noch über keine belastbaren Ergebnisse.

BT: Was versprechen Sie sich von dem digitalen Werkstattgespräch am 18. November?
Alaçam: Das Werkstattgespräch ist der Startschuss zu einem längerfristigen Engagement der Staatlichen Schlösser und Gärten in der Beschäftigung mit den „Fremden bei Hofe“ als Phänomen des europäischen Exotismus. Wir haben ganz bewusst das offenere Format des Werkstattgesprächs gewählt, weil wir bei dem Thema noch ganz am Anfang stehen. Wir wollen uns dieses Forschungsfeld zusammen mit unserem Publikum neu eröffnen. Wir verstehen uns hier als lernende Institution. Eines aber ist klar, bevor wir die Vermittlungsarbeit weiter vorantreiben können, müssen wir uns zunächst der Forschung widmen. Auch diesem Zweck dient das Werkstattgespräch, der Vernetzung mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in dem Feld.

Figur des „Türkenlouis“ muss man heute differenziert betrachten

BT: In Rastatt leben viele Menschen mit Migrationsbiografie. Es gibt auch viele Rastatter, deren Eltern oder Großeltern beispielsweise aus der Türkei kamen. Bei ihnen kommt eine Figur wie der sogenannte „Türkenlouis“ vielleicht nicht so gut an, oder?
Alaçam: Die Figur des „Türkenlouis“ ist heute natürlich differenziert und reflektiert zu betrachten – völlig klar, und zwar nicht nur für Menschen mit Großeltern aus der Türkei. Unsere Aufgabe als Treuhänder und Erklärer des Kulturerbes ist es aber, dieses historisch einzuordnen. Heute kann es jedenfalls nicht mehr genügen, den Markgrafen nur als großen Feldherren in den sogenannten Türkenkriegen – der er zweifellos war – zu präsentieren. Eine solche Darstellung griffe entschieden zu kurz. Andererseits ist klar, verschleppte Menschen – um zu unserem Thema zurückzukommen – hat es auf beiden Seiten gegeben. Und manche von diesen Menschen sind tatsächlich auch am osmanischen Hof in Istanbul gelandet – ebenfalls ein hoch spannendes Thema. Ganz wichtig ist: Wir lassen den historischen „Türkenlouis“ nicht in verengter Weise zu einem Hindernis für unsere Vermittlungsarbeit werden, sondern begreifen seine Geschichte im Gegenteil als Chance und Möglichkeit, einen offenen, durchaus auch kontroversen Dialog anzustoßen.

BT: Das Rastatter Schloss kann von einer, wenn auch leider kriegerischen, gemeinsamen Geschichte erzählen. Aber haben sich osmanische und europäische Kultur nicht auch gegenseitig befruchtet?
Alaçam: Ganz klar, das haben Sie, obwohl das natürlich auch ein mittlerweile etwas angestaubtes Narrativ ist. Viel spannender und relevanter für heutige Verhältnisse ist es zu fragen, wie die Konflikte und Perspektiven aus der Vergangenheit heute noch nachwirken. Wie sich etwa unser heutiger Blick auf Menschen ferner Herkunft und fremder Kultur verändert hat – aber auch wo sich heute noch Kontinuitäten zeigen, die auf ererbten Stereotypen aus der Vergangenheit beruhen.

BT: Gibt es eigentlich Ansätze, wie man Menschen mit Migrationsbiografie für Schlossbesuche gewinnen kann?
Alaçam: Natürlich. Aber eines muss man betonen: Wenn wir davon sprechen, Menschen mit Migrationsbiografie besser als bisher anzusprechen, dann bemühen wir uns nicht eben um eine kleine Gruppe, sondern sprechen in vielen Städten und Landkreisen von rund 50 Prozent der Bevölkerung. Damit das gelingt, brauchen wir differenzierte und nuancierte Erzählungen über unser kulturelles Erbe und vor allem auch gesellschaftlich relevante Themen. „Fremde bei Hofe“ halten wir für eben ein solches Thema!

Expertengespräch und Spielfilm

Die Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg laden am 18. November von 15.30 bis 21.30 Uhr ein zu einem digitalen Werkstattgespräch mit dem Titel „Hassan, Fatme, Feodor. Fremde Menschen an deutschen Adelshöfen“. Vertreter aus Forschung, Gesellschaft und Kulturpolitik widmen sich dem Thema der „Fremden bei Hofe“. Der österreichische Regisseur Markus Schleinzer präsentiert zudem seinen Spielfilm „Angelo“ (2018) über den Wiener „Hofmohren“ Angelo Soliman. Anmelden kann man sich auf der Internetseite der Staatlichen Schlösser und Gärten. Dort findet man auch das genaue Programm.


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