Haus Paulus: Nach Chaosphase beginnt Aufarbeitung

Rastatt (sie ) – Das Landratsamt Rastatt hat am Dienstag die Vorwürfe gegen die Betreiber des Haus Paulus konkretisiert, die zur Strafanzeige führten. Der Betreiber Kursana widerspricht.

Ort staatsanwaltlicher Ermittlungen: Im Pflegeheim Haus Paulus in Rastatt sind nach einem Corona-Ausbruch 15 Senioren gestorben. Der Betreiber Kursana wehrt sich gegen Vorwürfe des Landratsamts. Foto: Hans-Jürgen Collet

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Ort staatsanwaltlicher Ermittlungen: Im Pflegeheim Haus Paulus in Rastatt sind nach einem Corona-Ausbruch 15 Senioren gestorben. Der Betreiber Kursana wehrt sich gegen Vorwürfe des Landratsamts. Foto: Hans-Jürgen Collet

Stefanie Fritsch hadert mit der Situation. Ihr Vater starb am 4. Januar nach einer Corona-Infektion, die er sich im Haus Paulus in Rastatt eingefangen hatte. Das Landratsamt Rastatt hat jetzt Anzeige gegen den Betreiber des Pflegeheims erstattet, die Kursana GmbH. Hygienemängel sollen dazu beigetragen haben, dass sich das Virus schnell im gesamten Haus verbreiten konnte. Fritsch hatte diesen Verdacht bereits früher geäußert. Der Betreiber widerspricht. „Es ist alles so bitter“, sagt Fritsch. Für ihren Vater kommen die Ermittlungen, die die Staatsanwaltschaft Baden-Baden eingeleitet hat, zu spät.
Trotzdem ist sie froh, dass der Corona-Ausbruch und seine schweren Folgen aufgearbeitet werden.

15 Senioren sind seit Weihnachten gestorben, 55 der rund 80 Bewohner haben sich infiziert. Zunächst war das Virus nur in einer Wohngruppe ausgebrochen, schnell erfasste es aber weitere Bereiche. Die Kreisbehörde sieht unter anderem Anhaltspunkte für die Straftatbestände der fahrlässigen Tötung, Körperverletzung und unterlassenen Hilfeleistung.

„Grundlegende Hygienemaßnahmen nicht umgesetzt

Eva Schultz, Leiterin des Gesundheitsamts, sagte am Dienstag: „Grundlegende Hygienemaßnahmen wurden nicht umgesetzt.“ Als Beispiele nannte sie eine unzureichende Handdesinfektion oder Mängel beim Wechsel von Schutzkleidung.

Der Betreiber sieht das anders. Ein Kursana-Sprecher teilt auf Anfrage unserer Redaktion schriftlich mit: „Den Vorwurf in der Pressemitteilung des Landratsamts, wonach zwischen den beanstandeten Mängeln einerseits und der Verbreitung des Coronavirus im Haus andererseits ein kausaler Zusammenhang besteht, weisen wir entschieden zurück.“ Dass sich das Virus verbreite, sei trotz umfassender Schutzkonzepte nicht immer zu verhindern, wie sich bundesweit und an weiteren Beispielen im Landkreis zeige.

Seit dem 7. Januar fänden regelmäßige Begehungen und Überprüfungen der Einrichtung statt. Die Heimaufsicht des Landratsamts habe dabei auf „Qualitätsabweichungen“ hingewiesen. Auf konkrete Mängel geht der Sprecher in seiner Stellungnahme nicht ein. Er beteuert: „Wir nehmen jegliche Hinweise ernst und gehen diesen nach, um eine bestmögliche Versorgung sicherzustellen.“

„Man hätte schon früher reingehen sollen“

Fritsch fragt sich unterdessen, warum die Überprüfung erst am 7. Januar begonnen hat, mehr als zwei Wochen nach dem ersten positiven Corona-Test im Heim. „Man hätte schon früher reingehen sollen“, übt sie auch Kritik an der Arbeit der Heimaufsicht. Sie spekuliert, dass auch die Weihnachtsfeiertage und der Jahreswechsel zu einer Verzögerung geführt haben könnten.

Sébastien Oser, Leiter des Corona-Krisenstabs beim Landratsamt, verweist darauf, dass der Behörde zuvor keine Hinweise auf Missstände von Angehörigen vorlagen. In der ersten „Chaosphase“ des Ausbruchsgeschehens sei es darum gegangen, den Pflegebetrieb sicherzustellen.

Darüber hinaus sei es stets eine schwierige Abwägung, eine Heimbegehung durchzuführen, vor allem während eines „extremen Infektionsgeschehens“. Auch Schultz verweist auf den hohen personellen und zeitlichen Aufwand, der damit verbunden sei, sowohl bei der Heimaufsicht als auch beim Betreiber.

„Gefährliche Pflege“

Mittlerweile hat es laut Oser mehrere Begehungen gegeben, bei denen auch pflegerische Mängel unabhängig vom Corona-Infektionsgeschehen protokolliert worden seien. Als Beispiele nennt er eine mangelhafte Wundversorgung oder falsche Medikamentengaben. Oser spricht von „gefährlicher Pflege“. Als Sofortmaßnahme hat das Landratsamt angeordnet, dass weiterhin keine neuen Senioren einziehen dürfen. Außerdem müssen sechs besonders pflegebedürftige Bewohner das Heim verlassen. Drei haben bereits andere Plätze gefunden, für drei werden Lösungen gesucht. In den kommenden Wochen muss Kursana darüber hinaus dafür sorgen, dass ein externer Gutachter alle Bewohner untersucht. Sollten sich daraus weitere Hinweise auf Pflegemängel ergeben, könnte die Teilschließung ausgeweitet werden.

Fritsch hofft, dass das Ermittlungsverfahren Antworten liefert, die sie bislang nicht bekommen hat und die ihr helfen, den Tod ihres Vaters besser zu verarbeiten: „Es gibt noch zu viele offene Fragen.“

Die Ermittlungen

Das Landratsamt sieht Hinweise darauf, dass es einen großen Personenkreis geben könnte, deren Handlungen zu den Mängeln geführt haben. Sébastien Oser spricht zum einen von „verantwortlichen Personen“ in der Einrichtung. Es stelle sich zum anderen die Frage, ob der Betreiber seiner Verantwortung gerecht geworden sei, die notwendigen Strukturen zu schaffen, um den Betrieb ordnungsgemäß sicherzustellen.

Der Fokus der Ermittlungen richtet sich laut Oser nur auf das Haus Paulus in Rastatt. Für den zweiten Kursana-Standort im Landkreis, das Haus Franziskus in Gaggenau, gebe es keine Hinweise. Auch dort war es zu einem Corona-Ausbruch gekommen, bei dem ein Bewohner starb. „Die pflegerische Versorgung und die Verantwortung wurden dort voll ausgeübt“, sagt Oser. Es gebe auch unabhängig von Corona keine Hinweise auf pflegerische Mängel. Deshalb habe das Landratsamt auch keine Bedenken, dass geplant sei, zwei Senioren von Rastatt nach Gaggenau zu verlegen.

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Ihr Autor

Holger Siebnich

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Erstellt:
1. Februar 2022, 18:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 26sec

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