Im Murgtal gibt es zu wenig Hausärzte

Gaggenau (ama) – Eine Gaggenauerin findet trotz akuter Gesundheitsprobleme keine Praxis im Murgtal. Eine Praxis in Baden-Baden hält daher erst mal als Notlösung her.

Große Ungewissheit: Aileen Erdem aus Gaggenau hat mittlerweile eine Medizinerin in Baden-Baden gefunden. Ob sie ihre Hausärztin wird, ist aber nach wie vor offen. Foto: Adrian Mahler

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Große Ungewissheit: Aileen Erdem aus Gaggenau hat mittlerweile eine Medizinerin in Baden-Baden gefunden. Ob sie ihre Hausärztin wird, ist aber nach wie vor offen. Foto: Adrian Mahler

Aileen Erdem landete mit gesundheitlichen Beschwerden im Krankenhaus. Danach sollte sie einen Hausarzt aufsuchen, der ihre Gesundheit im Auge behält. Doch im Murgtal findet sie keine Praxis.

Pulsierende Schmerzen übermannen sie. Ein Migräneanfall, wie Aileen Erdem ihn noch nie erlebt hat. „Ich hatte am Sonntag keine Kraft in den Beinen und konnte nicht aufstehen. Nichts ging mehr“, sagt die Gaggenauerin. Als die Schmerzen unerträglich werden, ruft ihr Mann Serkan den Notarzt. Der stellt bei seiner Frau schließlich einen sehr hohen Blutdruck fest.

Sie kommt ins Krankenhaus nach Rastatt, wird an einen Tropf gehängt. Kurze Zeit später geht es ihr besser. Doch die Ärzte sagen ihr, dass sie zeitnah einen Hausarzt aufsuchen müsse. Der soll ihren Blutdruck langfristig überwachen. Doch Aileen Erdem hat keinen Hausarzt, weil ihrer in Rente gegangen ist. Am Montag startete die Suche: Aileen und ihr Mann Serkan rufen nach eigener Aussage bei fast allen Hausärzten im Murgtal an. Ohne Erfolg.

„Wir wurden überall abgewiesen“

„Wir wurden überall abgewiesen“, berichtet Serkan Erdem. Die Begründung sei immer gleich: „Tut uns leid, wir sind schon voll.“ Erdem betont: „Wir waren total verzweifelt und hilflos.“ Seine Frau Aileen sagt: „Ich mache mir große Sorgen um meine Gesundheit.“ Trotz ihrer Notlage keinen Hausarzt in Wohnortnähe zu finden, sei ein schlechtes Zeichen für die medizinische Versorgung im Murgtal.

Wie stark die Hausärzte ausgelastet sind, zeigt sich, wenn man einen von ihnen erreichen will. Oft ertönt am Telefon ein Besetztzeichen oder man wird von einer Arzthelferin abgewiesen. Ralph Zimmer nimmt sich aber Zeit für ein Gespräch. „Wir sind völlig am Anschlag“, sagt der Hausarzt aus Ottenau. Im Durchschnitt arbeite er rund 50 Stunden in der Woche.

Die Belastung sei in den vergangenen Jahren immer größer geworden. Früher habe es in Ottenau mal vier Hausärzte gegeben. Mittlerweile sei er der einzige im Stadtteil, gibt Zimmer zu bedenken.

Zwei Hausärzte in Gernsbach weggefallen

Von einer ähnlichen Situation berichtet die Gernsbacher Hausärztin Sigris Schumacher auf Anfrage. Allein 2021 sind nach ihrer Aussage zwei Hausärzte in Gernsbach weggefallen. Für die verbleibenden fünf bedeute das, etwa 20 Prozent mehr Patienten zu versorgen.

„Ich war vorher schon an der Obergrenze“, betont Schumacher. „Jetzt müssen wir irgendwie die Versorgung in Gernsbach aufrechterhalten. Ich arbeite regelrecht im Akkord.“

Auf den Hausärztemangel im Murgtal weist auch die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) hin. Der Maßstab dafür ist die Bedarfsplanung der KVBW. Diese regelt, wo sich wie viele Ärzte ansiedeln können. Pressereferentin Martina Troescher erläutert: Im Planungsbereich Gaggenau/Gernsbach (enthält auch Loffenau, Weisenbach und Forbach) liegt der Versorgungsgrad bei 80 Prozent und „ist damit deutlich unter dem Soll-Wert von 100 Prozent“. Um den zu erreichen, müssten sich im Murgtal etwa zehn Ärzte niederlassen (Stand 20. Oktober 2021).

Baden-Baden ist besser versorgt als das Murgtal

Zum Vergleich: Der Bereich Baden-Baden (inklusive Hügelsheim und Sinzheim) ist laut Troescher mit 112,1 Prozent deutlich besser versorgt und für weitere Niederlassungen sogar gesperrt. Im Planungsbereich Rastatt (insgesamt elf Kommunen von Au am Rhein bis Iffezheim) könnten sich derzeit sieben Ärzte niederlassen; der Versorgungsgrad liege bei 99 Prozent.

Aber warum ist die Versorgung im Murgtal vergleichsweise schlecht? „Es mangelt an jungen Ärzten“, sagt der Ottenauer Dr. Zimmer.

Martina Troescher von der KVBW bestätigt seine Vermutung: Die Zahl der in Rente gehenden Mediziner sei deutlich größer als die des Nachwuchses. „Viele junge Ärzte wollen als Angestellte und in Teilzeit arbeiten. Sie benötigen deshalb Praxisstrukturen, die sie häufig in den Städten und Ballungsgebieten finden.“ Das führe in ländlicheren Regionen wie dem Murgtal zu erheblichen Nachwuchsproblemen – insbesondere bei Hausärzten.

Zum Ärger kommt die Verwirrung

Das bekommt Aileen Erdem hautnah zu spüren. Nach den erfolglosen Anrufen wendet sich die Gaggenauerin Hilfe suchend an die KVBW. Dort habe man sie aber an ihre Krankenkasse verwiesen, erzählt sie. „Die hat wiederum die KVBW als Ansprechpartner genannt. Das ist völlig verwirrend.“

KVBW-Pressereferentin Troescher erklärt, dass „wir nicht nachvollziehen können, warum die Bürgerin nicht zu unserer Termin-Servicestelle vermittelt wurde“. Diese unterstütze nämlich alle Patienten, die einen Hausarzt suchen.

Serkan Erdem will die Suche nicht aufgeben. Er startete am Montag einen Hilferuf in einer Gaggenauer Facebook-Gruppe. Einige Nutzer empfehlen Ärzte im Murgtal. „Die meisten hatten wir schon angerufen“, erzählt Erdem. Bei ihm melden sich aber auch einige Leute, die ebenfalls keinen Hausarzt finden. „Wir sind nicht allein“, weiß er nun.

Für seine Frau bahnt sich am Montag außerhalb von Facebook eine Lösung an. Ein Freund ihres Vaters stellt den Kontakt zu einer Ärztin her. Doch die Praxis befindet sich in Baden-Baden. „Das ist eher eine Notlösung“, meint Aileen Erdem. „Ich will meinen Arzt eigentlich in der Nähe haben.“ Trotzdem ist sie froh, dass sie noch am Montag einen Termin bei der Hausärztin bekommen hat. Vorerst kann Erdem zu ihr kommen.

Wie es danach für sie weitergeht, weiß sie noch nicht: „Stand jetzt habe ich immer noch keinen Hausarzt.“

Ihr Autor

Adrian Mahler

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Erstellt:
19. Februar 2022, 06:30 Uhr
Lesedauer:
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