Hausmeister will seiner ukrainischen Heimat helfen

Durmersheim (BNN) – Zeichen der Solidarität mit der Ukraine setzt die Realschule Durmersheim. Sie sammelt für einen Hilfstransport ins ukrainische Heimatdorf von Hausmeister Georg Leonhardt.

Kistenweise Hilfsgüter: Hausmeister Georg Leonhardt (Mitte) sichtet mit Realschulrektor Frederik Rittler (links) und Koordinator Manfred Lutz die eingegangenen Spenden. Foto: Hans-Jürgen Collet

© Hans-Jürgen Collet

Kistenweise Hilfsgüter: Hausmeister Georg Leonhardt (Mitte) sichtet mit Realschulrektor Frederik Rittler (links) und Koordinator Manfred Lutz die eingegangenen Spenden. Foto: Hans-Jürgen Collet

Unten, dort wo eigentlich die Schulband ihren Raum hat, stapeln sich im Moment jede Menge Kartons. Sie alle sind in großen Buchstaben beschriftet. „Trockennahrung“, „Babypflege“, „Feuchttücher“ oder „Medizin“ ist darauf zu lesen – neben deutsch auch in polnischer und ukrainischer Sprache. Der Inhalt besteht aus einer Vielzahl von Spenden, die in der Durmersheimer Realschule in den vergangenen Wochen für Menschen aus der Ukraine gesammelt wurden.

Schon zu Beginn des Krieges hatte die Schule kurz nach den Fastnachtsferien mit über 600 Schülern ein eindrucksvolles Video produziert, bei dem ein überdimensionales Peace-Zeichen auf dem Schulhof entstand. Es entwickelte sich zugleich die Idee, eine eigene Spendenaktion zu initiieren, dessen Koordination Manfred Lutz, Fachlehrer für Ethik, Englisch und Deutsch, übernahm. Zwei Fahrzeuge machten sich schon Richtung Polen auf den Weg, um die Spenden an die ukrainische Grenze zu bringen, die dort an Flüchtlinge weiterverteilt wurden.

Konkretes Projekt der Realschule

Nun aber hat die Realschule ein ganz konkretes Projekt im Auge. In dessen Mittelpunkt steht Georg Leonhardt. Er ist Russlanddeutscher und seit zehn Jahren Hausmeister an der Realschule. Geboren wurde er in Pallasowka, einem 16.000-Einwohner-Städtchen wenige Kilometer entfernt von der russisch-kasachischen Grenze. „Anderthalb Jahre habe ich dort gelebt“, erzählt Leonhardt. Danach folgte aus familiären Gründen der Umzug nach Poljana – einem Ort im Westen der Ukraine in Transkarpatien, wo auch Leonhardts Mutter lebte. „Ich bin dort in den Kindergarten und in die Schule gegangen. 1990 sind wir dann nach Deutschland übergesiedelt“, erzählt Leonhardt. „Er ist die Seele dieser Schule“, sagt Rektor Frederik Rittler.

11.000 Flüchtlinge im Ort

Leonhardts Kontakte nach Poljana sind nie abgerissen. Sein Onkel und seine Tante leben dort und seine Cousine arbeitet im Rathaus. „Sie hat mir gesagt, dass momentan 11.000 Flüchtlinge im Ort sind, der aber nur etwa 5.000 Einwohner hat“, erzählt Leonhardt. Die Hilfsorganisationen und die örtlichen Behörden seien längst an ihre Grenzen gestoßen. Poljana gelte als Kurort mit vielen einzelnen, kleinen Häusern.

Die Hilfsbereitschaft der Einwohner sei riesengroß, wie Leonhardt von seiner Cousine erfahren hat. Aber der Bedarf an den wichtigen Dingen des Alltags, wie etwa Hygieneartikel, Toilettenpapier, Babynahrung Verbandsmaterial, Trockennahrung und Kleidung sei sehr hoch. „Wenn jemand entsprechende Utensilien abzugeben hat, kann er sie jederzeit am unteren Ende der Rampe neben dem Eingang der Realschule deponieren“, sagt Rektor Rittler.

Direkt vom Krieg betroffen sei Poljana, das nicht weit von der Grenze zur Slowakei entfernt liegt, bislang nicht. „Deshalb sind auch so viele Flüchtlinge dort“, sagt der Hausmeister. Aber Leonhardt senkt den Blick, wenn er darüber spricht, wie der Krieg in seiner Heimat wütet: „Ich hätte nie für möglich gehalten, dass so etwas in der Ukraine passiert.“ Fast jedes Jahr sei er in das Land gefahren, um Verwandte und Freunde zu besuchen. Nie habe er Hass gegenüber Russland zu spüren bekommen. „Was jetzt passiert ist einfach unerklärlich“, sagt er kopfschüttelnd.

Reinigungsfirma fährt Spendentransport

Die gesammelten Spenden sollen nun mit Unterstützung einer Firma an Ort und Stelle gebracht werden, die in der Realschule für die Gebäudereinigung sorgt. Leonhard will mitfahren und hofft, mit Unterstützung seiner Cousine auch einen Passierschein zu erhalten, damit der Transport schneller an sein Ziel kommt. „Es sind etwa 1.400 Kilometer nach Poljana, man fährt 16 bis 18 Stunden“, erklärt er. Über die Autobahn sei Poljana gut zu erreichen. Nur an der Grenze müsse man mit längeren Wartezeiten rechnen.

Wenn die große Spendenbereitschaft, die in der Realschule schon verzeichnet wurde, weiter anhält, plant der 49-Jährige trotz der schwierigen Verhältnisse, auch selbst mit dem eigenen Auto wieder in die Ukraine zu fahren: „Dann nehme ich einen Anhänger voller Spenden mit. Ich könnte freitagabends hinfahren und sonntags wieder zurück“, sagt er – und lässt keinen Zweifel, dass er solche Strapazen gerne auf sich nehmen würde, nur um den den Menschen in seiner Heimat zu helfen.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Stefan Maue

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Erstellt:
7. Mai 2022, 09:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 13sec

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