„Heaven’s Carousel“ hebt abends im Offenburger Kulturforum ab

Offenburg (cl) – Inspiriert vom Weltraum: Tim Otto Roths Licht-Klang-Skulptur „Heaven’s Carousel“ hebt bis 20. September abends im Offenburger Kulturforum ab. Sie wurde für die ESA entwickelt.

Verbindet die Astrophysik mit der Kunst: Der Oppenauer Konzeptkünstler und Komponist Tim Otto Roth, im Hintergrund das Klang-Ufo im Ruhezustand.  Foto: Daniel Braun/ZKM

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Verbindet die Astrophysik mit der Kunst: Der Oppenauer Konzeptkünstler und Komponist Tim Otto Roth, im Hintergrund das Klang-Ufo im Ruhezustand. Foto: Daniel Braun/ZKM

Corona hat das „Heaven’s Carousel“ des Schwarzwälder Konzeptkünstlers Tim Otto Roth ins Badische zurückkatapultiert. Eigentlich sollte die Licht-Klang-Installation beim World Science Festival im Himmel von Brisbane, Australien, rotieren – doch die Pandemie vereitelte die Präsentation, und damit kehrte das bereits verschiffte Werk postwendend nach Deutschland zurück. „Einen Tag vor unserem Abflug nach Australien wurde unser Projekt mit ,Heaven’s Carousel‘ gecancelt“, erzählt Tim Otto Roth im BT-Interview. Und danach hätte das Himmelskarussell, das zum 25-jährigen Jubiläum des Hubble Space Telescope der ESA im Jahr 2015 in Baltimore entwickelt wurde, noch in New York sein sollen. Das geht alles nicht.
Gut für die Offenburger, die Ortenaustadt ist eingesprungen und zeigt nun das „Heaven’s Carousel“ bis 20. September allabendlich von 20 bis 22 Uhr im Kulturforum bei freiem Eintritt – eine absolut coronataugliche Arbeit im Außenbereich für jung bis alt mit Roths neuen Kompositionen. Die begehbare Licht- und Klangskulptur aus 36 kugelförmigen, illuminierten Lautsprechern kreist in einer Spannweite von bis zu 16 Metern über dem Rasen des ehemaligen Kasernenhofs aus wilhelminischer Zeit.
Die Töne aus den einzelnen Lautsprechern bauen sich langsam auf: von anfangs drei, vier Lautsprechern, bis alle 36 klingen. Ein additiver Synthesizer verbindet die einzelnen Tonquellen und erzeugt den Gesamtklang des Ufos. Die unterschiedlichen Tonfrequenzen der Lautsprecher erzeugen unterschiedliche Farben: blau für höhere Töne, rot für dunklere. Immer stärker setzt die Rotation des Klang-Ufos ein, zwischendurch gerät es noch in Schräglage.

Fürs volle psychedelische Erlebnis: Mit der Iso-Matte drunterliegen

Je nach Betrachterstandort variiert die Wirkung: Tritt man von draußen in die Mitte, fängt der Klang an zu wabern – und man fühlt sich langsam wie in einem psychedelischen Lichtraum. Noch intensiver wird die Wahrnehmung, wenn man sich mit der Iso-Matte unter das Karussell legt. Der Klangeffekt verstärkt sich aber auch, je weiter man rausgeht aus dem Rotationsbereich von „Heaven’s Carousel“, weil die Geschwindigkeitsdifferenzen größer werden und sich der Klangraum ausdehnt. „Bei allen meinen klangbasierten Projekten ist der Raum ganz wichtig“, erklärt Roth sein künstlerisches Prinzip. „Es geht darum, was Klang mit dem Raum macht und wie er im Raum funktioniert.“ Und bei „Heaven’s Carousel“ generieren sich einzelne separierte Tonquellen erst lokal zum eigentlichen Klang, der ortsspezifisch ist, weil sich der Effekt quasi durch die Bewegung von innen nach außen verändert. Wenn also Klang- und Farbtöne gleichzeitig erlebbar werden, werden Hör- und Sehsinn des Betrachters gleichermaßen bespielt.
Hinter „Heaven’s Carousel“ steckt wie so oft bei Tim Otto Roth eine wissenschaftliche Idee. „Ich wollte ein Projekt machen, in dem die beschleunigte Ausdehnung des Universums ihren Widerhall findet“, sagt er. „Dazu ein künstlerisches Pendant zu finden, war ein sehr spannendes wissenschaftliches Konzept.“ Konzeptionell unterstützt von dem Physik-Nobelpreisträger Adam Ries habe er fast ein Jahr gebraucht, bis die Idee in ein Kunstprojekt umgesetzt war. Es funktioniert, wie eine Art Klangbeschleuniger. „Wir haben ja im unteren Bereich des Objekts eine stärkere Beschleunigung als im oberen. So eine ähnliche Funktion sieht man auch bei der Beschleunigung des Universums.“

Komposition benutzt den Klang von Wasserstoff

Die Hard- und Software von „Heaven’s Carousel“ wurde im Oppenauer Studio von Tim Otto Roth entwickelt. In seinen Kompositionen verbindet er nicht nur Mahlers erste Sinfonie „Titan“ mit indischen Klängen, sondern spielt auch mit den Schwingungsverhältnissen der Spektrallinien von Wasserstoff: Denn sie stehen in einem bestimmten mathematischen Verhältnis zueinander – und dieses wird übertragen auf die Tonabfolge: So klingt dann sonifizierter Wasserstoff. Alle 40 Minuten „loopt“ das Programm im Kulturforum.
Der gebürtige Oppenauer Roth (Jahrgang 1974) begibt sich in seinen Werken meist in höhere Sphären, baut Brücken zwischen Kunst und Wissenschaft – und sieht in einer konzeptuellen Kunst, die sich nicht mehr an der guten alten Malerei orientiert, sondern an modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die Zukunft der Kunst. „Die Astrophysiker haben ein so differenziertes Farbkonzept, das ist faszinierend. Und leiten aus Farben die Räumlichkeit“, sagt Roth – diesem Ansatz folgt auch er.

„Astrophysiker leiten aus Farbe Raum ab“


Seit bald 20 Jahren beschäftigt sich der promovierte Kunst- und Wissenschaftshistoriker damit, wie man Licht in Form eines Bilds gebannt bekommt. 2003 zeigte Tim Otto Roth sein erstes Projekt mit Astronomiebezug an einer öffentlichen Fassade in München. Für diesen Pixeltrip an der Grenze der Sichtbarkeit von Astro- und Teilchenphysik wurde er 2004 mit dem Internationalen Medienkunstpreis von ZKM und SWR ausgezeichnet. Er kooperiert mit Einrichtungen wie den Max-Planck-Instituten, dem Karlsruher Institut für Technologie oder dem CERN in Genf. 2010 realisierte er in Zusammenarbeit mit den Europäischen Südsternwarten (ESO) und der ESA eine Laserprojektion in Venedig, wo er auf einer Fassade aktuelle Spektraldaten des Hubble Space Telescopes pulsieren ließ. Daraus entstand die Auftragsarbeit „Heaven’s Carousel“ zum Jubiläum des Telescopes. Zuletzt war sie in Karlsruhe im Rahmen der Globale zu sehen. „Die Arbeit ist eigentlich ein Klassiker von mir“, sagt er. Sein neues Werk „Sun on Stage“ wurde bis Januar in der Jubiläumsausstellung des Bauhauses in Berlin gezeigt. Zu den allerneuesten Projekten gehört auch „Ice-Cube“: eine Klangarbeit mit 444 Lautsprechern in einem engen Kanal, entstanden aus einer Zusammenarbeit mit dem Observatory des Ice-Cube-Neutrino-Telescope, das im Eis des Südpols eingeschmolzen ist.

Entstanden zum Jubiläum des Hubble Space Telescope

Roths Arbeiten sind aber nicht nur wissenschaftsbasiert, sie sind auch voller Poesie. Mit den „Logistischen Phantasien“ inszenierte er in der Kunsthalle Jesuitenkirche Aschaffenburg sein erstes Ballett zu Maurice Ravels „Gaspard de la Nuit“, als er die Bewegungen der Tänzerin Zuzana Zahradníková (ehemals Primaballerina des Bayerischen Staatsballetts) als spektakuläres Figurenballett ins Kirchengewölbe projizierte.
Wie viele Künstler hat auch Tim Otto Roth in der Corona-Krise Absagen und Projektausfälle zu verkraften. Doch eines könnte im Herbst klappen: Wenn er die Staubkörnchen in der Luft des Kirchenraums von St. Gertrud in Köln mit seiner Licht-Klang-Skulptur tanzen lässt. Trotz aller internationalen Aufmerksamkeit lebt und arbeitet Tim Otto Roth weiter in seinem Heimatort Oppenau im Renchtal. Vor einem Jahr hat er sein neues Studio im Oppenauer „Schlössle“ eröffnet. Und nächstes Jahr könnte „Heaven’s Carousel“ dann doch in Brisbane aufgehen.

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Erstellt:
8. September 2020, 23:00 Uhr
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