Heinz Vollmer gründete erste COPD-Selbsthilfegruppe in Baden

Bühl/Ottersweier (mig) – Heinz Vollmer ist „regelrecht überrollt worden“, als er vor zehn Jahren die erste COPD-Selbsthilfegruppe in Baden gegründet hat. Zum ersten Treffen kamen 60 Betroffene.

Der Gründer der COPD-Selbsthilfegruppe Bühl, Heinz Vollmer aus Ottersweier, ist ausgebremst, aber er hat Hoffnung. Foto: Michaela Gabriel

© mig

Der Gründer der COPD-Selbsthilfegruppe Bühl, Heinz Vollmer aus Ottersweier, ist ausgebremst, aber er hat Hoffnung. Foto: Michaela Gabriel

Die Haustür ist angelehnt. Eine Stimme ruft: „Kommen Sie nur rein! Aber stolpern Sie nicht über den Schlauch.“ Im Treppenhaus vor der Wohnungstür stehen zwei große Sauerstoffbehälter auf Rollen. Sie zeugen davon, dass hier ein kranker Mann lebt. Bis zu 16 Stunden am Tag ist Heinz Vollmer auf künstliche Sauerstoffzufuhr angewiesen. Seit zehn Jahren lebt er von der Hoffnung.

Kurz nach seiner Verrentung 2011 bekam der heute 74-Jährige die Diagnose COPD. Diese Abkürzung steht für vier Wörter in englischer Sprache. Auf Deutsch meint sie eine chronische und fortschreitende Erkrankung der Lunge. Die Atemwege der Betroffenen sind dauerhaft entzündet und verengt. Am Anfang seiner Erkrankung hoffte der Ottersweierer noch auf Heilung. „Ich dachte, ich kann viel selber machen.“ Er versuchte vieles: Akupunktur und Ayurveda, anthroposophische Medizin und Naturheilkunde. Seine Erkenntnis: „Wirklich helfen können nicht viele. Die meisten wollen Geschäfte machen.“

Hoffnung hatte der ehemalige Buchhalter, der bis zu seinem 50. Lebensjahr geraucht hatte, auch in die Schulmedizin und die Forschung – und wurde enttäuscht. Drei Medikamente musste er von Anfang an einnehmen: eines erweitert die Bronchien, ein anderes entspannt die Atemmuskulatur. Kortison soll die Entzündungszustände im Zaum halten. Diese drei Medikamente gebe es inzwischen als Kombination. „Das ist das einzige, was sich in zehn Jahren getan hat“, beklagt Vollmer: „Die Forschung kommt nicht weiter. Die Krankheit ist nicht heilbar.“ Sie verkürze die Lebenserwartung um mehrere Jahre.

Diese Wahrheit muss er auch denen zumuten, deren Diagnose COPD noch frisch ist und die sich telefonisch an ihn wenden. „So ein Erstgespräch geht gut eine Dreiviertelstunde“, erzählt er. Es beginne meistens so: „Ich habe COPD. Was kann ich machen?“ Seine eigene Antwort darauf lautete vor zehn Jahren: Ich gründe eine Selbsthilfegruppe. „Es gab keine zwischen Karlsruhe und Freiburg. Ich bin regelrecht überrollt worden“, erinnert er sich.

Ein Weg aus der Isolation

Zum ersten Treffen in der Cafeteria des Bühler Krankenhauses seien 60 COPD-Betroffene aus einem Umkreis von Forbach bis Kehl gekommen. Drei Selbsthilfegruppen sind daraus entstanden. Die in Bühl leitet Vollmer seit zehn Jahren selbst, weitere gründeten sich in Kehl und Offenburg. Der 74-Jährige organisierte die regelmäßigen Treffen zuletzt im Haus Bühlot in Bühl. Er referierte selbst und lud Experten ein. Sich gut auszukennen mit der Krankheit sei wichtig, vermittelte er den anderen Erkrankten. Die Treffen gaben Gelegenheit zur Begegnung und zum Austausch. Sie waren ein Weg raus aus der Isolation, die sich schnell einstellen kann, wenn die Leistungsfähigkeit nachlässt.

Auch dagegen kämpfte Heinz Vollmer an. Er gründete eine Walking-Gruppe, an der er sich inzwischen nicht mehr beteiligen kann. Außerdem gehen zwei Lungensport-Gruppen auf seine Initiative zurück: in der Alois-Schreiber-Schule und und in einer Praxis für ambulante Reha in Bühl.

1.000 ehrenamtliche Stunden

Die Corona-Pandemie hat viele Treffen seiner COPD-Selbsthilfegruppe verhindert. Im Sommer habe er zweimal in einen Biergarten eingeladen. Doch manchem Erkrankten falle es schwer, sich in der Öffentlichkeit mit Sauerstoffflasche zu zeigen. Heinz Vollmer nutzte die Zwangspause auch, um Bilanz zu ziehen. 3.000 Besucher seien in zehn Jahren bei den Treffen und den von ihm organisierten Vorträgen gewesen. 1.000 ehrenamtliche Stunden seien zusammengekommen. Anerkennung gebe es kaum. Doch gar nichts zu tun, das liege ihm einfach nicht.

Seine chronische Lungenerkrankung ist inzwischen weit fortgeschritten. Mehrmals am Tag quält ihn das Gefühl ersticken zu müssen. Er kann seinen schönen Garten nicht mehr pflegen. Auf dem Weg zu seinem Auto muss er an der Haustür rasten, um zu Atem zu kommen. Die jüngste Verschlechterung führt er auch auf die Pandemie zurück: „Man ist viel weniger rausgegangen – aus Angst vor dem Virus und der hohen Wahrscheinlichkeit daran zu sterben.“

Doch Heinz Vollmer hat weiterhin Hoffnung. Am 15. November geht er in die Uniklinik Freiburg. Eine Operation an der Lunge soll seine Symptome lindern: „Ich hoffe, dass es mir danach wieder etwas besser geht.“ Dann hofft er, mit der von ihm gegründeten Selbsthilfegruppe in Bühl weitermachen zu können.

Zum Artikel

Erstellt:
8. November 2021, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 04sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.