Hengelbrock dirigiert Mozart im Festspielhaus

Baden-Baden (weit) – Zum Abschluss des Mozart gewidmeten Teils der Herbstfestspiele haben Thomas Hengelbrock und das Balthasar-Neumann-Ensemble zwei Meisterwerke des Komponisten erklingen lassen.

Weiß die Mozart-Meisterwerke zusammen mit dem Balthasar-Neumann-Ensemble virtuos in Szene zu setzen: Dirigent Thomas Hengelbrock. Foto: Florence Grandidier/Festspielhaus Baden-Baden

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Weiß die Mozart-Meisterwerke zusammen mit dem Balthasar-Neumann-Ensemble virtuos in Szene zu setzen: Dirigent Thomas Hengelbrock. Foto: Florence Grandidier/Festspielhaus Baden-Baden

Wie Wolfgang Amadeus Mozarts eigenhändiges „Verzeichnüß aller meiner Werke“ zeigt, entstanden seine letzten drei Sinfonien im Sommer 1788 innerhalb von nur weniger Wochen. Auch wenn man von vorhandenen Vorarbeiten ausgehen oder es schon ältere Teile gegeben haben mag – wie drei Meisterwerke solch gegensätzlichen Charakters in so kurzer Zeit entstehen konnten, das scheint als kaum überbietbares Beispiel eines schwer nachvollziehbaren schöpferischen Prozesses.

Zum Abschluss des Mozart gewidmeten Teils der Herbstfestspiele stellt Thomas Hengelbrock im Festspielhaus Baden-Baden nun mit seinem Balthasar-Neumann-Ensemble die 39. Sinfonie in Es-Dur KV 543 und die „Jupiter“-Sinfonie KV 551 gegenüber.

Mit der Entstehung der Sinfonien hat die dramatische Konzertarie „Bella mia fiamma, addio“ KV 528 – nach einem Text von Michele Sarcone – die Mozart für die mit ihm befreundete berühmte Sopranistin Josepha Duschek am 3. November 1787 unmittelbar nach der Uraufführung seines „Don Giovanni“ in Prag fertigstellte, nicht direkt zu tun. Aber so hat das recht zahlreich erschienene Publikum dieser Sonntagsmatinee zusätzlich zu den beiden Sinfonien auch die Gelegenheit, Regula Mühlemann zu erleben, die in den beiden konzertanten Aufführungen der Herbstfestspiele von Mozarts „Idomeneo“ die Ilia sang.

Weites musikalisches Panorama

Vielfalt des Ausdrucks, aber auch der Gegensätze eines weiten musikalischen Panoramas prägt die letzten drei Sinfonien Mozarts: So verzichtet der Komponist in der Es-Dur-Sinfonie auf die Oboen, während in der C-Dur-Sinfonie keine Klarinetten eingesetzt werden. Und auch die Ausdruckswelten der Kompositionen sind ebenso vielfältig. Hengelbrock und sein Balthasar-Neumann-Ensemble lassen die Gegensätze in der langsamen Einleitung der 39. Sinfonie mit Wucht aufeinanderprallen, die Naturtrompeten und die Pauken beherrschen die Szene, bei aller Klangschönheit wirken die Streicher bei den auskomponierten Perspektivenwechseln der Musik akustisch etwas im Hintertreffen.

Der Dirigent schärft die Kontraste, zeichnet liebevoll Details nach, lässt gelegentlich die ersten Streicherpulte allein musizieren, als wäre es ein Kammerensemble. Manche ungewohnte Tempomodifikation ist hier zu erleben, der Wahl-Pariser am Pult seines Originalklangensembles wirkt bei der Es-Dur-Sinfonie etwas auf der Suche nach gestalterischer Balance. Einige herausgezoomtes Details wirken manieriert ausgebreitet, zumindest im Kopfsatz will sich kein großer Bogen einstellen. Lebendigkeit kann man dieser Mozart-Sicht ebenso wenig absprechen wie auch keinesfalls von einem routinierten Rückzug auf das Gewohnte zu reden ist. Ein plüschiger Wohlfühl-Mozart ist bei Hengelbrock und seinem Balthasar-Neumann-Ensemble sowieso nicht zu erwarten. Gelegentlich aber bei einem auf Originalinstrumenten musizierenden Orchester etwas mehr Transparenz.

C-Dur-Sinfonie aus einem Guss

Wirkt der Dirigent bei der Es-Dur-Sinfonie noch etwas auf der Suche nach konzeptioneller Geschlossenheit, so erklingt die C-Dur-Sinfonie aus einem Guss. Hengelbrock lässt die Musik hier atmen, sorgt für vorantreibende Spannung, ohne gehetzt zu wirken. Die Details werden nun viel besser in die sinfonische Gesamtschau eingebunden. Stringent erklingt der Kopfsatz, das Vivace kommt lebendig, aber stets ausgeformt im Detail daher. Die Kantabilität des langsamen Satzes wird ebenso wie die rhythmische Kraft des Menuetts von den Musikern nachdrücklich gestaltet.

Es ist keine Patina einer „letzten Sinfonie“, die hier zelebriert wird, sondern Frische des Ausdrucks. Das Finale geht der Dirigent straff an, die berühmte Verbindung von Sonatensatz und kontrapunktischen Künsten wird nicht lehrbuchhaft vorgeführt, sondern als natürlicher Klangorganismus präsentiert.

Ihr Autor

Thomas Weiss

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Erstellt:
25. Oktober 2021, 22:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 37sec

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