Hengelbrock leitet Mozart-Fest in Baden-Baden

Baden-Baden (cl) – Verstärkter Einsatz für den großen Musik-Kanon: Zum Auftakt der Baden-Badener Herbstfestspiele spricht Dirigent Hengelbrock über die Klanggewalt bei Mozart und den Klassik-Zirkus.

„Das Blut muss durchfließen, der Atem muss da sein“: Thomas Hengelbrock erklärt beim Interview im Festspielhaus, wie energiegeladen die Balthasar-Neumann-Ensembles Mozart interpretieren.  Foto: Florence Grandidier

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„Das Blut muss durchfließen, der Atem muss da sein“: Thomas Hengelbrock erklärt beim Interview im Festspielhaus, wie energiegeladen die Balthasar-Neumann-Ensembles Mozart interpretieren. Foto: Florence Grandidier

Das Festspielhaus Baden-Baden will sein Profil schärfen mit verstärkten Festspiel-Konzepten. Etablierte Größen der vergangenen rund 20 Jahre gestalten die jeweiligen Programmschwerpunkte mit. Der jüngste Tanzherbst John Neumeiers mit dem Hamburg Ballett hat gezeigt, in welche Richtung es geht. Nicht nur Neumeier wird Festspielperioden kuratieren, auch renommierte Dirigenten sollen ihre Hände im Spiel haben: Von Kirill Petrenko und den Berliner Philharmonikern zu Ostern bis Valery Gergiev und seinem Mariinsky-Orchester an Weihnachten reicht das Spektrum.

Die nahenden, zweigeteilten Herbstfestspiele werden Thomas Hengelbrock und (am folgenden Wochenende) Teodor Currentzis mit ihren Orchestern und Chören prägen. Insbesondere Thomas Hengelbrock, ehemals Chef am Pult der Elbphilharmonie, wird in den nächsten Jahren als Mitkurator der Herbstfestspiele fungieren. Sein erster großer Programmkopf in Baden-Baden ist Mozart. Hengelbrock führt ihn, wie im Herbst 2020 kurz vor dem Lockdown, mit den Balthasar-Neumann-Ensembles auf. Orchester und Chor hat er vor 30 Jahren gegründet, ihr Sitz ist noch in Freiburg.

Mit Mozarts konzertant aufgeführter Oper „Idomeneo“ um ein dunkles mythologisches Opferversprechen wird das Festival diesen Donnerstag eröffnet; Tenor Michael Spyres gibt dabei sein Rollendebüt, Nicole Chevalier singt die Elettra, Rachel Frenkel den Idamante, Regula Mühlemann die Ilia. Mozarts „Krönungsmesse“ und sein letztes strahlendes Werk, die „Jupitersinfonie“, folgen bis Sonntag.

„Ich spiele den großen Kanon der Klassik – denn es gibt so viele Leute, auch junge, die das noch nie gehört haben“, sagte Hengelbrock im BT-Gespräch. „Auch für mich ist jedes Mozart-Stück neu; seit ich älter geworden bin, habe ich ein viel tieferes Verständnis von der menschlichen Dimension dieser Werke.“

Mozart-Oper „Idomeneo“, ein spektakulär modernes Stück

Ganz in Sinne des europäischen Gedankens, den Festspielhaus-Intendant Benedikt Stampa in seinen künftigen Programmplanungen betonen will, soll sich in den folgenden Herbst-Saisons die Nähe Baden-Badens zu Frankreich mit dem mittlerweile in Paris lebenden Hengelbrock programmatisch niederschlagen. „Ohne Mozarts Frankreich-Besuch wäre ,Idomeneo‘ nicht denkbar“, erläuterte Hengelbrock – „im Alter von 18, 19 Jahren war er schon acht Jahre lang in vielen europäischen Ländern unterwegs, das weitet den Blick auf die Internationalität.“ Sein „Idomeneo“ sei ein spektakulär modernes Stück mit allen Ingredienzen des französischen Dramas. Große Oper, die aber man sehr lebendig vermitteln müsse: „Das Blut muss durchfließen, der Atem muss da sein“, so Hengelbrock. Von der Klassik könne eine ganz frische, lebenssinnstiftende Brise ausgehen, dem sollten sich auch die Jungen aussetzen.

Das Balthasar-Neumann-Ensemble, das als eines der weltweit besten Ensembles in der historischen Aufführungspraxis gilt, steht mit seinen energetischen Interpretationen für diese sehr lebendige Interpretation der alten Meister der Musikgeschichte. Sie hätten intensiv daran gearbeitet, das große Festspielhaus mit Klang erfüllen zu können, sagte Hengelbrock. Selbst Mozart bevorzugte eine größere Durchschlagskraft und schwärmte von riesengroßen Orchesterbesetzungen, die er als „manifique“ bezeichnete.

Durch die dunkle Zeit seien Orchester und Chor mit einer „ungeheuren Energie“ gekommen, schilderte Hengelbrock. Beim Herbstfestspiel 2020 traten seine Ensembles unter verschärften Corona-Bedingungen in voller Größe ohne Abstand mit dem Brahms-Requiem auf, „dank eines disziplinierten Test- und Hygienekonzepts“. Schon früh habe man das Testkonzept der Fußballbundesliga adaptiert. Deshalb konnten die 90 Künstler aus 24 Ländern – 45 Musiker des Orchesters und 45 Sänger im Chor – die Corona-Zeit nahezu durchspielen. „Wir sind nach dieser Zeit noch bedingungsloser auf die Musik gerichtet als vorher, sind als kleines Kultureuropa zusammengewachsen, wie es Vorbild sein kann“, betonte Hengelbrock. Festivals wie in Baden-Baden, wo eine längere Probenzeit möglich sei, seien auch für Musiker und Sänger eine Chance, etwas Sinnvolles zusammen zu erschaffen. Den Klassik-Zirkus, der rund um die Welt tourt – heute hier, morgen da –, sieht er kritisch: Oft genug empfinde man dabei, als wäre man „nur „gebucht“. „Da fühlt man sich – speziell vielreisende Sänger – auch ein bisschen verloren.“

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
20. Oktober 2021, 12:45 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 57sec

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