Herbsten unter Extrembedingungen in Bühlertal

Bühlertal (red) – Der Engelsberg in Bühlertal ist einer der steilsten Weinberge der Welt. Das Herbsten ist hier reine Handarbeit – und zahlreiche Ehrenamtliche helfen mit.

Vom Arbeitsplatz an der Rebe hat man einen tollen Blick ins Tal. Foto: Gina Meier

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Vom Arbeitsplatz an der Rebe hat man einen tollen Blick ins Tal. Foto: Gina Meier

Passend zu den vielleicht letzten warmen Tagen dieses Jahres fand am vergangenen Samstag in Bühlertal am Engelsfelsen die diesjährige Weinlese statt. Bei bestem Wetter halfen viele ehrenamtlichen Helfer des Fördervereins Engelsberg beim Herbsten.

Außer dem Brummen einer Motorsense in der Ferne ist es ruhig in Bühlertal am Engelsberg. Die helle Morgensonne scheint warm auf die Trockenmauern und lässt die Reben in einem saftigen Grün erstrahlen. Zwischen den Einzelstockreben wird fleißig gearbeitet. Ausgestattet mit Eimern und Rebscheren machen sie sich an die Weinlese.

Fast 20 Helfer des Fördervereins Engelsberg stehen – mit den Beinen leicht versetzt, um das Gleichgewicht zu halten – an den Steilhängen des Engelsfelsens. An seiner steilsten Stelle hat das Gelände eine Neigung von 75 Grad und ist somit eine der steilsten Weinlagen der Welt, weiß Andreas Karcher, Vorstand des Fördervereins Engelsberg. Deshalb werden Bewirtschaftung und Weinlese nur von Hand vorgenommen. Viele der Ehrenamtlichen hatten früher selbst Reben und sind schon länger beim Förderverein aktiv, so wie Manfred Ursprung. Zum zehnten Mal hilft der 80-Jährige jetzt mit. „Es macht einfach Spaß, in der Gemeinschaft zu herbsten“, bestätigt Brigitte Karcher.

Förderverein bewirtschaftet den Weinberg

Der Förderverein Engelsberg pflegt und bewirtschaftet den Weinberg am Engelsfelsen. Das Gebiet umfasst vier Terrassen aus Trockenmauern und Einzelstockreben, auf denen hauptsächlich Spätburgunder, aber auch ein kleines Stück Traminer angebaut werden. Einzelstockreben sind eine traditionelle, selten gewordene Anbauform. Hierbei werden die Reben mit Weiden an einen einzelnen Stock festgebunden, was deutlich mehr Arbeit macht als die verbreitete Form, bei der man die Reben horizontal in Reihen biegt und mit Draht befestigt.

Wegen der besonders starken Neigung zur Sonne durch die Steillage werden die Reben sehr schnell erwärmt, und auch die Trockenmauern können sich auf bis zu 70 Grad aufheizen, wodurch die Wärme noch bis in die Nacht gespeichert wird, berichtet Karcher. Das gebe den Trauben in Kombination mit dem granitverwitterten Boden ein besonderes Aroma.

Dieses Jahr gab es viel Sonnenschein, was einen guten Ertrag verspricht. Manche Trauben sehen schon fast aus wie Rosinen. Durch die Hitze und die Trockenheit hätten die Reben jedoch auch sehr zu kämpfen, erzählt Andreas Karcher. Aber wegen der tiefen Wurzeln können sie die Wasserversorgung bewerkstelligen und überstehen auch längere Trockenperioden. Sein Vater Rudi Karcher pflückt eine Traube ab, presst den Saft der Traube auf das Prisma eines Refraktometers und drückt die Klappe fest zu. Dann hält er das Gerät gen Sonne und schaut angestrengt hindurch. Mit dem Gerät lässt sich der Oechsle-Wert feststellen. Dieser gibt die Zuckerkonzentration der Traube an, welche später zu Alkohol wird, erklärt er. „115 Oechsle, das zeugt von hoher Qualität“, zeigt sich der 70-Jährige zufrieden.

Besondere Auszeichnung

Nach etwa drei Stunden fleißigem Herbsten sind alle Trauben abgeschnitten und Rudi Karcher kann die beiden gefüllten Bütten in die Affentaler Winzergenossenschaft bringen. Eine Bütte umfasst etwa 400 bis 500 Kilo Trauben. Die WG verarbeitet die Trauben später zu ungefähr 1 000 Flaschen Wein. Diese erscheinen in einer Sonderedition als Halbe-Liter-Flaschen mit einem goldenen Engel auf dem Etikett, erklärt er.

Der große Aufwand und das große Maß an Anstrengung der Winzer aufgrund der Steillage wurde erst vor einigen Tagen belohnt, als den Förderverein die Nachricht des Magazins „selection“ erreichte. Das Genussmagazin, das eines der führenden in Deutschland ist, hat den „Bühlertaler Engelsfelsen Spätburgunder Jahrgang 2018“ mit „sehr gut“ bewertet. Hierbei wurden Weine aus Steillagen und Steilstlagen aus der ganzen Welt begutachtet. Dieser Wein wird derzeit in der Tourist-Info als Wein des Monats September angeboten.

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Erstellt:
21. September 2020, 22:00 Uhr
Lesedauer:
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