Herbstfestspiele: Start mit strahlkräftiger Mozart-Oper

Baden-Baden (cl) – Die Herbstfestspiele starten im Festspielhaus mit einer effektvollen konzertanten Aufführung der Mozart-Oper „Idomeneo“, geleitet von Thomas Hengelbrock. Die Solisten sind exquisit.

Effektvolle konzertante Opernerzählung: Das Balthasar-Neumann-Ensemble und Michael Spyres (in der Titelpartie) begeistern in „Idomeneo“ auf der Festspielhausbühne.  Foto: Andrea Kremper/Festspielhaus

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Effektvolle konzertante Opernerzählung: Das Balthasar-Neumann-Ensemble und Michael Spyres (in der Titelpartie) begeistern in „Idomeneo“ auf der Festspielhausbühne. Foto: Andrea Kremper/Festspielhaus

Die Streicher legen einen zarten Teppich aus, die sanften Akkorde vom Hammerflügel steigen so schwerelos auf wie Seifenblasen. Der Beginn des dritten Aktes von Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Idomeneo“ ist im Festspielhaus Baden-Baden ganz zerbrechlich, so dass Regula Mühlemann mit ihrem schlackenlosen, warmen Sopran Ilias Rezitativ frei entfalten kann und in der anschließenden Arie „Zeffiretti lusinghieri“ (Sanfte Brisen, laue Winde) mit wunderbarem Legato die Liebe der troianischen Königstochter zu Idamante berührend vor Ohren führt.

Diese konzertante Produktion, die den ersten Teil der Herbstfestspiele Baden-Baden eröffnet, wird von Thomas Hengelbrock mit seinem Balthasar- Neumann-Ensemble und -Chor so plastisch musiziert, dass durch die Töne Bilder entstehen wie in der Sturmszene, wenn die Streicher ihre Tongebung aufrauen und die schnellen Figuren zur Brandung werden lassen. Der perfekt intonierte, hinter der Bühne erklingende Posaunen-Hörner-Chor gibt der Tempelszene (La Voce: Joachim Höchbauer) spirituellen Raum.

Die effektvollen Naturschilderungen und die großen, musikalisch vielfältigen Chornummern wurden durch die französische Tragédie-lyrique inspiriert, die Mozart auf seiner Parisreise im Jahr 1777 kennengelernt hatte. Thomas Hengelbrock macht diese auch im Orchester reiche, hochdramatische Partitur lebendig.

Gerade im Pianobereich entwickelt er unendliche Nuancen, ohne dass die Musik dabei an Energie verliert. Die vielen heiklen Übergänge und die vom Orchester begleiteten Rezitative gelingen traumwandlerisch. Durch die historischen Instrumente und die sehr rhythmische, luftige Spielweise wird der Klang nie undurchsichtig, sondern bleibt auch im Tutti transparent und frisch. Auch der Balthasar-Neumann-Chor zeigt eine Flexibilität, die eine tänzerische Note hat. Gerade die großen Triumphchöre klingen nie martialisch, sondern wuchtig, aber immer gepaart mit französischer Eleganz.

Exquisites Solistenensemble setzt Akzente

Auch das exquisite Solistenensemble ist ein Grund, in Baden-Baden die Champagnerkorken knallen zu lassen. Neben Regula Mühlemann sorgt auch Rachel Frenkel mit ihrem schlanken, wendigen Mezzosopran als Idamante für Glücksmomente. Michael Spyres ist ein äußerst strahlkräftiger Idomeneo, der lyrischen Schmelz mit dem für die Partie notwendigen Wumms verbindet. Die Koloraturen seiner Bravourarie „Fuor del mar“ (Chaos tobt in meiner Seele“) klingen zwar etwas verwaschen, aber sprühen vor Energie. Nur etwas schade, dass der Amerikaner zu sehr in den Noten klebt. Arbace darf zwar in der gekürzten Baden-Badener Fassung seine Arien nicht singen, aber Kresimir Spicer kann auch in den Rezitativen mit seinem kräftigen Tenor Akzente sehen.

Darstellerische Präsenz entwickelt nur eine – die aber umso mehr. Schon bei ihrem ersten Auftritt im knallroten Hosenanzug setzt Nicole Chevalier Elettra unter Spannung. Ihre erste Arie „Tutte nel cor vi sento“ (Schon kann mein Herz euch spüren) ist bereits ein Vorgeschmack auf das, was noch kommt. Zu den angestochenen Synkopen und gesprungenen Achteln in den Streichern gibt sie ein wenig Metall in ihre Melodielinie und genießt die wuchtigen Basstöne. Mit dieser Frau ist nicht zu spaßen, auch wenn Nicole Chevalier in der zweiten Arie „Idol mio, se ritroso“ (Mein Geliebter, kehrst du wieder) Elettras weiche Seite zeigt.

Direkt nach der göttlichen Stimme kehrt die von Idamante verschmähte Elettra ein letztes Mal auf die Bühne zurück, um, unterstützt von Orchestereffekten, ihre Verzweiflung herauszulassen. Die amerikanische Sopranistin macht hier aus dem Konzert große Oper. Diese Elettra berührt in ihrer Wut, aber auch in ihrer Verletzlichkeit. Danach gelingt Thomas Hengelbrock mit seinen Ensembles nochmals ein völliger Farbwechsel, um das Happy End mit dem glücklichen Paar Ilia und Idamante angemessen zu feiern. Bravo!

Heute gibt es eine weitere Aufführung um 18 Uhr.

Ihr Autor

Georg Rudiger

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Erstellt:
22. Oktober 2021, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 46sec

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