„Heuchlerisch und würdelos“

Baden-Baden (for) – Der ehemalige SWR-Intendant Peter Voß hält den Ausschluss russischer Künstler in vielen Fällen für falsch. Auch deshalb ist er aus dem Freundeskreis des Festspielhauses ausgereten.

Hat eine kulturpolitische Debatte entfacht: Valery Gergiev. Foto: Georg Hochmuth/AFP

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Hat eine kulturpolitische Debatte entfacht: Valery Gergiev. Foto: Georg Hochmuth/AFP

Die Debatte um die Frage, ob und wie klar sich russische Künstler von Wladimir Putin und dessen Angriffskrieg in der Ukraine distanzieren sollen, dreht sich weiter. Weltweit werden derzeit Künstler aus Russland von den Spielplänen gestrichen. Auch das Festspielhaus Baden-Baden hat seine Zusammenarbeit mit dem russischen Stardirigenten Valery Gergiev „bis auf Weiteres“ beendet. Gergiev hatte eine öffentliche Stellungnahme zum Thema Krieg und Putin verweigert. Der ehemalige SWR-Intendant Peter Voß hält es jedoch für falsch, jetzt von allen russischen Künstlern Bekenntnisse abzuverlangen.

„Ich halte das nicht nur für armselige Symbolpolitik, die den Ukrainern nicht im Mindesten hilft, sondern für einen Anschlag auf die Meinungsfreiheit“, schreibt Voß in einem Leserbrief, den er dem BT zugeschickt hat. Zur Meinungsfreiheit gehöre immer auch das Recht, zu schweigen – „ganz gleich, ob aus guten oder aus weniger guten Gründen“, schreibt Voß weiter.

„Weil in Deutschland viele Putins Skrupellosigkeit lange nicht hinreichend durchschaut haben oder nicht durchschauen wollten, überschlagen sich manche Zeitgenossen jetzt risikofrei in dem Bemühen, ihr schlechtes Gewissen zu entsorgen, indem sie bei uns tätigen russischen Künstlern gezielt Bekenntnisse gegen Putin abverlangen“, kritisiert Voß.

Freundeskreis: Voß beendet Mitgliedschaft

Genau das halte er aber für den falschen Weg. Deshalb habe er sich auch „schweren Herzens“ dazu entschlossen, nach fast einem Vierteljahrhundert treuer Mitgliedschaft aus dem Freundeskreis des Festspielhauses auszutreten.

Dass sich Konzerthäuser von russischen Künstlern abwenden, könne er dann nachvollziehen, „wenn jemand öffentlich zu einem Verbrechen aufrufen oder es billigen sollte“, heißt es in seinem Leserbrief weiter. „Aber einen Dirigenten wie Valery Gergiev aus unseren Konzertsälen zu verbannen, weil er sich nicht zu einer Stellungnahme nötigen lässt, finde ich würdelos und heuchlerisch.“

Festspielhaus: „Wir differenzieren klar“

Mit diesem Satz spielt Voß unter anderem auf das Festspielhaus Baden-Baden an. Dort hatte Gergiev seit dessen Gründung 1998 vielfach dirigiert, bis das Festspielhaus jüngst das Ende der Zusammenarbeit mit dem russischen Dirigenten bekannt gab. Zuvor hatten bereits etliche Auftraggeber von Gergiev eine klare Distanzierung von Putin und dessen Angriffskrieg gefordert. Da sich Gergiev nicht äußerte, verlor er seinen Posten als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker und zahlreiche weitere Engagements.

Rüdiger Beermann, Pressesprecher des Baden-Badener Festspielhauses, bedauert den Austritt Voß‘ aus dem Freundeskreis. Insbesondere deshalb, „weil wir der Auffassung sind, dass wir in dieser Diskussion ganz klar differenzieren“, betont Beermann. „Wir unterscheiden sehr stark zwischen Kulturfunktionären Russlands und ausführenden Künstlerinnen und Künstlern“, erklärt er und bezieht sich dabei auf die Unterscheidung zwischen dem Dirigenten Gergiev und der ausführenden russischen Künstlerin Anna Netrebko. „Wir haben von Anna Netrebko und anderen ausführenden Künstlerinnen und Künstlern in keiner Weise ein Bekenntnis gegen Putin oder Russland gefordert“, so Beermann. Netrebko habe aus eigenem Antrieb abgesagt. „Die Distanzierung von Putin und dem Krieg haben wir nur von Valery Gergiev erbeten. Ihn haben wir um eine Stellungnahme gebeten, die er nicht abgegeben hat.“

„Sprechen keinen pauchalen Generalverdacht aus“

Es sei nicht so, dass das Festspielhaus pauschal einen Generalverdacht ausspreche, Gesinnungsnachweise einfordere oder überhaupt auf eine politische Aussage von Künstlern Wert lege. „Die Osterfestspiele und die Produktion der Oper ,Pique Dame‘ sind die beste Antwort auf diese Diskussion“, merkt Beermann an. „Damit spielen wir ein Stück russischer Kulturgeschichte“, betont er. Es arbeiteten Russen und andere Nationalitäten – darunter auch postsowjetische Nationalitäten – bei der Produktion professionell mit. „Und Kirill Petrenko hat ganz deutlich gesagt, dass wir uns von diesen Schwarz-Weiß-Malerein, wie sie momentan vielerorts vorherrschen, distanzieren“, merkt Beermann an.

Auch Peter Voß findet in seinem Leserbrief lobende Worte für Kirill Petrenko, den Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker, der jüngst bei einer virtuellen Pressekonferenz zu den Osterfestspielen ein Zeichen für Humanität und Solidarität gesetzt hat. Petrenko, der im russischen Omsk geboren wurde, versprach 100.000 Euro aus eigener Tasche und führt mit dem Geld eine Spendenkampagne an, in deren Zeichen die Osterfestspiele in Baden-Baden diesmal stehen und die der UNO-Flüchtlingshilfe zugutekommt. Zugleich aber warnte er ausdrücklich davor, russische Kultur zu boykottieren und Menschen aufgrund ihrer Nationalität zu verurteilen.

„Vor Kirill Petrenko verneige ich mich“, schreibt Voß in seinem Leserbrief. Und zwar nicht nur wegen Petrenkos großherziger Spende, sondern wegen seines Satzes: „,Wenn die Menschen nur aufgrund ihrer Nationalität für Putins Gräueltaten bestraft werden, dann gleichen wir der anderen Seite.‘“ Laut Voß gilt genau das inzwischen „offenbar (...) als moralische Großtat“ und sei in Wahrheit doch nur ein „Armutszeugnis“.


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