„Hier kämpfen Betriebe ums Überleben“

Rastatt (fuv) – Das vorzeitige Aus für die Weihnachtsmärkte sorgt in Rastatt für Frust und Wut. „es geht um unsere Existenzgrundlage“, sagt Schausteller-Sprecher Hugo Levy.

Der letzte Glühwein ist ausgeschenkt, das letzte Langos gegessen: Der Rastatter Weihnachtsmarkt wird abgebaut. Foto: Frank Vetter

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Der letzte Glühwein ist ausgeschenkt, das letzte Langos gegessen: Der Rastatter Weihnachtsmarkt wird abgebaut. Foto: Frank Vetter

Fast war es wie ein ganz normaler Freitagabend auf dem Rastatter Weihnachtsmarkt. Kalt, trocken, gut gelaunte Menschen in den Marktgassen, Weihnachtsliedklassiker tönten aus den Lautsprecher. Doch es war der von der Landesregierung erzwungene letzte Abend des Adventstreibens 2021.
Gegen 19.30 Uhr ist noch „business as usual“ an den beiden Eingängen: Impf- und Testnachweis, Personalausweis und Registrierung über die Luca-App, 2G-plus eben. Rund um die Stände genießen die Besucher die in diesem Jahr dank der Beleuchtung an Kirche und Rathaus ganz besondere Atmosphäre auf dem Marktplatz.

„In puncto Infektion der sicherste Ort Rastatts“

Den ganzen Tag über war das Aus für die baden-württembergischen Weihnachtsmärkte erwartet worden. Tatsächlich erreicht die Verantwortlichen bei der Stadtverwaltung die endgültige Verordnung der Landesregierung erst nach 18 Uhr. „Ich bin sehr traurig und wütend auf die Regierung. Wir mussten mit der Absage warten, bis es offiziell ist. Ich habe mehrfach versucht, in Stuttgart etwas zu erfahren. Für mich ist der Weihnachtsmarkt in puncto Infektion der sicherste Ort Rastatts“, sagt ein sichtlich frustrierter städtischer Eventmanager Markus Lang. „Als Stadt sind wir froh, dass wir den Markt bis hierher durchgezogen haben.“

Traurigkeit und Wut drücken an diesem Freitagabend auch die Marktbeschicker aus. Jonas Hochdörffer will eigentlich nichts gegenüber der Zeitung sagen, er sei zu frustriert. Seit über 20 Jahren verkauft er Lammfelle auf dem Weihnachtsmarkt. „Ich befürchte, es ist das letzte Mal.“ Von einer Katastrophe spricht Glühweinstandbetreiber Patrik Kranjcina. Er sei stinksauer. Am Mittag hatte Kranicina bei seinem Winzer noch den nach eigenem Rezept zubereiteten Glühweinnachschub bestellt. Glücklicherweise habe er den noch stornieren können. Er hoffe nun, dass die Stadt Rastatt tatsächlich auf die Standgebühren verzichtet. Die Kunden jedenfalls seien entsetzt und würden die Absage trotz 2G-plus nicht verstehen.

Der Abbau beginnt bereits am Abend

Wie Johann Wolf. Der Rastatter stellt fest: „Ich bin sehr enttäuscht von der Regierung. Jeder sagt etwas anderes, und in zwei Wochen heißt es dann vielleicht, die Weihnachtsmärkte waren doch keine Pandemietreiber.“ Renata Anderson und ihre vier Freundinnen bringen auf den Punkt, was viele Besucher fühlen: „Wir sind traurig“. Er wisse nicht, ob er sich freuen solle oder traurig sein soll, gewährt Flammkuckenbäcker Bernhard Ockenfuss einen Einblick in seine Gefühlslage. Wenigstens sei jetzt die Ungewissheit vorüber, ob es denn weitergehe mit dem Markt oder nicht. Immerhin zwei Wochen habe er ja stattgefunden. Das Geschäft war jedoch eher mau, resümiert Ockenfuss, gerade über die Mittagszeit. Wirtschaftlich sei die Absage katastrophal; er habe schon vom Ersparten gelebt. „Aber es geht ja nicht nur ums Geld im Leben“, stellt er lakonisch fest.

Als nach 21 Uhr der letzte Glühwein ausgeschenkt, das letzte Langos gegessen ist, ist es vorbei mit dem Weihnachtsmarkt. Leitern werden aufgestellt, Mitarbeiter schrauben die ersten bunten Glühbirnen der Karussellbeleuchtung heraus: Abbau.

Hugo Levy, Sprecher der Rastatter Schausteller, findet am Samstag während des Abbaus der großen Glühweinpyramide auf dem Marktplatz deutliche Worte: „Die Gewerbetreibenden am Freitagabend so lange mit der Verordnung warten zu lassen, ist eine bodenlose Frechheit. Hier kämpfen Familienbetriebe ums Überleben. Ich glaube, die verstehen nicht, dass es um unsere Existenzgrundlage geht. Und weitere Hilfen sind nicht zu erwarten. Es ist ein Totalversagen der Politik.“

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Erstellt:
5. Dezember 2021, 17:05 Uhr
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