High Society schmückt sich wie Hippies

Pforzheim (fh) – Die 60er und 70er waren bewegte Jahrzehnte. Das zeigt sich im Schmuck dieser Zeit, in der Juweliere eine neue Formsprache suchten, zu sehen derzeit im Schmuckmuseum in Pforzheim.

Das Armband in Form einer Asiatischen Lilie setzt ein Statement. Foto: Fiona Herdrich

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Das Armband in Form einer Asiatischen Lilie setzt ein Statement. Foto: Fiona Herdrich

Der goldene Armreif formt sich über dem Handgelenk zu der mit Perlen und Diamanten besetzten Blüte einer Asiatischen Lilie, die in ihrer natürlichen Formgebung so filigran, leicht wirkt und gleichzeitig aber so groß und schwer ist, dass die Trägerin maximal noch ein Cocktailglas in der Hand halten kann. Der Schmuck der Reichen und Schönen in den 60er und 70er Jahren setzt Statements wie dieses und räumt so mit der konservativen Zurückhaltung des schmückenden Beiwerks der 50er Jahre auf.

Das Schmuckmuseum in Pforzheim zeigt unter dem Titel „Einfach brillant“ den Stil einer damals neuen Ära aus jugendlicher Rebellion und radikalen kulturellen Wandels. Die Wanderausstellung des Cincinnati Art Museums nach der Idee der Schmuckgaleristin Kimberly Klostermann ist derzeit mit telefonischer Voranmeldung bis zum 27. Juni zu sehen – kurzfristige Änderungen durch die Corona-Situation nicht ausgeschlossen. Eine Videoführung sowie Clips zu einzelnen Juwelieren auf der Homepage des Museums sind zudem geplant.

Künstler suchen neue Formsprache

Rock’n’Roll, der Vietnamkrieg, die Kennedy-Attentate, Bürgerrechts- und Frauenbewegung, halluzinogene Drogen und das Konzept der freien Liebe prägen die 60er und 70er Jahre. Die Hippie-Bewegung schmückte sich mit Fundstücken wie Muscheln oder bunten Holz-, Glas- oder Plastikperlen. Das inspirierte auch die feine Gesellschaft. Teurer Schmuck spielte mit Secondhand-Look. Juweliere verstanden sich in dieser Zeit mehr als Künstler und näherten sich ihren Entwürfen wie Maler oder Bildhauer, wie Museumsleiterin Cornelie Holzach erklärt. Ebenso wie die Architekten dieser Ära suchten sie eine neue Formsprache, um die Welt neu zu entdecken.

Manschetten wie diese von Van Cleef & Arpels trug einst Jackie Onassis. Sie erinnern ebenso wie die Kette von Lisa Sotilis im Hintergrund an antike Kulturen. Foto: Fiona Herdrich

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Manschetten wie diese von Van Cleef & Arpels trug einst Jackie Onassis. Sie erinnern ebenso wie die Kette von Lisa Sotilis im Hintergrund an antike Kulturen. Foto: Fiona Herdrich

Aus hochwertigen Materialien entstanden so Kleinskulpturen, und ein wilder Stil entwickelte sich. „Dafür wurden von den Häusern eigene Läden eröffnet und separate Labels geschaffen, damit die konservative und diese neue extrovertierte Kundschaft nicht miteinander kollidierten“, sagt die Museumsleiterin.

Mit der eigentlichen Hippie-Szene hatten die Käufer dieser Einzelstücke und Kleinserien, die in Pforzheim zu sehen sind, sonst nichts zu tun. Die High Society traf sich in Marbella in Spanien oder anderen Hotspots in den USA, wo sich die Trägerinnen der provokanten Statement-Pieces in Szene setzen konnten. Unter ihnen waren Mitglieder von Königshäusern, allen voran die britische Monarchin, ebenso wie Jackie O.

Massive Halskette auf nackter Haut

Das Manschetten-Paar von Van Cleef & Arpels, ein Model mit dem die Frau des Oligarchen Onassis einst bei einer Begegnung mit Muhammad Ali fotografiert wurde, wird im Schmuckmuseum gezeigt. Daneben ist eine massive Halskette von Lisa Sotilis zu sehen. Beides folgt einer antiken Ästhetik, findet Holzach. Sie fügt hinzu: „Sotilis hat ihren Schmuck eigentlich entworfen, um ihn nackt zu tragen.“ Ganz im Sinne der Hippiekultur.

Amorphe Formen wie bei den Armreifen der ehemaligen First Lady, natürliche Kristalle, etwa monumental wirkende Turmaline an einer Brosche von Andrew Grima oder Amethyste an einem Collier von Jean Vendome, sowie bewegte Oberflächen mit gecrushtem Gold stehen in starkem Kontrast zu den weichen und glatten Schmuckstücken von Elsa Peretti für Tiffany. Deren silbernes „Bohnen“-Täschchen „liegt toll in der Hand“, wie Holzach findet. Es ist allerdings so wertvoll, dass es nur mit Handschuhen angefasst werden darf.

Die Oberfläche dieser Brosche erinnert an eine Mondlandschaft. Foto: Fiona Herdrich

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Die Oberfläche dieser Brosche erinnert an eine Mondlandschaft. Foto: Fiona Herdrich

Neben organischen Formen und Motiven aus der Natur, zum Beispiel Tiere, Spinnennetze oder Korallen, lassen sich die Juweliere vom Wettlauf ins All und der Mondlandung am 20. Juli 1969 inspirieren. Eine rechteckige Brosche lässt an die zerklüftete Oberfläche des Erdtrabanten denken. Der Space-Ball-Ring von Roger Lucas für Cartier, ein goldener, eckiger Fingerring, auf dem eine Kugel mit Diamanten, jeweils einem Saphir, Rubin, Smaragd und Türkis thront, erinnert an eine Mischung aus Discokugel, Meteorit und R2D2, dem Androiden aus „Star Wars“ (auch wenn die Filmreihe rund acht Jahre jünger ist als der Ring).

Während die „echten Hippies“ sich mit Glas- und Plastikperlen behängen, baumeln Muscheln in der feinen Gesellschaft an Ketten mit Türkisen. Foto: Fiona Herdrich

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Während die „echten Hippies“ sich mit Glas- und Plastikperlen behängen, baumeln Muscheln in der feinen Gesellschaft an Ketten mit Türkisen. Foto: Fiona Herdrich

Und am Ende sind sie doch da: Findlinge vom Strand. Muscheln hängen an Ketten mit Türkis-Perlen von Marguerite Stix – Schmuck für die Hippies in der High Society.

Das die übergroßen Stücke auch heute nicht jedermanns Sache sind, ist Museumsleiterin Cornelie Holzach bewusst. Dennoch: „Alles kommt wieder.“ Aus „big and ugly“ wird „big and beautiful“ soll die Initiatorin Kimberly Klostermann gesagt haben.


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