Hilfe für Kinder mit Gewalterfahrung

Offenburg (for) – Das Childhood-Haus in Offenburg dient als Anlaufstelle für Minderjährige, die von sexualisierter Gewalt oder Misshandlung betroffen sind. Die Hilfe wird unter einem Dach gebündelt.

Im Behandlungsraum des Childhood-Hauses in Offenburg kann ein Arzt die von Gewalt betroffenen Kinder direkt vor Ort untersuchen, entsprechend versorgen und die Verletzungen dokumentieren. Foto: Michael Bader/Childhood Deutschland

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Im Behandlungsraum des Childhood-Hauses in Offenburg kann ein Arzt die von Gewalt betroffenen Kinder direkt vor Ort untersuchen, entsprechend versorgen und die Verletzungen dokumentieren. Foto: Michael Bader/Childhood Deutschland

Ein bis zwei Kinder pro Klassenzimmer sind laut aktuellen Studien von sexualisierter Gewalt oder Misshandlung betroffen. Das sind rund eine Million betroffene Kinder in Deutschland. Tabuisierung, Stigmatisierung und Scham machen es den Betroffenen oft sehr schwer, über das Erlebte zu sprechen und sich jemandem anzuvertrauen. In der Ortenau gibt es mit dem Childhood-Haus einen geschützten Ort, der als Anlaufstelle für Kinder mit Gewalterfahrungen dient.

Eine von fünf Einrichtungen bundesweit

Die Einrichtung in der Ortenau, die im Juli 2021 offiziell eröffnet wurde, ist eines von fünf Childhood-Häusern in ganz Deutschland. Alle Häuser beruhen auf dem skandinavischen „Barnahus“-Konzept. Ziel ist es, einen Ort zu schaffen, an dem Kinder und Jugendliche, die körperliche und sexualisierte Gewalt erlebt haben, in einem kinderfreundlichen und geschützten Umfeld alle wichtigen Hilfen bekommen – und zwar gebündelt in einer Einrichtung.

„Damit wollen wir vermeiden, dass sich von Gewalt betroffene Kinder an viele verschiedene Institutionen wenden und dort ihre Erlebnisse immer wieder aufs Neue verschiedenen Personen schildern müssen“, erklärt Eveline Viernickel, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin und Teamleiterin im Childhood-Haus in Offenburg (kleines Porträtfoto). „Die Erlebnisse, die den Kindern widerfahren sind, sind meist traumatisierend“, merkt sie an. „Jedes Mal, wenn das Kind von den Erlebnissen erzählen muss, werden die Belastung und der Stress wieder hervorgerufen“, weiß die Psychologin.

Strafverfolgung unter einem Dach

Bei Verdachtsfällen oder bestätigten Fällen, die eine Strafverfolgung nach sich ziehen, müssten Kinder in Deutschland meist viele Befragungen durchlaufen, bei denen nicht immer geschultes Fachpersonal vor Ort sei. „Das Risiko der Re-Traumatisierung ist deshalb hoch“, so Viernickel. Das Childhood-Haus setzt darum auf eine interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Bereiche unter einem Dach. So besteht das Kern-Team in der Offenburger Einrichtung aus Psychotherapeuten, Sozialpädagogen und Ärzten, die in enger Kooperation mit dem Jugendamt, der Polizei und der Justiz arbeiten, die – falls nötig – auch in die Einrichtung kommen. Durch die enge behördenübergreifende Kooperation werden Untersuchungen und Befragungen des Kindes auf ein Minimum reduziert.

Für die einzelnen Bereiche gibt es in den Childhood-Einrichtungen entsprechende Räumlichkeiten, etwa den Befragungsraum, der mit mehreren Kameras ausgestattet ist. So kann die Befragung durch eine geeignete psychologische Fachkraft audiovisuell aufgenommen und gleichzeitig in den sogenannten Konferenzraum, der sich ebenfalls in der Einrichtung befindet, übertragen werden. Dort wird die Befragung von weiteren Fachkräften wie beispielsweise aus der Polizei, dem Jugendamt, der Staatsanwaltschaft, Fachanwälten, der Verteidigung und bei Wunsch auch dem Täter verfolgt. „Über einen Chat können die Personen aus dem Konferenzraum Fragen in den Befragungsraum schicken“, erklärt Viernickel das Vorgehen.

Medizinische Untersuchung direkt vor Ort

So muss das Kind die Geschehnisse nur einmal erzählen und dem Täter nicht gegenübertreten. Sollte es tatsächlich zu einer Anzeige kommen, könnte die Aufnahme in der Hauptverhandlung auch als Beweismittel aufgerufen werden, sodass das Kind nicht vor Gericht erscheinen muss. Das sei jedoch immer vom jeweiligen Richter abhängig, merkt Viernickel an.

Auch die medizinische Untersuchung, bei der Verletzungen von einem Arzt dokumentieren werden, kann direkt vor Ort vorgenommen werden. „Hier können wir auch auf die Gynäkologen aus dem Klinikum zurückgreifen oder die Kinder in stationäre Behandlung geben“, so Viernickel.

Vermehrt Gewalt während der Pandemie

Wie Betroffene den Weg zum Childhood-Haus finden, sei ganz unterschiedlich. „Manche Jugendliche kommen von selbst auf uns zu, oftmals übergibt uns aber auch das Jugendamt Fälle, Schulsozialarbeiter, Eltern oder die Polizei wenden sich an uns“, sagt die Psychologin. Es komme auch vor, dass die Kollegen auf den Stationen des Klinikums bei Kindern auf Verletzungen aufmerksam würden, die auf eine Kindeswohlgefährdung hinweisen.

Im vergangenen Jahr wurden im Offenburger Childhood-Haus 152 Fälle betreut, 122 davon konnten dem Bereich Kinderschutz zugeordnet werden. Besonders während der Corona-Pandemie habe die Gewalt in vielen Familien zugenommen, „die Verletzungen waren oft gravierender als sonst, weil Kindeswohlgefährdungen während des Lockdowns oft erst spät sichtbar wurden“, meint Viernickel – „meist erst dann, wenn das Eskalationsstadium bereits erreicht war.“

Zum Thema: Von Skandinavien in die Ortenau

Das Childhood-Haus nimmt die Idee des skandinavischen „Barnahus“ (wörtlich: „Kinderhaus“) auf und setzt es modifiziert in Deutschland um. Ziel ist es, eine kinderfreundliche, multidisziplinäre, ambulante Anlaufstelle für Minderjährige zu schaffen, die Opfer von sexualisierter und körperlicher Gewalt wurden. Das Barnahus entstand aus dem Child Advocacy Model, das in den 1980er Jahren in den USA entwickelt wurde. Das erste Barnahus auf europäischem Boden wurde 1998 in Reykjavik errichtet, dann folgten andere skandinavische Länder. Das erste Childhoodhaus in Deutschland wurde 2018 in Leipzig eröffnet. Es folgten weitere in Heidelberg, Berlin, Düsseldorf und nun auch in Offenburg. Das Childhood-Haus in der Ortenau läuft unter der Trägerschaft des Ortenau-Klinikums und ist eine Weiterentwicklung der bereits bestehenden Kinderschutzambulanz. Diese wurde 2009 als Nahtstelle von Jugendhilfe und Gesundheitswesen in Kooperation mit dem Klinikum und dem Landratsamt des Ortenaukreises eingerichtet. Die Finanzierung läuft größtenteils über den Landkreis Ortenau, finanzielle Unterstützung gibt es zudem von der World-Childhood-Foundation mit Königin Silvia von Schweden als Stifterin und über Spendengelder vom Förderverein Childhood-Haus Ortenau.


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