Hinauf ins Tal der Gottesanbeterinnen

Bühl (jo) – Zwischen Neusatz und Neusatzeck lässt sich eine alte gewachsene Kulturlandschaft entdecken. Bei einer Wanderung um Neusatz ist man in einem der schönsten Seitentäler des Nordschwarzwaldes unterwegs.

Weiter Blick über das Rheintal: In Neusatzeck kommt unweigerlich Urlaubsstimmung auf.  Foto: Eiermann

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Weiter Blick über das Rheintal: In Neusatzeck kommt unweigerlich Urlaubsstimmung auf. Foto: Eiermann

Unten imposante Steilhänge mit Trockenmauern aus dem 19. Jahrhundert, oben eine Sommerweide mit reizvollen Aussichten. Wer bei Neusatz wandert, ist in einem der schönsten Seitentäler des Nordschwarzwaldes unterwegs. Etwa zwei Stunden Gehzeit genügen, um diese alte Kulturlandschaft, vorzugsweise bei schönem Wetter, zu erleben. Große Teile des Aufstiegs von 245 auf 480 Meter Höhe führen durch schattige Wälder.
Zum Einstieg bieten sich ab Ortsmitte verschiedene Varianten an. Am einfachsten ist es, sich an die Zufahrt zum Felsenrain-Stadion (Otto-Stemmler-Straße) zu halten. Am zweiten Parkplatz zweigt rechter Hand ein breiter Weg zu den Weinbergen ab. Beim Punkt „Rossgraben“ auf 315 Metern angekommen, wird der erste Aufstieg mit einem schönen Blick auf Neusatz belohnt. Ein Bild, das sich auf dem Alban-Stolz-Weg fortsetzt.

Dieser Weg ist nach dem Volksschriftsteller benannt, der in Neusatz sechs Jahre als Vikar gewirkt hatte, inzwischen wegen antisemitischer Hetze in seinen Schriften jedoch zunehmend kritisch gesehen wird. Sollte die Stadt Bühl dem Beispiel Freiburgs folgen und den Namen Alban Stolz aus dem Straßenverzeichnis tilgen (danach sieht es aus), dürfte das auch in Neusatz Konsequenzen haben. Dass der mit einem großen Wegkreuz versehene „Lieblingsplatz“ des katholischen Geistlichen (1808 in Bühl geboren, 1883 in Freiburg gestorben) wegen des großartigen Panoramas bis zu den Vogesen einen kurzen Aufenthalt lohnt, wird jedoch immer so bleiben.

Beeindruckende Trockenmauern säumen den Weg

Kurz darauf rücken die ersten Terrassen mit Trockenmauern ins Blickfeld, denen auf dem Rückweg noch höher aufgeschichtete Bauwerke folgen werden; der Blick hinunter in die Tiefe lässt dies bereits erahnen. Unter dem lichten Dach eines gemischten Laubwalds und vorbei an mehreren Felsen geht es bequem, fast eben, dem derzeit gesperrten Mättig-Grillplatz entgegen, wo unterhalb davon Schafe Siesta machen.

Danach ist wieder Steigung angesagt, wir folgen der Ausschilderung nach „Heidenbach“. So gar nicht heidnisch wirkt dieser abwechslungsreiche Abschnitt vorbei an Bergwiesen, Kastanienwald und Nadelgehölz. Ein großes byzantinisches Doppelkreuz, für die Gegend ungewöhnlich, säumt den Weg. Weiter oben geben die Bäume immer wieder den Blick auf das Dominikanerinnenkloster frei, das bald verwaist sein dürfte, da der Orden angekündigt hat, diesen Rückzugsort aufzugeben. Ganze Schwestern-Generationen haben diesen Taleinschnitt seit 1885 geprägt.

An der nächsten Weggabelung gehen wir noch ein Stück in Richtung Immenstein, bis sich der Wald lichtet und von der grünen Weidelandschaft des Zinkens Neusatzeck abgelöst wird. Eine prächtige Kulisse von den nahen Bergkuppen des Schwarzwalds bis zum Vogesenkamm lohnt es, vor der Umkehr sich hier einen Platz für eine Rast zu suchen.

Da es außer der gut frequentierten Schwarzwaldstraße (L83a) keine Parallelverbindung gibt, geht es auf demselben Waldweg zurück bis zum Mättig-Grillplatz, wo die Siesta noch andauert. Nun nehmen wir die asphaltierte Zufahrt weiter nach unten. Wo auffällige Transparente des LuK-Cups, Überbleibsel des Bühler Radrennens, ein großes Holzlager bedecken, folgen wir der schmalen Fahrbahn des Mättiwegs nach rechts. Nebenan plätschert der Muhrbach. Schon bald stehen wir vor beeindruckend steilen Trockenmauern. Zahlreiche Freiwillige haben in mühevoller Arbeit die Terrassenfelder der Altvorderen freigelegt. Die Fundamente des Wein-, Obst- und Gemüseanbaus von vor über 120 Jahren lassen heute nur noch erahnen, wie sich die Menschen damals ohne Maschineneinsatz abplagten.

Die Mauerritzen, Hohlräume und Spalten der fachmännisch geschichteten Steine bieten seltenen Tier- und Pflanzenarten einen geschützten Lebensraum auf der Sommerseite des Tals. Dass an diesem sonnigen Flecken auch die Gottesanbeterin heimisch ist, erscheint angesichts der räumlichen Nähe zu einem Frauenkloster nur konsequent. Ein Verkehrsschild warnt vor Steinschlag, was jedoch weniger einer reellen Gefahr als vielmehr der besonderen Vorsicht der Bühler Stadtverwaltung geschuldet ist. Wir schlendern weiter auf der wenig befahrenen Straße und erreichen nach insgesamt 6,5 Kilometern den Ausgangspunkt in der Ortsmitte.

Info: Eine Dreiviertelstunde länger ist mit Hin- und Rückweg unterwegs, wer ab Neusatzeck noch der Ausschilderung bis zum Immenstein folgt, einem großen, begehbaren Granitfelsen. Der Berggasthof Immenstein hat wieder geöffnet.

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Erstellt:
9. Juni 2020, 11:00 Uhr
Lesedauer:
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