Hinten raus kommt nur Wasserdampf

Baden-Baden (nof) – Taxi Holl setzt neuerdings auch auf Wasserstoff. Als erstes Brennstoffzellenfahrzeug deutschlandweit im Taxigewerbe ist ein Toyota in Baden-Baden im Einsatz.

Ein Elektro-Fahrzeug, das mit Wasserstoff angetrieben wird, setzt Taxi-Unternehmer Dirk Holl seit Kurzem in der Kurstadt ein. Foto: Nico Fricke

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Ein Elektro-Fahrzeug, das mit Wasserstoff angetrieben wird, setzt Taxi-Unternehmer Dirk Holl seit Kurzem in der Kurstadt ein. Foto: Nico Fricke

Sie sind auf deutschen Straßen noch Exoten: Autos mit Brennstoffzellenantrieb. Der Gaggenauer Taxi-Unternehmer Dirk Holl will „der neuen Technologie eine Chance geben“. Seit wenigen Wochen hat er ein Fahrzeug in seinen Reihen, das mit Wasserstoff betankt in Baden-Baden die Kunden zu ihren Wunschzielen befördert.

„Im Regelbetrieb, nicht nur zum Testen“, wie Holl betont. Die Idee, ein H2-Auto in den Fuhrpark aufzunehmen, sei schön länger gereift, „doch es gab kein Modell, das für den Taxi-Betrieb zugelassen worden wäre“. Ohnehin gebe es nur sehr wenige Hersteller mit seriengefertigten Brennstoffzellenfahrzeugen. Nun ist es ein Toyota Mirai II, der – im Oktober angeschafft – in der Kurstadt konzessioniert seine Runden dreht. „Als deutschlandweit erstes Unternehmen setzt die Holl AG das wasserstoffbetriebene Fahrzeug als Taxi ein“, heißt es dazu von Toyota Deutschland in Köln. Ein Unikat dürfte das Auto auch in der Kurstadt sein: „In Baden-Baden ist nur ein Fahrzeug mit Brennstoffzellen-Antrieb angemeldet“, sagt Jonas Sertl von der Stadtpressestelle. Ähnlich sieht es im Landkreis Rastatt aus, wo laut Pressesprecher Benjamin Wedewart ebenfalls nur „ein Fahrzeug mit der Energiequelle Brennstoffzelle/Wasserstoff zugelassen“ ist.

Seit 2016 stelle er seinen Betrieb Schritt für Schritt auf elektrisch betriebene Fahrzeuge um, sagt Holl. In diesen Prozess fällt auch der Mirai, der unter der Motorhaube mit einer Brennstoffzelle Strom für den Elektroantrieb produziert und nahezu lautlos über die Straßen rollt.

Eine Technologie für die Zukunft in seiner Branche? „Das steht und fällt mit der Infrastruktur“, spricht Holl das Hauptproblem an: „Es gibt nur sehr wenige Tankstellen.“ Eben das treibt auch die Taxi-Experten um: „Einen noch viel größeren Pioniergeist als früher die Erdgas-Fahrer unter den Taxlern und anfangs die Anhänger batterieelektrisch angetriebener Elektrotaxis brauchen Taxi- und Mietwagenunternehmer, die auf ein Fahrzeug mit Brennstoffzellen-Antrieb setzen“, schreibt das Fachmagazin „Taxi heute“ mit Blick auf die überschaubare Zahl an H2-Zapfanlagen. Ein Blick in die Tankstellen-App zeigt: In ganz Deutschland sind nur 91 Wasserstoff-Tankstellen verzeichnet. In der hiesigen Region ist es eine. Die stehe bei der Total-Tankstelle in Rastatt und gehöre zu H2 Mobility Deutschland, sagt Holl: „Dort tanken wir.“ Weiter nördlich gebe es erst in Karlsruhe die nächste Tankmöglichkeit, „Richtung Süden und im Elsass sieht es ganz mau aus“. Auch deshalb dürfte es bundesweit derzeit „nur eine Handvoll“ H2-Taxis geben.

Die Infrastrukturist der Schlüssel

Für den Einsatz im Alltag setzt die geringe Zahl an Tankstellen laut Holl eine gute Fahrtenplanung voraus, um nicht liegen zu bleiben. „Rund 400 Kilometer Reichweite schafft das Auto im winterlichen Realbetrieb.“ Der Tankvorgang dauere nur ein paar Minuten. Dabei werde der Wasserstoff mit sehr hohem Druck (rund 350 bar) in die Tanks eingespeist. „Fünf Kilogramm Wasserstoff fassen die Tanks, dann ist voll. Ein Kilogramm kostet 9,50 Euro“, sagt Holl. Damit sei der Betrieb des Autos immer noch teurer als der Einsatz von Dieselfahrzeugen – trotz der zuletzt exorbitant gestiegenen Spritpreise.

Doch Holl will die neue Technik ausprobieren, auch wenn Brennstoffzellen-Fahrzeuge noch ein Nischendasein auf deutschen Straßen führen. Laut Kraftfahrtbundesamt wurden im November gerade einmal 29 Stück zugelassen – bei 68.198 neuen Elektrofahrzeugen insgesamt. Laut ADAC gibt es auch nur zwei serienmäßig verfügbare Modelle – von Toyota und von Hyundai.

Holl redet den ökologischen Aspekt der Technologie nicht schöner, als er ist: „Es ist kein grüner Wasserstoff, den wir tanken“, spricht er das Hauptmanko an: Um Wasserstoff herzustellen, wird viel Energie benötigt. Und diese stamme nicht aus regenerativen Quellen wie Wind- oder Wasserkraft, sondern aus Erdgas. Holl sieht ein grundsätzliches Problem: „Wer ein E-Auto fährt, unterstützt Kinderarbeit in Kobalt-Minen in Afrika, und wer Benzin tankt, die Frauen-Unterdrückung in Arabien.“ Das Fahren mit Wasserstoff ist zumindest lokal emissionsfrei: Hinten raus kommt nur Wasserdampf.

Den Mirai hat Holl, der in seinem Unternehmen rund 140 Mitarbeiter beschäftigt, zunächst für vier Jahre geleast. „Es gab auch eine staatliche Förderung“, sagt der Unternehmer. Ob Wartung und Unterhalt für den Mittelklassewagen teurer kommen als für seine Diesel-Autos, kann er noch nicht abschätzen: Aber aufwendiger könnte es werden: „Große Reparaturen können nur in einer Spezialwerkstatt in Köln vorgenommen werden.“

Holls Mirai ist laut Fahrgestellnummer erst der 1337., der bislang vom Band lief – weltweit. Ob das Unternehmen weiter auf Wasserstoff setzen wird, muss sich zeigen: „Die Infrastruktur ist der Schlüssel.“

Taxigewerbe will Wirtschaftlichkeit

„Derzeit gibt es nur sehr vereinzelt Brennstoffzellen-Taxis. Wir schätzen, dass bundesweit nur ein bis zwei Dutzend unterwegs sind“, sagt Michael Oppermann, der Geschäftsführer des Bundesverbands Taxi und Mietwagen (BZP) mit Sitz in Berlin. Er freut sich über den Einsatz des Brennstoffzellenfahrzeugs von Taxi-Unternehmer Dirk Holl in Baden-Baden: „Der Kollege leistet hier also wichtige Pionierarbeit. Wir begrüßen das ausdrücklich.“ Welche Bedeutung die Brennstoffzellen-Taxis in Zukunft spielen werden, das hänge „entscheidend vom Fahrzeugangebot und von der Infrastruktur ab. Das Taxigewerbe wird in den kommenden Jahren seine Flotte auf emissionsfreie Fahrzeuge umstellen“, so Oppermann. Derzeit rechne der Bundesverband „primär mit dem Einsatz von BEV“, also rein batteriebetriebenenFahrzeugen, „aber es gibt auch gute Gründe für Brennstoffzellen“. Entscheidend werde sein, welche Rolle Brennstoffzellen generell im Bereich der Pkw spielen werden. „Das Taxigewerbe wird die Flottentransformation hin zu emissionsfreien Fahrzeugen mit der wirtschaftlichsten Lösung umsetzen.Hier gilt es, weitere Erfahrungen zu sammeln.“ Im europäischen Ausland werden durchaus einige Wasserstoff-Flotten aufgebaut, so etwa in Kopenhagen und Madrid.

Irgendwie, irgendwo

BT-Redakteur Nico Fricke kommentiert

Die Mobilitätswende, so ein persönlicher Eindruck, ist auf Baden-Badens Straßen angekommen. Die Zahl der elektrisch betriebenen Fahrzeuge nimmt mit Blick auf die vielen E-Kennzeichen an den Autos immer weiter zu. Was hinterherhinkt, das ist der Ausbau der Ladeinfrastruktur. Und der Blick aufs Ökologische. Denn E-Autos benötigen Energie, und die ist eben nur dann nachhaltig, wenn sie auch aus regenerativen Quellen stammt. Das gilt für die vielen reinen Stromer genauso wie für die auf deutschen Straßen noch sehr seltenen Brennstoffzellenfahrzeuge, die mit aufwendig produziertem Wasserstoff betrieben werden, und von denen eines nun auch in Baden-Baden als Taxi seine Runden dreht. Der Positiveffekt vor Ort für beide Antriebsarten liegt auf der Hand: Die Autos rollen emissionsfrei und leise durch die Kurstadt. Gut für die Luftqualität und den Geräuschpegel und somit ein großer Gewinn für alle Bürger und Touristen. Doch – und das ist die Krux bei der Sache – muss die Energie ja auch gewonnen werden – und zwar irgendwie und vor allem irgendwo anders. Denn die Windkraft als ein möglicher lokaler Beitrag zur regenerativen Stromgewinnung ist vor Ort heiß umstritten und bislang politisch chancenlos. Das haben die Abstimmungen und vielen Diskussionen im Baden-Badener Gemeinderat in der Vergangenheit gezeigt, bei denen sich Befürworter und Gegner heftig beharkt haben. Somit bleiben aber Mobilitäts- und Energiewende irgendwie einfach auch nur halbe Sachen. Ganz egal, wie viele E-Autos durch die Kurstadt rollen.

Wassertropfen statt Abgase stößt das Fahrzeug aus.  Foto: Nico Fricke

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Wassertropfen statt Abgase stößt das Fahrzeug aus. Foto: Nico Fricke

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BT-Redakteur Nico Fricke

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Erstellt:
6. Januar 2022, 14:00 Uhr
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