Hinter den Kulissen der mittelbadischen Pilot-Impfpraxis

Baden-Baden (galu) – Bisher ist es ein Modellversuch, doch im April soll der offizielle Startschuss für Corona-Impfungen in den Arztpraxen fallen. Das BT hat die mittelbadische Pilotpraxis besucht.

Corona-Impfungen beim Hausarzt sollen die stockende Kampagne in Zukunft beschleunigen. Foto: Jens Büttner/dpa

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Corona-Impfungen beim Hausarzt sollen die stockende Kampagne in Zukunft beschleunigen. Foto: Jens Büttner/dpa

Schutzimpfungen gegen das Coronavirus in den Hausarztpraxen: Vielerorts werden sie sehnlichst erwartet, da sie neuen Wind in die stockende Impfkampagne der Bundesregierung bringen sollen. Zuletzt wurde Mitte April als Startzeitpunkt von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ins Gespräch gebracht – warum erst so spät, das sorgt insbesondere bei der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) für Unverständnis.

So hätten die letzten Monate gezeigt, dass der Weg aus der Pandemie über breit angelegte Impfungen führen muss – was wiederum nur über die Arztpraxen gelingen könnte, so Kai Sonntag, Leiter der Pressestelle der KVBW. Aus Sicht der Vereinigung müssen die Impfungen so schnell wie möglich auf die Praxen ausgeweitet werden. Besonders die starke Priorisierung der Impfzentren kritisiert er. „Die Konzentration auf die Impfzentren war vor dem Hintergrund des knappen Impfstoffs zum Beginn der Impfungen richtig“, so Sonntag, jetzt sei dies nicht mehr der Fall.

Damit die Abläufe, der Umgang mit dem Impfstoff und die Logistik beim Startschuss in den Praxen reibungslos ablaufen kann, wird die Impfung mit dem Biontech-Präparat seit rund drei Wochen in 40 Pilotpraxen in Baden-Württemberg getestet. Auch in Mittelbaden befindet sich eine solche Praxis, aus Sicherheitsgründen muss diese jedoch anonym bleiben – das BT durfte sich dennoch vor Ort umsehen und die Abläufe beobachten.

Großer bürokratischer Aufwand pro Pieks

Wie auch im Impfzentrum werden die letztlichen Impfungen zunächst von Medizinischen Fachangestellten (MFA) vorbereitet. Dafür wird ein Vial – so der englische Fachbegriff für die kleinen Fläschchen – Impfstoffkonzentrat mit 1,8 Millilitern Kochsalzlösung versetzt und daraufhin in die Impfspritzen aufgezogen. Laut Herstellerangabe sind fünf Spritzen pro Vial drin, aus Erfahrung sind aber sechs problemlos machbar, berichten sowohl der Impfarzt als auch die MFAs vor Ort. Aktuell bekommt die Praxis neun Vials pro Woche zur Verfügung gestellt – rund 54 Impfungen sind dementsprechend machbar.

Problematisch und aufwendig ist jedoch der bürokratische Aufwand vor und nach der eigentlichen Impfung: Jeder Pieks wird dreifach dokumentiert – im Aufklärungsbogen, im Impfpass und im System des Impfarztes.

Um den Zeitaufwand möglichst gering zu halten, bekommen Impflinge den Bogen bereits einen Tag vor ihrem Termin ausgehändigt, damit sie ihn eigenständig ausfüllen können. Dennoch wird er vor Ort nochmals besprochen – zur Sicherheit, wie der Arzt anmerkt. Nicht immer würden Patienten all ihre regelmäßig eingenommenen Medikamente korrekt eintragen, das kann je nach Mittel zu Problemen führen.

„Bürokratie sollte dringend abgespeckt werden“

Im Schnitt schafft er rund 25 Impfungen in vier Stunden – er benötigt also etwa 10 Minuten pro Impfung, inklusive Datenübertragung ins System. „Das ist nur in dieser Geschwindigkeit möglich, weil ich bereits eine gewisse Routine habe“, merkt der Doktor an. Diese sei auch hart erarbeitet: Rund 1.500 Aufklärungen habe er bereits im Impfzentrum betreut, zusätzlich dazu kommt er auf etwa 150 Impfungen in seiner eigenen Praxis.

„Es muss ja nicht sein wie in Amerika, wo man im Drive-In geimpft werden kann. Aber die Bürokratie sollte dringend abgespeckt werden“, findet er. Allein der Aufklärungsbogen vor der Erstimpfung beinhaltet sieben Papiere, welche mit dem Patienten besprochen werden müssen – in manchen Fällen werden diese auch erst noch ausgefüllt, was zusätzliche Zeit in Anspruch nimmt. Ergänzend müssen die Bögen noch digitalisiert werden, sprich eingescannt.

Eine weitere Schwierigkeit sieht er in der Impfreihenfolge: Viele ältere Menschen sind bereits in den Kreisimpfzentren geimpft worden. Trotzdem darf er die Priorisierung nicht aufheben, eine Tatsache, die er kritisch betrachtet. Es werde sich zu sehr auf das Alter versteift, man müsse Vorerkrankungen stärker berücksichtigen. Trotzdem ist er froh, Teil des Projekts sein zu können. Dafür setzt er an Impftagen den normalen Praxisbetrieb aus, nur noch Notfälle werden dann aufgenommen. Denn die Nähe zum Hausarzt schaffe Vertrauen – etwas, was gerade bei den umstrittenen Impfungen dringend nötig sei.

Ihr Autor

BT-Volontär Lukas Gangl

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Erstellt:
29. März 2021, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 58sec

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